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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

René Pfister

Die Lage: USA 2020 Eine Weltmacht blamiert sich

René Pfister
Von René Pfister, US-Korrespondent

Liebe Leserinnen, liebe Leser, heute beschäftigen wir uns mit dem Versagen der US-Regierung in der Coronakrise, den Umfragewerten Donald Trumps und der Frage, wie man sich in der Quarantäne aufheitert.

Verblüht gerade eine Weltmacht? Die Coronakrise ist, neben Vielem, auch ein Systemvergleich. Kaum etwas hat je die Defizite der Politik so klar zu Tage gefördert wie das neue Virus, und zwar in einer globalen Dimension.

Der Erreger diskriminiert nicht. Er befällt Amerikaner genauso wie Europäer und Chinesen, und er lässt sich weder durch Propaganda noch durch Ideologien beeindrucken. Das Einzige, was ihn aufhält, ist eine kluge und entschlossene Eindämmungsstrategie.

Und dabei sehen die USA nicht gut aus: Donald Trump hat unendlich viele Fehler im Umgang mit der Krise gemacht. Aber der Ursprung allen Übels war, dass er sich fast zwei Monate lang nicht entscheiden konnte, ob er die neue Krankheit für einen "Schwindel" der Demokraten halten soll - oder für eine echte Bedrohung für sein Land.

Die USA sind spitze - bei der Zahl der Infizierten

Nun klopft die Katastrophe an die Tür: Die USA sind globaler Spitzenreiter bei der Zahl der Infizierten, mehr als 180.000 sind es im Moment, und es ist wohl eher eine Frage von Tagen als von Wochen, wann das Land die Millionenmarke überschreiten wird.

Trump sprach noch vergangene Woche davon, die USA an Ostern wieder für das Geschäftsleben zu öffnen. Am Dienstag nun hat das Weiße Haus erklärt, dass sich die Bürger auf bis zu 240.000 Corona-Tote einrichten müssen. Viele Experten glauben, dass die Vereinigten Staaten noch glimpflich davon kommen, wenn sich ausnahmsweise einmal diese Prognose bewahrheiten sollte.

Es würde in die Irre führen, nun zu behaupten, Demokratien hätten im Corona-Systemvergleich prinzipiell versagt. Das autoritäre China ließ die Ärzte in Wuhan, die zuerst vor der neuen Epidemie gewarnt hatten, zum Schweigen bringen. Vielleicht wäre der Welt die Katastrophe erspart geblieben, wäre die KP Chinas nicht ihrem Reflex gefolgt, Überbringer missliebiger Nachrichten zu bestrafen.

Aber nun hat Peking allem Anschein nach die Seuche erst einmal in den Griff bekommen, während die USA immer noch nach einer Strategie suchen, das Virus zu bekämpfen. Weil Trump keine verbindlichen Vorgaben machen will, hängt es von der Vernunft jedes einzelnen Gouverneurs ab, wie entschieden gegen das Virus vorgegangen wird.

Pekings Macht hängt an der Konsumfreude New Yorks

Gut möglich also, dass Amerika in wenigen Wochen zum Sorgenkind der globalen Gemeinschaft mutiert. Das Szenario sähe so aus: Während Asien und Europa versuchen, zurück zur Normalität zu finden, flackern in den USA immer neue Infektionsherde auf.

Die Folgen wären verheerend: Der Luftverkehr über Atlantik und Pazifik bliebe weitgehend gesperrt. Exportnationen wie Deutschland und China könnten zwar an die Werkbank zurückkehren. Aber die Maschinen stünden dennoch still, weil die Nachfrage aus Amerika fehlt.

Viele Funktionäre in Peking mögen sich im Moment klammheimlich über den Dilettantismus der US-Regierung freuen. Aber die Freude wird nur kurz währen: Denn die Macht Pekings hängt nicht zuletzt von der Konsumfreude in New York und Los Angeles ab.

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Allerdings ist kein Land der Welt so erfinderisch wie die USA. Dass man gerade in der Krise nicht auf die Regierung hoffen sollte, sondern sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt, ist eine zutiefst amerikanische Auffassung.

