Republikaner-Parteitag Fünf Lehren aus Trumps Jubelshow

Zum Abschluss des Republikaner-Parteitags ließ sich Donald Trump vor dem Weißen Haus feiern. Seine Brandrede gegen Joe Biden strotzte vor Unwahrheiten - doch war womöglich effektiv.
Von Roland Nelles und Marc Pitzke, Washington und New York
Große - und illegale - Kulisse: Trumps Parteitagsrede am Weißen Haus

Große - und illegale - Kulisse: Trumps Parteitagsrede am Weißen Haus

Foto:

CARLOS BARRIA / REUTERS

Die Szene ist bombastisch - und potenziell lebensgefährlich. Das Weiße Haus erstrahlt in der Nacht, davor hocken mehr als 1500 Zuschauer auf Klappstühlen, eng nebeneinander, ohne Abstand, kaum eine Corona-Maske. Sie klatschen, grölen, skandieren: "USA! USA! USA!"

Donald Trump sonnt sich im Jubel. Endlich hat er die Massen für seine große Rede, die ihm anderswo verwehrt blieben. Endlich wieder Anbetung. Endlich die erhabene Kulisse, die seinen Worten Wucht geben soll.

Egal, dass diese Kulisse gegen das Gesetz verstößt, dass im Weißen Haus kein Wahlkampf geführt werden darf. Dass das maskenlose Publikum so tut, als sterben nicht weiter täglich mehr als 1000 Amerikaner am Coronavirus. Hier bündelt sich die ganze Trump-Ära: Wir schaffen uns unsere eigene Realität, wir tun, was wir wollen, von wegen "Law and Order".

Zum Finale des Republikaner-Parteitags präsentiert der US-Präsident sein "Programm" für die Wiederwahl. Besser gesagt: eine fiktive Vision Amerikas, voller Unwahrheiten und offenen Lügen. Eine Vision, die mit den wahren Zuständen wenig zu tun hat und nur auf eines abzielt - Trumps Macht zu erhalten und seinen Widersacher Joe Biden zu schlagen.

Hier sind die fünf Lehren aus dem Parteitag:

Fiktive Version Amerikas: Trump am Donnerstagabend

Fiktive Version Amerikas: Trump am Donnerstagabend

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

Lehre 1: Trump setzt auf die Apokalypse

Trump - und die meisten anderen Redner - verunglimpften den 77-jährigen Biden und seine Demokraten als existenziell-apokalyptische Bedrohung für die USA. "Biden ist ein trojanisches Pferd für Sozialismus", rief Trump. "In Bidens Amerika seid ihr nicht sicher." Als Marionette Chinas und linker "Radikaler" werde der Ex-Vizepräsident den American Way of Life "zerstören", Jobs vernichten und die Vororte von kriminellen Mobs abfackeln lassen.

DER SPIEGEL

Dieses Motiv zog sich durch den gesamten Parteitag, wiederholt unter anderem von Verbrechensopfern und Lokalpolitikern. Trump-Anwalt Rudy Giuliani zeichnete ein frei erfundenes Horrorbild von New York, dessen Bürgermeister er mal war. Am Montag spielte die Partei ein Video ein, das als "Vorgeschmack auf Bidens Amerika" einen brennenden Straßenzug zeigte - aus Barcelona .

Die Lügen über Biden überschlugen sich:

Er wolle die Polizei auflösen.

Er würde "die Grenzen abschaffen".

Er sei für die Terrormiliz "Islamischer Staat" verantwortlich.

Er wolle Babys im neunten Monat abtreiben lassen.

"Joe Bidens Agenda ist 'made in China', meine Agenda ist 'made in the USA'", donnerte Trump - der seine eigenen Wahlkampf-Baseballkappen in China herstellen lässt.

Nette Anekdoten über den Präsidenten: Trump-Tochter Ivanka

Nette Anekdoten über den Präsidenten: Trump-Tochter Ivanka

Foto: KEVIN LAMARQUE / REUTERS

Lehre 2: Trump will mehr Frauen

Eins der Hauptziele war, den Präsidenten als Mensch in ein besseres Licht zu rücken. Er sollte nicht nur präsidialer, staatsmännischer wirken, sondern auch mitfühlender. Trump und seine Strategen wissen genau, dass Trump durch seinen aggressiven Stil und seine vielen Skandale vor allem weibliche Wähler abschreckt. Er hat ein Frauenproblem. Um bei Frauen zu punkten, hielten viele Redner also immer wieder Lobeshymnen auf Trumps angebliche Fürsorglichkeit und Fähigkeit zur Empathie.

Damit das alles möglichst glaubwürdig erschien, übernahmen vor allem Frauen aus dem Trump-Kosmos diesen Part: Erst lobte Gattin Melania die menschlichen Qualitäten ihres Mannes, dann war zum Abschluss Tochter Ivanka an der Reihe: Ausführlich erzählte sie, wie sehr der Großvater Trump seine Enkel liebe, wie sehr er sich für die Frauen einsetze.

