TV-Duell Trump gegen Biden Großes Theater, wenig Substanz

Donald Trump trifft in einer Fernsehdebatte erstmals auf seinen Kontrahenten Joe Biden. Zu erwarten ist eine politische Schlammschlacht mit vielen Überraschungen.
Von Roland Nelles und Marc Pitzke, Washington und New York
Findet trotz Corona-Sorgen statt: Die TV-Debatte zwischen Trump und Biden

Findet trotz Corona-Sorgen statt: Die TV-Debatte zwischen Trump und Biden

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/Shutterstock

Es soll keinen Handschlag geben, wenn sich US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden an diesem Dienstag zum ersten von drei TV-Duellen vor der US-Wahl am 3. November treffen.

Das ist in der Corona-Pandemie eine Vorsichtsmaßnahme der Veranstalter, aber vermutlich bräuchte es die gar nicht. Selbst unter normalen Umständen würden sich diese beiden Herren kaum herzlich begrüßen.

Wohl nie zuvor war die Anspannung vor einem amerikanischen TV-Duell größer. Das Aufeinandertreffen von Trump und Biden in Cleveland, Ohio, am Dienstagabend (Ortszeit) ist der bisherige Höhepunkt eines Wahlkampfs, der mit beispielloser Härte und gnadenloser Wut geführt wird. In der Arena zu erwarten ist ein politisches Spektakel, wie es Amerika noch nie erlebt hat - und das alles live zur besten Primetime-Sendezeit. Man darf getrost schon jetzt von der Mutter aller TV-Duelle sprechen.

Patriotisches Podium: Debattenbühne in Cleveland

Patriotisches Podium: Debattenbühne in Cleveland

Foto: BRIAN SNYDER / REUTERS

Sicher lässt sich lange darüber diskutieren, welche tatsächlichen Auswirkungen solche Show-Events auf den Wahlausgang überhaupt noch haben. Viele Wähler haben sich ihr Urteil über die Kandidaten längst gebildet, beide haben sich in den Umfragen kaum bewegt, trotz turbulenter Wochen. Zumindest Trump aber dürfte das Aufeinandertreffen als eine der letzten Chancen sehen, sein politisches Überleben im Weißen Haus doch noch zu sichern, ohne zu unlauteren Mitteln greifen zu müssen.

In den meisten Umfragen liegt Trump, 74, seit Monaten hinter Biden zurück, gerade auch in den wichtigen Swing States. Viele Gelegenheiten, das Rennen zu seinen Gunsten zu drehen, bleiben ihm nun nicht mehr, gerade nachdem ihm schon wieder ein neuer Skandal nachjagt, der um seine jahrelangen Steuertricks. Patzt Trump in Cleveland, würde dies seine Chancen jedenfalls kaum verbessern.

Umgekehrt wird Biden darauf achten müssen, keine Fehler zu machen. Der 77-Jährige steht mindestens genauso unter Beobachtung: Für den demokratischen Herausforderer geht es darum, vor einem Millionenpublikum alle Zweifel an seiner geistigen und körperlichen Fitness zu zerstreuen.

Wie läuft die Debatte ab?

Biden muss beweisen, dass er dem Präsidentenamt gewachsen ist und darf gegenüber dem politischen Bulldozer Trump keine Schwäche zeigen. Versagt er auf der großen Bühne dramatisch, wäre das kein gutes Omen für den Schlussspurt.

Kritisch - obwohl er bei Fox News arbeitet: Der Debattenmoderator Chris Wallace

Kritisch - obwohl er bei Fox News arbeitet: Der Debattenmoderator Chris Wallace

Foto: Joe Raedle / AP

Die Debatte wird auf allen US-Networks zeitgleich ausgestrahlt, 90 Minuten ohne Werbepausen. In Deutschland ist sie in der Nacht ab 2.45 Uhr bei uns im Livestream auf SPIEGEL.de zu sehen, aber auch im linearen Fernsehen bei Phoenix und im ZDF. Dank der dramatischen Themenlage könnten die US-Einschaltquoten den bisherigen Rekord sogar einstellen: 84 Millionen Amerikaner verfolgten 2016 die erste TV-Debatte von Trump und Hillary Clinton. Diesmal wird mit bis zu 100 Millionen Zuschauern gerechnet.

Moderator Chris Wallace kommt zwar vom konservativen Sender Fox News, ist aber als kritischer Fragesteller bekannt - und nahm Trump zuletzt im Juli in die Mangel. Trotzdem will er kein Live-Faktenchecker sein, sondern "so unsichtbar wie möglich". Das ist gewollt: "Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Moderator einer Debatte und einem Reporter, der jemanden interviewt", sagte Frank Fahrenkopf, der Vizechef der überparteilichen Kommission, die die Debatten organisiert, auf CNN. Auch er lehnt eine Korrektur von Lügen ab - ob von Trump oder Biden.

Wegen der Pandemie findet die Debatte nur vor maximal 100 Zuschauern statt, die im Auditorium Abstand halten müssen. Zwei andere Austragungsorte hatten zuvor abgesagt. Auch Reportermassen und den "Spin Room", in dem Topberater für die Kandidaten werben, wird es nicht geben. Einige technische Mitarbeiter wollten nicht eingeflogen werden und wurden mit Bussen angekarrt, manche aus mehr als 2000 Kilometern Entfernung.

