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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Marc Pitzke

Die Lage: USA 2020 "Sie sterben, stimmt ... So ist das eben"

Marc Pitzke
Von Marc Pitzke, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit Trumps neuestem Interview-Fiasko, seinem ominösen Absturz im Swing State Ohio - und dem hoch motivierten TikTok-Wählernachwuchs.

In den USA fühlt sich das Leben gerade wie bei "Alice im Wunderland" an, nur ohne Charme und Poesie. Alle Logik scheint außer Kraft gesetzt, oben ist unten, klein ist groß, schwarz ist weiß. Doch viele tun so, als sei jeder Tag ein ganz normaler Tag.

Manchmal aber offenbart sie sich auf einen Schlag, die Absurdität dieser letzten Monate und dieses Wahljahres. Dann wird für einen kurzen Moment klar, wie verrückt das alles ist.

Ein solcher Moment kam jetzt in Form eines TV-Interviews. Donald Trump hat schon viele blamable Interviews gegeben, doch bei diesem unterbietet er sich selbst: Die knapp 38 Minuten, die in die Geschichte eingehen dürften, enthüllen, wie hoffnungslos die Lage ist, wie weit wir hier inzwischen von der Normalität entfernt sind und wie sehr sich unsere Maßstäbe verschoben haben.

Dass ausgerechnet dieses Gespräch so verräterisch ist, liegt vor allem am Interviewer - kein altgedienter Network-Anchor, sondern Jonathan Swan, ein Reporter der US-Website "Axios" , die eine Politshow im TV-Bezahlsender HBO hat. Furchtlos entlarvt der Australier, der am Freitag 35 wird, das Geschwafel Trumps und die Fake-News-Blase, in der dieser lebt. Highlights:

  • Statt Fehler einzuräumen oder Mitgefühl zu zeigen, bagatellisiert Trump die fast 160.000 Corona-Todesopfer in den USA - eine Zahl, die täglich um mehr als tausend steigt: "Sie sterben, stimmt... So ist das eben." Den beiläufigen O-Ton ("It is what it is") nutzte Trumps Rivale Joe Biden in einem Wahlkampfvideo.

  • Entweder wird Trump von seinem Stab über die Corona-Situation im Dunkeln gelassen - oder er lügt. Er behauptet, das Virus sei "unter Kontrolle", fuchtelt mit Statistiken herum und behauptet, "wir sind weniger als die Welt", und warnt, dass man auch nicht "zu viel testen" dürfe. Warum? "Oh, lesen Sie nur die Handbücher." Trumps Zahlen aber kann Swan leicht widerlegen.

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  • Obwohl die Infiziertenzahlen nach seinem umstrittenen Wahlkampfauftritt in Tulsa, Oklahoma, im Juni dort spürbar anstiegen, sind sein größtes Problem die Berichte über die Zuschauerzahlen: Die Medien hätten den Andrang untertrieben. "Wir hatten 12.000, nicht 6000!", beharrt er. Kein Wort zum Beispiel über seinen Freund Herman Cain, der nach dem Besuch in Tulsa an Covid-19 erkrankte und vergangene Woche starb.

  • Swan bringt die jüngsten Geheimdiensterkenntnisse zur Sprache, wonach Russland den Taliban Kopfgeld für US-Soldaten in Afghanistan angeboten habe. Trump widerspricht und sagt, er habe das bei seinem letzten Telefonat mit Wladimir Putin auch gar nicht angesprochen.

  • Ausdrücklich wiederholt Trump seine freundlichen Grüße an Ghislaine Maxwell , die mutmaßliche Komplizin von Jeffrey Epstein. "Alles Gute" wünsche er ihr: "Sollen sie doch beweisen, dass jemand schuldig ist."

Nicht Corona-scheu: Anhängerin bei Trumps Rally in Tulsa, Oklahoma

Nicht Corona-scheu: Anhängerin bei Trumps Rally in Tulsa, Oklahoma

Foto: LEAH MILLIS/ REUTERS

Es lohnt sich, diese präsidiale Selbstzerstörung in ganzer Länge anzuschauen. Allein um von Swan zu lernen, wie man Trump interviewt, ohne von den Wortlawinen erschlagen zu werden - CNN zählte mindestens 19 handfeste Lügen  Trumps. Das Schlimme daran: Dies sind die wirren Gedanken des mächtigsten Mannes der Welt, des Präsidenten der USA. Ein ähnlich verheerendes Interview demontierte 2008 Sarah Palin . Zwölf Jahre später sind die Maßstäbe so verschoben, dass viele nur noch mit den Schultern zucken. It is what it is.

