Covid-19 in den USA Trumps Corona-Desaster

Bislang wirkte Donald Trump trotz aller Skandale unangreifbar. Doch in der Coronakrise offenbart sich das Führungsversagen des US-Präsidenten - seine Gegner wittern ihre Chance.
Eine Analyse von Roland Nelles
US-Präsident Trump

US-Präsident Trump

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Evan Vucci/ AP

Was hat der Mann nicht schon alles überstanden: Die Russlandaffäre, das Impeachment, die Enthüllungen über mutmaßliche Seitensprünge und Schweigegeldzahlungen. Es hat ihm alles nicht geschadet. Gerade noch wähnte sich Donald Trump auf dem sicheren Weg zur Wiederwahl. Doch dann kam Corona. Könnte Trump ausgerechnet von einem Virus politisch erledigt werden? Die simple Antwort lautet: ja.

Erstmals hat es der US-Präsident mit einer Krise zu tun, bei der ihm seine übliche politische Taktiererei nicht weiterhilft. Er kann sie nicht wegreden oder wegtwittern. Auch Leugnen funktioniert diesmal nicht. Das Virus ist real und wird von Tag zu Tag zu einem größeren Problem, für die USA, und damit auch für ihn.

Inzwischen sind mehr als 1300 Amerikaner infiziert, darunter der Schauspieler Tom Hanks und seine Frau. New York hat in New Rochelle bereits Teile der Vorstadt abgesperrt. Die Börse spielt verrückt.

Der letzte Präsident, der im Krisenfall massiv versagte, war George W. Bush, als der Hurrikan "Katrina" 2005 die Golfküste verwüstete und mehr als 1800 Menschen starben. Diesmal trifft die Krise das ganze Land. Und mehr denn je wäre im Weißen Haus nüchterne, seriöse Führung gefragt.

Die Rede zur Nation wurde zum Desaster

Stattdessen erleben Amerikas Bürgerinnen und Bürger einen überforderten Präsidenten, der seit Wochen einen bizarren Zickzackkurs fährt. "Das Virus wird wie durch ein Wunder verschwinden", verkündete Trump zunächst. Und alle, die sich testen lassen wollten, könnten dies tun - was nachweislich nicht stimmte.

Mit einer Rede zur Nation aus dem Oval Office versuchte Trump dann am Mittwoch, Führungsstärke zu demonstrieren. Der Versuch wurde zum Desaster. Hektisch atmend und sichtlich aufgeregt schob er die Schuld für die Krise auf andere ab. Es handele sich um ein "ausländisches Virus", betonte Trump. Dann verkündete er einen 30-tägigen Einreisestopp für Europäer - eine drastische Maßnahme. Die Bürger Großbritanniens, wo sein Kumpel Boris Johnson regiert, nahm er explizit aus. Anstatt wissenschaftlich fundierte Maßnahmen zu verkünden, nutzt der Präsident das Virus, um seine politischen Obsessionen auszuleben. Trump will das Virus mit dem Mittel stoppen, dem er vertraut: der Abschottungspolitik.

Die Ankündigung sorgte für zusätzliches Chaos. Denn kurz darauf musste das Weiße Haus gleich drei Behauptungen Trumps wieder zurücknehmen - so hatte er behauptet, "eine massive Menge von Handelsgütern" aus Europa werde nicht mehr in die USA gelangen. Damit verunsicherte er die abstürzenden Märkte noch zusätzlich.

Vielen Wählern ist das Durcheinander im Weißen Haus nicht entgangen. Auch Amerikaner mögen es nicht, wenn sie in einer ernsten Krise das Gefühl haben, dass ihr Staatschef die Kontrolle verliert. Dazu kommt: Ein Präsident, der Verschwörungstheorien nachhängt, regelmäßig lügt und glaubt, dass Autismus durch Impfen verursacht wird, genießt keinen Vertrauensvorschuss in einer globalen Gesundheitskrise. Am 3. November wird in den USA gewählt. Umfragen signalisieren, dass die Unzufriedenheit mit Trump und seinem Krisenmanagement wächst.

Selbst das sonst eher Trump-freundliche "Wall Street Journal" warnt: "Das Coronavirus ist drauf und dran, zum mächtigsten Gegner des Präsidenten zu werden." Das konservative Blatt "National Revue" urteilt: "Trump schafft es nicht, seiner Führungsverantwortung gerecht zu werden."

Als Problem erweist sich nun Trumps Hang, politische Gegner wie Todfeinde zu behandeln. Die Atmosphäre zwischen den Republikanern und den Demokraten ist vergiftet, die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg erschwert. Als sich Vizepräsident Mike Pence im Bundesstaat Washington über die Lage informieren wollte, wurde er von Trump vor dem zuständigen Gouverneur Jay Inslee, einem Demokraten, gewarnt. Dieser sei, so Trump, "eine Schlange".

Das Virus wird auch Trumps Pläne für den Wahlkampf auf den Kopf stellen. Mit ziemlicher Sicherheit muss er vorerst auf seine berühmt-berüchtigten Großkundgebungen in Stadien verzichten. Selbst kleinere Zusammenkünfte mit Unterstützern und Spendern werden wohl ausfallen. Das gilt zwar auch für seinen wahrscheinlichen Kontrahenten Joe Biden. Doch Trumps Wahlkampf 2016 lebte von den Massenveranstaltungen. Der Wahlkampf 2020 könnte ohne Wähler stattfinden - das würde vor allem Trump schaden.

Der Präsident muss zudem fürchten, sein wichtigstes Thema zu verlieren: die Stärke der US-Wirtschaft. Sollte es tatsächlich zu einer Rezession und zu einer höheren Arbeitslosigkeit kommen, bliebe ihm nicht mehr viel, mit dem er vor den Wählern prahlen könnte.

Es rächt sich jetzt, dass Trump in den vergangenen Monaten die immer neuen Höchststände des Dow Jones als Beleg für sein vermeintlich segensreiches Wirken angeführt hat. Seit die Börsenkurse abstürzen, tritt der umgekehrte Effekt ein. Plötzlich erscheint die Talfahrt wie ein direkter Ausweis seines Versagens in der Krise.

Kein Wunder, dass Trumps Rivalen die Chance wittern, die Schwäche des Präsidenten für sich zu nutzen. Joe Biden empfiehlt sich den Wählern als Mann, der das Land bereits acht Jahre lang an der Seite von Barack Obama geführt hat - und den Wählern eine Rückkehr zur Ernsthaftigkeit anbietet.