Bei mir ums Eck gibt es ein Lebensmittelgeschäft, das man auf den ersten Blick für einen etwas verschlafenen Krämerladen halten könnte. In der vergangenen Woche aber hat er sich kleine Lieferroboter zugelegt, die nun völlig autonom Bestellungen durchs Viertel fahren und Milch oder Weinflaschen bis vor die Haustür liefern.

Was wichtig wird

In den kommenden Tagen wird sich der Blick vor allem auf die Hospitäler in den Vereinigten Staaten richten. Wird es den Ärzten und Krankenschwestern gelingen, den Ansturm der Infizierten zu bewältigen? Oder wird die Welt Bilder sehen, wie man sie schon aus Italien und Spanien kennt? Das Verrückte ist, dass die USA eigentlich alle Mittel haben, eine solche Krise zu meistern.

Kein Land der Welt gibt so viel Geld für die Gesundheit  aus, über 10.000 Dollar pro Kopf und Jahr, und doch fehlt es an allem: Atemmasken und Schutzbrillen, Handschuhen und Beatmungsgeräten.

Gerade hat die "New York Times" von einer kleinen Firma in Kalifornien berichtet, die vor Jahren bereit war, billige Beatmungsgeräte für die Regierung zu produzieren. Aber der Deal  platzte, weil das Unternehmen von einem Medizintechnik-Giganten geschluckt wurde, der offenkundig kein Interesse daran hatte, sich sein Geschäft kaputt machen zu lassen. Man muss kein Sozialist sein, um in diesen Tagen zu der Erkenntnis zu kommen, dass der Kapitalismus nicht alles regelt.

Das sagen die Umfragen

Zu den Zahlen, die das liberale Amerika in die Verzweiflung treiben, gehören im Moment die Zustimmungsraten  Donald Trumps. Sie sind so hoch wie noch nie seit seiner Vereidigung im Januar 2017 - und das, obwohl die Zeitungen über kaum etwas anderes schreiben als das Versagen der Regierung in der Corona-Krise. Was ist die Erklärung?

Es ist kein neues Phänomen, dass sich die Amerikaner in Zeiten der Not um ihren Präsidenten scharen. Aber das allein griffe zu kurz. Man muss Trump lassen, dass er zumindest die Bühne zu nutzen weiß, die ihm die Krise bietet. Während sein Herausforderer Joe Biden sich mit verwackelten Videobotschaften aus seinem Haus in Delaware meldet, stellt sich der Präsident fast jeden Tag den Fragen der Reporter im Weißen Haus.

Donald Trump - stellt sich fast jeden Tag den Fragen der Reporter im Weißen Haus

Donald Trump - stellt sich fast jeden Tag den Fragen der Reporter im Weißen Haus

Foto: Yuri Gripas / Pool via CNP /MediaPunch/ imago images/MediaPunch

Trump mag dabei lügen und die Contenance verlieren, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich von der Krise einschüchtern ließe. Biden dagegen wirkt plötzlich wie der Hauptdarsteller in einem Theaterstück, das kurzfristig abgesagt wurde. Für kaum etwas interessieren sich die Amerikaner derzeit weniger als für einen ehemaligen Vizepräsidenten ohne Macht und Einfluss.

Was passiert auf Social Media

Es mangelt in den USA nicht an guten Trump-Parodien. Aber ich finde, keiner trifft die Stimme, die Mimik und die sprachlichen Marotten des Präsidenten ("not a lot of people know that") so gut wie der Komiker J-L Cauvin aus New Jersey.

Wenn Sie sich gerade im Homeoffice oder in der Quarantäne langweilen sollten, kann ich nur Cauvins Twitteraccount @TrumpPod  empfehlen. Mein Lieblingsvideo ist das hier.

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Wie würde Trump sagen: "He’s doing a fantastic job!"

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzte Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

  • Marc Pitzke, Guido Mingels und ich haben uns in New York, San Francisco und Washington umgesehen und umgehört, um zu erkunden, wie sich das Land auf die anrollende Welle der Corona-Kranken vorbereitet .

  • Mein Kollege Christoph Seidler schreibt über das US-Krankenhausschiff "Mercy", das im Hafen von New York festgemacht hat, um der Stadt in der Corona-Krise zu helfen

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich,

Ihr René Pfister

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