Selbst die Macher der TV-Präsidentensatire "Veep" sehen sich genötigt, das Desaster zu kommentieren. Ein solches Interview hätte es in ihrer Serie nie geben können, twittert Schauspieler Sam Richardson: "Ein Präsident, der so dämlich ist, das ist zu albern und unrealistisch." Und doch: Am Dienstagabend wiederholt Trump viele dieser - und neue - Unsäglichkeiten bei einer Pressekonferenz.

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Nichts davon überrascht. Trumps Nichte Mary Trump erzählte mir in ihrem ersten deutschen Interview , dass das nationale Trump-Drama vor sieben Jahrzehnten seinen Ursprung nahm, im New Yorker Stadtteil Queens, wo der Patriarch Fred Trump seinen "inkompetenten" Sohn Donald zum "gefährlichsten Mann der Welt" herangezogen habe. Früher litt nur die Familie darunter, jetzt leiden Millionen Amerikaner darunter.

Zum Beispiel die 31 Millionen Menschen, die wegen der Coronakrise, die Trump zu lange ignorierte, ihre Jobs verloren haben. Die bisherige Staatshilfe - 600 Dollar in der Woche - lief am Freitag aus, bevor der Kongress sich auf eine Verlängerung einigen konnte. Trump tobt, doch nur, weil diese humanitäre Katastrophe ihm seine Chancen auf die Wiederwahl verhagelt.

Kein Geld für Corona-Opfer: Demokratischer Senator Chuck Schumer bei den Verhandlungen im Kongress

Kein Geld für Corona-Opfer: Demokratischer Senator Chuck Schumer bei den Verhandlungen im Kongress

Foto: Susan Walsh/ AP

Wie unfassbar das alles ist, lässt sich auch in einem Essay  nachlesen, für den das Magazin "Atlantic" seine Bezahlschranke aufgehoben hat. "Wie die Pandemie Amerika besiegte", ist der Titel des Texts, in dem Wissenschaftsreporter Ed Yong folgendes Fazit zieht:

"Niemand sollte schockiert sein, dass ein Lügner, der während seiner Präsidentschaft fast 20.000 falsche oder irreführende Behauptungen  aufgestellt hat, darüber lügen würde, ob die USA die Pandemie unter Kontrolle haben; dass ein Rassist, der die Verschwörungstheorie des birtherism erfand, wenig tun würde, um ein Virus zu stoppen, das überproportional Schwarze tötete; dass ein Xenophob, der Einwanderungsknäste bauen ließ, befehlen würde, Fleischbetriebe offen zu halten, deren Belegschaft mehrheitlich Einwanderer sind; dass ein grausamer Mann ohne Mitgefühl die verängstigten Bürger nicht beruhigen würde; dass ein Narzisst, der es nicht ertragen kann, überschattet zu werden, den Rat von Experten ablehnen würde; dass ein Produkt von Vetternwirtschaft eine Schatten-Coronavirus-Taskforce seinem unqualifizierten Schwiegersohn übergeben würde..."

Wie schon der verrückte Hutmacher in Lewis Carolls "Alice" sagte: "Ich bin nicht verrückt. Meine Realität ist einfach eine andere als deine."

Termine der Woche

Geld wie Sand: New Yorker Prominentenparadies Hamptons

Geld wie Sand: New Yorker Prominentenparadies Hamptons

Foto: AP/ KKM Photo

Corona-Wahl, Folge 867: Während Joe Biden weiter eine Weniger-ist-mehr-Strategie verfolgt und sich mit der Benennung seiner Vizekandidatin Zeit lässt, macht Trump - mangels Großkundgebungen wie vor Corona - jeden offiziellen Auftritt, jedes Briefing zum Wahlkampftermin. Obwohl ihm das Gesetz untersagt, sein vom Steuerzahler finanziertes Amt für Wahlkampfzwecke zu missbrauchen. Doch was zählt schon das Gesetz?

Diese Woche jetten Trump und Co. mit der "Air Force One" in die Hamptons, das New Yorker Prominenten-Reservat, um bei mehreren Fundraising-Galas Spendendollar zu sammeln - ohne Masken und Corona-Regeln. Doch die betuchten Sommerfrischler dort scheinen sich nur wenig darum zu scheren.