Die spannende Frage lautet nun, ob sich Trumps Umfragewerte dadurch wirklich verbessern werden. Möglicherweise kommt die Charmeoffensive zu spät, und für die meisten Wählerinnen steht das Urteil über Trump bereits fest. Sie hatten schließlich vier Jahre Zeit, sich ein Bild von ihm zu machen.

Von wegen Corona: Das Publikum sitzt dicht gedrängt und ohne Masken beieinander

Von wegen Corona: Das Publikum sitzt dicht gedrängt und ohne Masken beieinander

Foto: KEVIN LAMARQUE / REUTERS

Lehre 3: Trump erklärt das Virus für besiegt

Trumps größte Belastung in diesem Wahlkampf ist das Coronavirus und die massiven Folgen für das gesamte Land. Nun ist klar, wie die Republikaner bis zur Wahl damit umgehen wollen: Sie versuchen, das Thema wahlweise zu ignorieren oder schönzureden. Es wurde so getan, als sei die Krise quasi vorüber, dabei sterben jede Woche immer noch Tausende an der Krankheit.

Beim ganzen Parteitag gingen nur wenige Trump-Getreue auf die Coronakrise ein. Kam das Thema doch mal zur Sprache, behaupteten sie, Trump habe in den letzten Monaten alles richtig gemacht. Vizepräsident Mike Pence schwärmte von Trumps "starker und entschlossener Führung".

Trump selbst gab die Linie vor. In seiner Abschlussrede prahlte er, seine Regierung habe bei der Bekämpfung von Covid-19 einen tollen Job gemacht - doch wäre Biden an der Regierung gewesen, wären "Hunderttausende" mehr gestorben. Zugleich versprach er einen Impfstoff noch zum Ende des Jahres oder sogar früher, was Experten bezweifeln: "Wir werden das Virus und die Pandemie besiegen, und wir werden stärker sein als je zuvor." Diesen Ton dürfte Trump bis zur Wahl durchhalten, auch wenn die Realität in weiten Teilen des Landes anders aussieht.

Zeichnete das Horrorbild einer kaputten Stadt: New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani

Zeichnete das Horrorbild einer kaputten Stadt: New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

Lehre 4: Mehr Lügen als je zuvor

Vier Tage lang wurde beim Parteitag gelogen, dass die Faktenchecker kaum mehr mitkamen. Um die Illusion vom bösen Biden und guten Trump zu stützen, erweckten etliche Redner die längst widerlegte Ukraine-Verschwörungstheorie um Biden neu, bezichtigten Trumps Vorgänger Barack Obama wieder mal der Spionage, schönten Statistiken, erfanden Verdienste Trumps und verleumdeten die andere Seite als "korrupt" - wo doch keine US-Regierung mehr Probleme mit der Justiz hat als Trumps.

Eine besonders unglaubwürdige Anekdote kam von Rick Grenell, dem frühere US-Botschafter in Berlin: Trump, behauptete der, habe Bundeskanzlerin Angela Merkel mit seinem Charme "um den Finger gewickelt". Im Kanzleramt haben sie bestimmt lange nicht so gelacht.

Rasche Reaktion: Joe Biden und Vizekandidatin Kamala Harris

Rasche Reaktion: Joe Biden und Vizekandidatin Kamala Harris

Foto: Kevin Lamarque / REUTERS

Lehre 5: Trump kann noch gewinnen

Der Auftritt des Präsidenten und der gesamte Parteitag beweisen: Dieses Rennen ist noch nicht entschieden. Die Woche ist für Trump insgesamt gut gelaufen, die Propagandashow funktionierte, es gab keine größeren technischen Pannen.

Anders als Joe Biden hatte Trump auch die bessere Kulisse, indem er das Weiße Haus nutzte, um sich vor einem Millionenpublikum als entschlossener "Commander-in-Chief" zu inszenieren. Die Fahnen und Fanfarenklänge dürften auf einige Wähler Eindruck gemacht haben. Es war bestimmt eine gute Idee, einen erfahrenen TV-Produzenten von Trumps früheren Serie "The Apprentice" mit der Regie zu beauftragen.

Hinzu kommt, dass Trumps aggressive Angstkampagne gegen Biden und die Demokraten tatsächlich schwankende Wähler in seine Arme treiben könnte. Die Botschaft ist simpel, aber gerade deswegen womöglich wirkungsvoll, vor allem in wichtigen US-Bundesstaaten, die auf der Kippe stehen.

Biden und seine Berater haben die Gefahr erkannt. Sie versuchen nun, mit Macht dagegenzuhalten. Vor allem wollen sie Trumps Argument kontern, die Bürger wären in "Bidens Amerika" nicht sicher. Es sei genau andersherum, sagt Biden in einer ersten Reaktion auf den Parteitag. Die Unsicherheit herrsche jetzt, unter Trump - durch Covid-19 und viele andere Themen, die der Präsident nicht in den Griff bekomme: "Das Problem ist, wir leben in Donald Trumps Amerika."

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