Enthüllungsbuch über Donald Trump "Eine langfristige Gefahr für das Land"

Als unbelesen, eitel und aufbrausend beschreiben Ex-Mitarbeiter den US-Präsidenten in einem neuen Buch. So unterhaltsam die geschilderten Anekdoten über Trump auch sind - die Bilanz ist beunruhigend.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
Donald Trump: "Man knirscht mit den Zähnen, die Nackenhaare sträuben sich", werden Ex-Mitarbeiter zitiert

Donald Trump: "Man knirscht mit den Zähnen, die Nackenhaare sträuben sich", werden Ex-Mitarbeiter zitiert

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AFP

Das "USS Arizona Memorial" in Hawaii ist eine der wichtigsten Pilgerstätten für US-Präsidenten. Der Gedenkort erinnert an Japans Angriff auf Pearl Harbor, der die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg stürzte. Mehr als 2400 Amerikaner starben, die meisten Soldaten wurden nie aus dem Wrack geborgen.

Donald Trump besuchte das Mahnmal bei Honolulu im November 2017 - doch wusste er offenbar nicht, welche Bedeutung es hatte.

"Hey, John, worum geht's hier?", soll Trump seinen damaligen Stabschef John Kelly gefragt haben. "Was besichtigen wir gerade?" Kelly, ein General a.D., der unter anderem im Irakkrieg gedient hatte, sei "sprachlos" gewesen.

Nachlesen lässt sich die bisher unbekannte Anekdote in "Trump gegen die Demokratie", einem neuen Enthüllungsbuch, das nächste Woche in den USA und Deutschland erscheint. Der US-Originaltitel - in der deutschen Fassung der Untertitel - lautet: "A Very Stable Genius." Das bezieht sich auf einen Ausdruck von Trump selbst, mit dem er 2018 seine eigene Intelligenz rühmte.

Die Autoren Phil Rucker und Carol Leonnig von der "Washington Post" gewannen für ihre Trump-Berichte bereits den Pulitzerpreis. Das in der deutschen Übersetzung 528-seitige Buch, das dem SPIEGEL vorliegt, wimmelt vor haarsträubenden Schilderungen. Trump wird darin nicht nur als "gefährlich uninformiert", "egozentrisch" und "gedankenlos" bezeichnet - sondern als "langfristige und unmittelbare Gefahr für das Land", so ein Top-Mitarbeiter aus dem nationalen Sicherheitsapparat.

"Worum geht's hier?": Trump und First Lady Melania Trump an der Gedenkstätte von Pearl Harbor

"Worum geht's hier?": Trump und First Lady Melania Trump an der Gedenkstätte von Pearl Harbor

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Zähneknirschen im Weißen Haus

Für viele Amerikaner habe die Präsidentschaft immer "etwas Magisches" gehabt, heißt es - "bis Trump kam". "Er hat diesen Zauber zerstört", so ein Ex-Mitarbeiter. "Mit seiner Verachtung, die er für die Fundamente unseres Landes und seine Prinzipien an den Tag legt. Mit seiner Missachtung von Recht und Unrecht. Man ballt die Fäuste. Man knirscht mit den Zähnen. Die Nackenhaare sträuben sich." Vor allem Trumps Lügen entsetzten Insider: "Er lügt wie gedruckt", sagte sein kurzzeitiger Kommunikationschef Anthony Scaramucci den Autoren. "Er lügt die ganze Zeit." Er habe Trump gefragt, ob der nur eine Rolle spiele. Die Antwort: "Natürlich spiele ich eine Rolle."

Lieblingsfreund Putin

Nach seinem Wahlsieg habe es Trump kaum erwarten können, den russischen Präsidenten Wladimir Putin kennenzulernen. "Wann kann ich mich mit Putin treffen?", habe er schon vor seiner Amtseinführung immer wieder gedrängt. Seine Berater hätten ihm erklärt, dass das unangebracht sei und sich ein neuer US-Präsident zuerst mit Nato-Verbündeten treffen müsse. Als er Putin schließlich 2017 beim Hamburger G20-Gipfel getroffen habe, habe er sich sofort zum Putin-Experten erklärt. "Ich habe zwei Stunden lang mit Putin gesprochen", habe er Außenminister Rex Tillerson - einem ausgewiesenen Russland-Kenner - gesagt. "Mehr muss ich nicht wissen ... Ich kann die Sache jetzt gut einschätzen. Ich habe das im Griff."

"Ich habe das im Griff": Trump und Putin in Hamburg

"Ich habe das im Griff": Trump und Putin in Hamburg

Foto: Steffen Kugler/ picture alliance/dpa

Wo liegt Indien?

Trump habe den indischen Premier Narendra Modi - den er intern gern "mit einem falschen indischen Akzent" imitiere - über Indiens geopolitische Situation belehren wollen. Als sich Modi bei einem Treffen über Chinas aggressives Verhalten beklagt habe, habe Trump aber tatsächlich seine eigene geografische "Ahnungslosigkeit" offenbart: "Es ist ja nicht so, als würde China direkt vor Ihrer Grenze stehen", habe er gesagt. Modi seien "vor Überraschung fast die Augen aus dem Kopf" gefallen. Nach dem Treffen "machten die Inder einen Schritt zurück", und die diplomatischen Beziehungen zu den USA hätten sich abgekühlt.