Die Sause beginnt am Donnerstag mit einem Dinner: Präsidentensohn Donald Trump Jr. und seine Freundin Kimberly Guilfoyle bewirten VIP-Gäste, Tickets kosten bis zu 50.000 Dollar pro Paar (Empfang plus Tischplatz). Guilfoyle, Ex-Moderatorin von Fox News, scheint von ihrer Corona-Infektion genesen. Sie gesundete, ja, in den Hamptons , wo das Power-Couple eine 4,5-Millionen-Dollar-Villa  erstanden hat - während Trump Sr. ankündigen lässt, dass der Corona-geschrumpfte Wahlparteitag erneut im Zeichen der "vergessenen Männer und Frauen Amerikas " stehen werde.

Umfrage der Woche

Das Demoskopen-Trauma von 2016 sitzt bis heute tief, sagte mir  der Meinungsforscher Micah Cohen ("FiveThirtyEight "). Aber aus dem Fiasko, bei dem die meisten eine Niederlage Trumps vorhergesagt hatten, hätten wir die falschen Lehren gezogen: Die richtige wäre, dass Umfragen nun mal ungenau sind und "dass man vorsichtig sein muss, wie man sie interpretiert".

Zum Beispiel diese, frisch aus dem Swing State Ohio: Dort führt Biden mit erstaunlichen 46 zu 42 Prozent. Auch sind Bidens Anhänger demnach engagierter, motivierter und enthusiastischer als die viel gerühmte Basis Trumps. Für den sind das ominöse Zahlen. "Noch nie wurde ein Republikaner ohne Ohio gewählt oder wiedergewählt", sagt der Politologe John Green .

Social-Media-Moment der Woche

Katzenvideos und Trump-Satire: Jugend-App TikTok

Katzenvideos und Trump-Satire: Jugend-App TikTok

Foto: MANJUNATH KIRAN/ AFP

Aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage habe ich mich erstmals in die Welt von TikTok gewagt. Die Video-App wollte Trump in den USA ja erst verbieten, weil sie aus China kommt - oder tat jedenfalls so, um jetzt das von ihm geforderte staatliche Lösegeld für eine Übernahme durch Microsoft oder andere zu erhöhen.

Trump ist TikTok aber wohl auch deshalb ein Dorn im Auge, weil seine Wahlkampfveranstaltung in Tulsa von TikTok-Teens sabotiert wurde. Außerdem veröffentlicht eine seiner effektivsten Kritikerinnen, die Komödiantin Sarah Cooper, ihre Trump-Satirevideos auf TikTok, zum Beispiel jetzt eines über Trumps Drohung  gegen TikTok.

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Bei meinem flüchtigen Ausflug in die TikTok-Welt, stieß ich auf Clips von singenden Chihuahuas (Whitney Houstons "I Will Always Love You"), plaudernden Fischen, auf Zopf-Flechtanleitungen - und diverse Appelle  an Trump, die App "bitte bitte" nicht zu sanktionieren. "TikTok ermöglicht Interaktionen, wie sie auf Facebook und Instagram nie stattfinden könnten", schreibt eine Gruppe  junger TikTok-Stars. "Unsere Generation wuchs im Internet auf."

Wahlkampf-Unsinn der Woche

Passt auch unter die Rubrik Social Media: Dass es auch Trumps Anhänger mit der Wahrheit nicht so genau halten, bewies Will Allen, ein Fan aus Kentucky. Der veröffentlichte ein gefälschtes Facebook-Video von der Chef-Demokratin Nancy Pelosi. Der Clip, ursprünglich von einer Pressekonferenz Pelosis  aufgenommen, ist so verlangsamt, damit es aussieht, als lalle sie betrunken. Facebook versah das Video mit einer obligatorischen Fake-News-Warnung ("Teilweise falsche Informationen"), trotzdem sahen es mehr als zwei Millionen User.

Storys der Woche

Diese Storys unseres USA-Teams empfehle ich Ihnen:

  • Roland Nelles und unser Pekinger Kollege Bernhard Zand analysieren den eskalierenden Streit zwischen den USA und China im Video.

  • Ralf Neukirch berichtet von den Unruhen und dem Einmarsch der Bundestruppen in Portland, Oregon.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!

Herzlich,

Ihr Marc Pitzke

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes stand, die bisherige Staatshilfe betrage 600 Dollar im Monat, die Summe wurde allerdings wöchentlich gezahlt. Wir haben die Stelle korrigiert.

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