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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Marc Pitzke

Die Lage: USA 2020 Trumps fatales Corona-Drehbuch

Marc Pitzke
Von Marc Pitzke, US-Korrespondent

Liebe Leserinnen, liebe Leser, heute beschäftigen wir uns mit Donald Trumps Flucht aus dem Weißen Haus, der bizarren US-Coronadebatte und einem Ex-Präsidenten, der noch mitmischt, obwohl er lange tot ist.

Donald Trump ist wieder auf freiem Fuß. Nachdem der US-Präsident wegen der Coronakrise wochenlang im Weißen Haus festgesessen hatte, flog er am Dienstag mit der "Air Force One" erstmals seit März cross-country. Die Erleichterung war ihm anzusehen, wie einem Kind nach unerträglicher Quarantäne. In Phoenix besichtigte er strahlend die Produktion von N95-Masken - ohne Maske, aber mit Klarsichtbrille.

"Die ganze Welt guckt aufgeregt auf uns", sagte er vor seinem Abflug nach Arizona. "Weil wir die Welt anführen." Was zumindest auf die amerikanische Corona-Statistik zutrifft: 1,2 Millionen Infizierte, 71.735 Tote, plus Dunkelziffer natürlich. Es sind kaum fassbare Zahlen, vor allem, wenn man, wie ich, in New York City lebt, wo bisher fast 19.000 meiner Mitmenschen an Covid-19 gestorben sind.

Jeder kennt inzwischen ein Opfer, viele kennen mehrere. Trotzdem hat die Hälfte der US-Bundesstaaten begonnen, die Schutzmaßnahmen wieder aufzuheben. Die meisten werden von Republikanern regiert, ebenso Arizona. Dessen Gouverneur hatte sich erst gegen eine Lockerung gesperrt, seine Meinung aber geändert, als er hörte, dass Trump kommt.

"Die ganze Welt guckt aufgeregt auf uns": Trump in Phoenix

"Die ganze Welt guckt aufgeregt auf uns": Trump in Phoenix

Foto: TOM BRENNER/ REUTERS

Denn dahinter steckt keine Wissenschaft, sondern eiskalte Politik, forciert von Trump, bewaffneten Wutbürgern und Impfgegnern. Der US-Präsident nutzt die Krise, um das Land noch tiefer zu spalten - Spaltung ist seine Wahlagenda. Das Weiße Haus hängt dazu überall Banner mit dem neuen Wahlslogan auf: "Opening Up America Again."

Koste es, was es wolle, selbst wenn die eigenen, offiziellen Kriterien  dafür nicht erfüllt sind, selbst wenn mehr Menschen leiden, gern auch Minderheiten in demokratischen Regionen. "Werden einige schwer betroffen sein? Ja", sagte Trump dem Fernsehsender ABC News am Dienstag . "Aber wir müssen unser Land öffnen, und wir müssen es bald öffnen."

Doch das kann bis November auch nach hinten losgehen. In New York gilt die "Stay-at-home"-Order des demokratischen Gouverneurs Andrew Cuomo noch bis mindestens Mitte Mai. Der hat zwar auch einen Stufenplan zur Öffnung vorgelegt, doch Brennpunkte wie meine Stadt wollen sich lieber gedulden - auch wenn selbst hier die ersten Jogger schon keine Lust mehr haben, Masken zu tragen.

Donald Trump hat dafür keinen Sinn. Das Corona-Drehbuch des einstigen Reality-TV-Stars liest sich so: Die Krise ist vorbei, alles wird gut, schaut auf den starken Mann. Nichts darf dieses Narrativ stören:

Die Expertengruppe soll nun schon wieder aufgelöst werden. Keine Taskforce, keine Krise!

Wo ist Joe?

