René Pfister

Trumps Corona-Infektion Die Lektion des Virus

René Pfister
Ein Kommentar von René Pfister, Washington
US-Präsident Donald Trump hat die Gefahr der Corona-Pandemie systematisch verharmlost. Nun spürt er am eigenen Leib, dass sich ein Virus nicht von Propaganda beeindrucken lässt.
Präsident Trump, Beraterin Hope Hicks

Präsident Trump, Beraterin Hope Hicks

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

Es gibt keinen Grund, Schadenfreude über die Nachricht zu empfinden, dass sich Donald Trump das Coronavirus eingefangen hat. Aber es wäre falsch, die politische Botschaft zu ignorieren, die darin steckt. Die Pandemie hätte für Trump Gelegenheit sein können, seiner chaotischen Präsidentschaft so etwas wie Würde und Sinn zu verleihen. Er hätte in der Stunde der Not das Land mit der Erkenntnis einen können, dass es nun an der Zeit sei, auf den Rat der Wissenschaft zu hören.

Er hat sich anders entschieden. In einem Moment, als die Vereinigten Staaten nichts weniger brauchten als Parteipolitik, hat Trump das Virus politisiert. Statt auf Experten zu hören, folgte er seinem Bauchgefühl.

Der Präsident spielte die Gefährlichkeit des Erregers herunter, weil er offenkundig Angst hatte, ein ehrlicher Umgang damit würde die Aktienmärkte belasten. Er drängte die US-Bundesstaaten dazu, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, während gleichzeitig die Infektionszahlen stiegen.

Noch bei der TV-Debatte am vergangenen Dienstag machte sich Trump über seinen Herausforderer Joe Biden lustig, weil dieser bei öffentlichen Auftritten eine Maske trägt und sich weigert, Großveranstaltungen abzuhalten. Der Präsident machte Witzchen über die Tatsache, dass sein Herausforderer genau jenes Vorbild abgibt, das er eigentlich sein müsste.

"Wahlen haben Konsequenzen"

Nun ist Trump selbst zum Opfer der Pandemie geworden, und vielleicht wird ihm das politisch mehr schaden als all die schrecklichen Zahlen, die er mit seiner Fahrlässigkeit produziert hat: In den USA sind inzwischen 208.000 Menschen an den Folgen des Coronavirus gestorben, mehr als 7,3 Millionen haben sich infiziert. Aber noch bis vor wenigen Tagen tat Trump so, als könne man sich den Erreger mit schierer Willenskraft vom Hals halten.

Es ist kein Zufall, dass viele Trump-Anhänger denken, nur liberale Weicheier in New York und Washington müssten sich mit Masken schützen - denn genau diese Botschaft hatte Trump über Monate verbreitetet.

Demokrat Biden

Demokrat Biden

Foto: BRENDAN MCDERMID / REUTERS

Trumps positiver Corona-Test ist so gesehen mehr als nur eine Diagnose; er ist das Dementi seiner eigenen Politik. Seine Anziehungskraft bestand immer darin, dass er seine Fans glauben ließ, er verfüge über magische Kräfte. Krankheit war für Trump ein Synonym für Schwäche.

Im Wahlkampf 2016 hatte er nur Spott  für Hillary Clinton übrig, die wegen einer Lungenentzündung einen Schwächeanfall erlitten hatte. Nun zeigt sich, dass sich das Virus nicht von politischer Propaganda beeindrucken lässt, und zwar auch dann nicht, wenn sie aus dem Mund des mächtigsten Mannes der Welt kommt. Wenn man so will, hat es dem Präsidenten eine Lektion erteilt.

Man kann Trump nur wünschen, dass die Krankheit einen milden Verlauf nimmt. Am Freitagabend wurde der Präsident per Hubschrauber in eine Washingtoner Klinik eingeliefert, als Vorsichtsmaßnahme, wie es hieß. Sollte Trump sich schnell erholen, wird es der Präsident zweifellos als Bestätigung sehen, dass die Pandemie ein von den Demokraten aufgeblasener Schwindel ist, der nur dazu dient, ihm den Wahlsieg zu stehlen.

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Aber im Moment ist noch völlig offen, ob ihm ein ähnliches Glück beschieden sein wird wie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Der hatte wie Trump die Gefahren des Erregers heruntergespielt und zog aus dem glimpflichen Verlauf der eigenen Erkrankung den abenteuerlichen Schluss, dass diese halb so schlimm sei - obwohl das Virus in seinem Land bis heute über 140.000 Todesopfer gefordert hat.

Trump besitzt noch immer leidenschaftliche Anhänger

Trump besitzt immer noch eine leidenschaftliche Anhängerschaft, aber in einer Frage herrscht bei den Amerikanern große Einigkeit: Nur 35 Prozent  der US-Bürger glauben, dass der Präsident angemessen auf das Virus reagiert hat. Während das Ansehen vieler US-Gouverneure in der Pandemie gestiegen ist, hat sich Trump mit seiner Ignoranz vor allem selbst geschadet.

"Wahlen haben Konsequenzen", sagte Trump am Dienstag im TV-Duell mit Biden. Wie wahr dieser Satz ist, haben die Amerikaner in den vergangenen Monaten erlebt. In kaum einem anderen Industrieland sind mehr Menschen an den Folgen der Pandemie gestorben.

Weil das Virus sich weiter unkontrolliert verbreitet, kommt die Wirtschaft nur schleppend auf die Beine - und nun haben die Vereinigten Staaten auch noch einen Commander-in-Chief, dem seine eigene Verantwortungslosigkeit zum Verhängnis wurde und der für die nächsten Wochen in Quarantäne festsitzt. "Wahlen haben Konsequenzen." Die Amerikaner sollten sich an die Worte ihres Präsidenten erinnern, bevor sie am 3. November ihr Kreuz machen.

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