Korruption ist gut

Wie die meisten in dem Buch genannten Ex-Mitarbeiter ist Rex Tillerson längst gefeuert. Er scheint nun die Quelle für viele Zitate zu sein. So habe ihm Trump einmal aufgetragen, den Foreign Corrupt Practices Act "abzuschaffen", ein Gesetz von 1977, das es Amerikanern und US-Firmen verbietet, ausländische Beamte zu bestechen. "Es ist einfach unfair, dass amerikanische Firmen keine Bestechungsgelder zahlen dürfen, um internationale Aufträge zu bekommen", habe der Immobilienunternehmer Trump einer Gruppe von Mitarbeitern gesagt. "Das werden wir ändern."

"Ihr seid alle Verlierer": Ex-Minister Mattis und Tillerson

"Ihr seid alle Verlierer": Ex-Minister Mattis und Tillerson

Foto: Manuel Balce Ceneta/ dpa

Weicheier und Babys

Weil Trumps Topberater "über die klaffenden Geschichtskenntnislücken des Präsidenten" beunruhigt gewesen seien, hätten sie ihm 2017 eine "Nachhilfestunde über den Stand der Weltpolitik und der außenpolitischen Interessen der USA" geben wollen. Doch die "sanfte Lektion über die Macht Amerikas", an der auch die damaligen Minister Tillerson und Mattis (Verteidigung) teilgenommen hätten, sei gründlich schiefgegangen: "Trump war nicht nur genervt, derart geschulmeistert zu werden, sondern reagierte allergisch auf den Ansturm von Informationen." Schließlich sei er ausgerastet: "Ihr seid alle Verlierer", habe er gebrüllt. "Ihr seid nichts als ein Haufen Weicheier und Babys." Die Tirade sei Anlass für Tillersons später kolportierte Bemerkung gewesen, Trump sei ein "Vollidiot". Von den Beratern im Raum arbeitet heute keiner mehr für Trump.

Söldner an die Front

Bei einem Treffen mit Militärs habe Trump gefordert, anderen Staaten die Stationierung und den Einsatz von US-Soldaten in Rechnung zu stellen. "Wir müssen etwas daran verdienen", habe er gesagt. "Das könnte sehr profitabel für uns werden." Der damalige Generalstabschef Joseph Dunford habe versucht, ihm "freundlich zu erklären", dass das verboten sei. "Aber es funktionierte einfach nicht", habe sich ein Ex-Berater erinnert. "Nichts drang zu ihm durch." Darauf sei Tillerson der Kragen geplatzt: "Ich habe nie eine Uniform getragen, aber eines weiß ich", habe er sich empört. "Jeder Mensch, der sich dazu bereit erklärt, eine Uniform zu tragen, und dazu gehören auch die Personen hier im Raum, tut das nicht, weil er daran Geld verdienen will." Nicht mal drei Monate später war Tillerson seinen Job los.

"Sie ist so klein": Ex-Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen

"Sie ist so klein": Ex-Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen

Foto: AARON P. BERNSTEIN/ REUTERS

Sind so kleine Hände

Besonders übel habe Trump die damalige US-Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen traktiert, die er für die angebliche Krise an der US-Südgrenze persönlich verantwortlich gemacht habe. Er sei ihr gegenüber "verbal und emotional geradezu ausfällig" gewesen, habe sie mit wütenden Anrufen in der Nacht schikaniert und sich über ihre Körpergröße lustig gemacht - Nielsen ist 1,62 Meter groß. "Sie ist so klein", habe er gelästert. Stabschef John Kelly habe Nielsen, mit der er befreundet war, getröstet: "Aber Sie haben richtig gemeine kleine Fäuste".

Ich bin der Beste

Trump rege sich oft auf, wenn andere Personen Auszeichnungen und Preise erhielten. So habe er erfolglos versucht, den Friedensnobelpreis verliehen zu bekommen: "Er hing ständig am Telefon, um wichtige Personen dazu zu bringen, ihn für den Preis vorzuschlagen." Trumps Werbebotschaft in eigener Sache: "Es ist an der Zeit. Obama hat ihn bekommen, obwohl er nichts getan hat. Ich habe Frieden nach Nordkorea gebracht." Auch wenn jemand von einer renommierten Denkfabrik gewürdigt werde, beklage er sich oft, er habe das viel mehr verdient. Einmal habe er sogar vorgeschlagen, sich selbst die Medal of Freedom zu verleihen, eine der höchsten zivilen US-Auszeichnungen.

Gegen den Kühlschrank gerannt

Als Trumps Stabssekretär Rob Porter gehen musste, weil ihm seine Exfrau Colbie Holderness häusliche Gewalt vorwarf, habe Trump - dem selbst von zahllosen Frauen Übergriffigkeit und sexuelle Belästigung vorgeworfen wird - ihn in Schutz genommen. Er habe geklagt, viele Frauen würden Dinge über Männer erfinden, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Vielleicht, so soll Trump sich geäußert haben, sei Holderness ja absichtlich gegen den Kühlschrank gelaufen, "um sich die blauen Flecken zu holen und damit Geld aus Porter herauszupressen". Trump habe Kelly gedrängt, diese "Ungerechtigkeit" möglichst laut auszuposaunen. 

Philip Rucker und Carol Leonnig: "Trump gegen die Demokratie - 'A Very Stable Genius'. Aus dem Amerikanischen von Martin Bayer, Karlheinz Dürr, Hans-Peter Remmler, Werner Roller, Karin Schüler, Violeta Topalova. S. Fischer Verlag