Trumps betagter Rivale Joe Biden sitzt wegen des Coronavirus unterdessen isoliert im Kellerheimstudio, verdammt zu schrägen Webvideos und virtuellen Townhalls - "wie ein Astronaut, der von der Raumstation zur Erde beamt", lästern die demokratischen Strategen David Axelrod und David Plouffe . Nähe ist Bidens Stärke, Distanz seine Schwäche.

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Eine ganz andere Form der "Nähe" droht Biden derweil zum Verhängnis zu werden: Die Vorwürfe seiner Ex-Mitarbeiterin Tara Reade, sie 1993 sexuell belästigt zu haben, verschwinden auch nach seinem Dementi nicht.

Selbst wenn an Reades Darstellung Zweifel bestehen und sie sich weigert, Fernsehinterviews zu geben , bringt sie die Demokraten und #MeToo-Aktivisten in die Bredouille: Sonst bestehen sie darauf, Frauen bedingungslos zu glauben, zuletzt beim Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh. Nun lassen sie diese Maßstäbe sausen, um ihren Kandidaten nicht zu beschädigen. Doch irgendwas bleibt am Ende immer hängen.

Was wichtig wird

Der US-Kongress tagt wieder: Nach fünfwöchiger Corona-Zwangspause sind die Senatoren diese Woche nach Washington zurückgekehrt, auf Drängen der Republikaner-Mehrheit.

Mit Abstand und Maske: US-Politiker begrüßen sich

Mit Abstand und Maske: US-Politiker begrüßen sich

Foto: Andrew Harnik/ AP
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Im Duell mit Trump führt Biden nicht nur landesweit, sondern auch knapp in wichtigen Swingstates  wie Florida, Wisconsin, Pennsylvania und Michigan - Staaten, in denen Trump gerade besonders Druck macht, die Coronakrise hinter sich zu lassen.

Was passiert auf Social Media

Furore macht der Spot einer Gruppe Republikaner, die Trump ablehnen. Darin wird der Präsident direkt dafür haftbar gemacht, dass die Coronakrise in den USA solche Ausmaße angenommen hat. "Dank Donald Trumps Führung ist unser Land schwächer, kränker und ärmer", sagt ein Sprecher, während Szenen von Krankheit und Elend gezeigt werden.

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"Und jetzt fragen sich die Amerikaner: Wenn das noch mal vier Jahre weitergeht, wird es dann überhaupt ein Amerika geben?" Trump ging das Video offenbar unter die Haut. Er veröffentlichte mitten in der Nacht zahlreiche Tweets. Der Spot hat seinen Zweck also erfüllt.

Wahlkampffigur der Woche

Die Gruppe hinter dem Spot heißt "Lincoln Project ", benannt nach Abraham Lincoln, dem 16. US-Präsidenten. Obwohl der seit 155 Jahren tot ist, ist er doch unsere Wahlkampffigur der Woche. Denn Trump maß sich an, das Lincoln Memorial in Washington zur Bühne für einen Wahlauftritt bei Fox News umzufunktionieren.

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Normalerweise sind Events im Innenraum des Denkmals verboten, Trump bestand auf eine Sondergenehmigung . Die Sendung war als Townhall annonciert. Sie geriet jedoch zu einem Mix aus Propaganda und Prahlerei. "Die Leute sagen immer, dass niemand schlechter behandelt wurde als Lincoln", bemitleidete Trump sich selbst. "Ich glaube, ich werde schlechter behandelt." Zur Erinnerung: Lincoln wurde 1865 von einem Attentäter erschossen.

Unsere US-Storys der Woche

Diese aktuellen Geschichten unseres US-Teams möchte ich Ihnen empfehlen:

  • Roland Nelles analysiert im Video, wie Trump versucht, China zum globalen Sündenbock für seine Corona-Versäumnisse zu machen.

  • Ralf Neukirch wagte sich mit dem Auto in die Südstaaten, um dort die ersten Tage der Corona-Öffnungsmanie zu beobachten.

Ich wünsche Ihnen eine gute und gesunde Woche!

Herzlich

Ihr Marc Pitzke

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.