Böse Attacken: Trump debattiert Hillary Clinton in 2016

Böse Attacken: Trump debattiert Hillary Clinton in 2016

Foto: POOL/ REUTERS

Das zweite Aufeinandertreffen, eine Townhall-Debatte in Miami Mitte Oktober, wird von Steve Scully moderiert, dem Politikchef des Senders C-SPAN, die dritte am 22. Oktober in Nashville von NBC-Reporterin Kristen Welker. Susan Page von der Zeitung "USA Today" übernimmt nächsten Mittwoch die Vize-Debatte zwischen Mike Pence und Kamala Harris in Salt Lake City. Keiner von ihnen stand auf Trumps Wunschliste aus meist ihm freundlich gesinnten Namen.

Wie haben sich Trump und Biden vorbereitet?

Die Kandidaten haben sich sehr unterschiedlich für das Duell gerüstet. Trump engagierte seinen Anwalt Rudy Giuliani und Chris Christie, den Ex-Gouverneur von New Jersey, um ihn zu "preppen", wobei unklar bleibt, wer da wem Anweisungen gab. Vor allem aber versucht Trump seit Wochen, die Debatten von vornherein mit allerlei Polit-Theater zu manipulieren. So behauptete er etwa, Biden wolle sich aus Angst drücken, eine reine Erfindung. Auch forderte er eine vierte, frühere Debatte.

Zugleich porträtierte er Biden als senil - bis ihn seine Berater angeblich warnten, dass er damit die Schwelle für einen Erfolg Bidens gefährlich niedrig lege. Seither schlägt Trump den entgegengesetzten Weg ein: Biden stehe womöglich unter "leistungssteigernden Medikamenten", die ihn wachsamer machen sollten, sagte er - und verlangte einen Drogentest.

Solche Manöver sind nicht neu: Auch 2016 beschwerte sich Trump über den Terminkalender und fabulierte, Clinton und die Demokraten wollten die Duelle "fälschen".

Biden dagegen hat sich auf klassische Weise auf die zu erwartenden Angriffe vorbereitet, im engsten Vertrautenkreis. Oberster Debatten-Trainer war US-Berichten zufolge sein früherer Stabschef Ron Klain, flankiert unter anderem vom Chefstrategen Mike Donilon und Ex-Regierungsjustiziar Bob Bauer, der die Rolle Trumps spielte. Begleitet wurden diese internen Sparring-Matches von hämischen Werbespots gegen Trump, die das Lincoln Project schaltete, eine Gruppe Biden-naher Republikaner.

Welche Themen werden wichtig?

Corona, die Wirtschaft, der Supreme Court, Trumps Steuererklärungen, die Polizeigewalt, das Gesundheitswesen, der Streit um die Briefwahl: Es gibt eigentlich kaum ein Thema, das bei dem Duell nicht zur Sprache kommen wird. Für beide Kontrahenten gibt es Punkte, mit denen sie sich profilieren wollen - und solche, die für sie unangenehm werden könnten.

Potenzielles Reizthema: Supreme-Court-Kandidatin Amy Coney Barrett

Potenzielles Reizthema: Supreme-Court-Kandidatin Amy Coney Barrett

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

Trump wird versuchen, seine Erfolge in der Wirtschaftspolitik vor Beginn der Pandemie herauszustellen, doch von dem Crash seither abzulenken. Biden dürfte Trump als Gefahr für die Zukunft der amerikanischen Demokratie darstellen und sich selbst als Versöhner präsentieren.

Die Erfahrung lehrt: Viele Zuschauer achten bei solchen Duellen nicht unbedingt auf die Substanz dessen, was gesagt wird, sondern eher darauf, wie Dinge gesagt werden. Wer wirkt kompetent, durchsetzungsstark, sympathisch?  

Was kann die Debatte noch ändern?

Früher, in konventionellen Wahlkämpfen, konnten die TV-Debatten Schlüsselmomente sein, die das Schicksal eines Kandidaten - wenn auch selten - zum Guten oder Schlechten wendeten. Etwa als Richard Nixon 1960 beim ersten TV-Duell überhaupt gegen John F. Kennedy im Scheinwerferlicht schwitzte, was ihm angeblich den Wahlsieg raubte. Oder als Gerald Ford 1976 behauptete, der Ostblock stehe mitnichten unter "sowjetischer Herrschaft". Oder als Ronald Reagan 1984 frotzelte, er werde die "Jugend und Unerfahrenheit" seines Rivalen Walter Mondale nicht ausnutzen.

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Doch dies ist kein konventioneller Wahlkampf. So bleibt die Frage, was ändert das alles noch? Geht man nach Trumps Verhalten in den Debatten 2016, wird er eine Salve aus Lügen und Beschimpfungen loslassen, die Biden seinerseits mit pointierter Kritik an Trump konterkarieren dürfte. Das dürfte unterhaltsam werden für die Zuschauer. Aber ist es auch informativ?

Zumal eine kürzliche Umfrage  ergab, dass sich nur noch elf Prozent der registrierten US-Wähler als "unentschieden" sehen. Dieselbe Umfrage ermittelte aber, dass 80 Prozent ein hohes Interesse am Wahlkampf hätten.

Hinzu kommt: Fast eine Million Amerikaner haben ihr Votum bereits per Briefwahl abgegeben. Weitere mehr als 70 Millionen Stimmzettel sind postalisch unterwegs zu den Wählern. "Zu viel Theater, zu wenig Substanz", schreibt  Kolumnist Charles Blow in der "New York Times" über die Debatten - und rät zu ihrer Abschaffung: Wer mehr über die Positionen der Kandidaten wissen wolle, sei auf deren Websites besser aufgehoben.