Memoiren aus dem Weißen Haus Die Rache des John Bolton

Ignorant, unberechenbar und korrupt - so wird Donald Trump von seinem früheren Sicherheitsberater John Bolton beschrieben. Noch empfindlicher dürfte den US-Präsidenten jedoch der China-Vorwurf treffen.
Von Ralf Neukirch, Washington
Früherer Sicherheitsberater Bolton: Heftige Anschuldigungen gegen den Mann im Oval Office

Früherer Sicherheitsberater Bolton: Heftige Anschuldigungen gegen den Mann im Oval Office

Foto: Jonathan Drake/ REUTERS

Donald Trump wollte die Publikation mit allen Mitteln verhindern. Er ließ das Justizministerium klagen, weil das Buch die nationale Sicherheit gefährde. Doch egal ob die Memoiren seines früheren Sicherheitsberaters John Bolton wie geplant erscheinen oder nicht: Der Schaden für den Präsidenten ist bereits eingetreten.

Mehrere amerikanische Zeitungen, darunter die "Washington Post" und die "New York Times", haben das Buch mit dem Titel "The Room Where It Happened" - in etwa: "Der Raum, in dem es geschah" - vorab erhalten. Ihren Berichten zufolge stellt Bolton seinem früheren Dienstherren ein vernichtendes Zeugnis aus.

Trump soll nicht nur grundlegendes weltpolitisches Wissen fehlen. Er hat nach dem Bericht Boltons auch seine Vorliebe für Diktatoren über die Interessen des eigenen Landes gestellt und gleich mehrfach so gehandelt, dass ein Amtsenthebungsverfahren gerechtfertigt wäre.

Trump habe China um Wahlkampfhilfe gebeten

Die für Trump gefährlichste Enthüllung betrifft China. Bolton erzählt den Berichten zufolge von einem Treffen Trumps mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G20-Gipfels im Juni vergangenen Jahres in Japan. Dort habe Trump seinen Gesprächspartner gebeten, ihn bei der Wiederwahl zu unterstützen.

China könne durch den Kauf von Weizen und Sojabohnen amerikanische Farmer stützen, sagte Trump laut Bolton. Die Farmer spielten für den Ausgang der Wahlen eine wichtige Rolle, habe er hinzugefügt.

Außerdem habe der amerikanische Präsident seinem chinesischen Kollegen signalisiert, dass er den Bau von Lagern für die Uiguren in der Provinz Xinjiang billige. Trump habe laut Übersetzer gesagt, dass Xi mit dem Bau der Lager weitermachen solle, das sei genau das Richtige. Dabei hatten die USA mit einer Reihe anderer westlicher Länder, darunter Deutschland, offiziell gegen die Umerziehungslager protestiert.

Die Enthüllung ist für Trump besonders misslich, weil er den Umgang mit China zu einem wichtigen Wahlkampfthema machen will. Er warf Peking wiederholt vor, den wahren Ursprung des Coronavirus zu vertuschen. Seinen Konkurrenten Joe Biden kritisierte er als schwach gegenüber China. Bei einem seiner Corona-Briefings im Weißen Haus tönte Trump: "Niemand ist härter mit China umgegangen als ich".

Diese Behauptung dürfte nach Boltons Enthüllungen nur noch schwer aufrechtzuerhalten sein. Trumps Bitte um Wahlkampfhilfe an eine fremde Macht erinnert an die Anschuldigungen, die im Impeachmentverfahren gegen ihn laut wurden.

Der Ex-Berater macht sich auch selbst angreifbar

Bolton bestätigt die Vorwürfe der Demokraten in diesem Verfahren. Trump habe militärische Hilfe für die Ukraine davon abhängig gemacht, dass das Land gegen Bidens Sohn Hunter wegen dessen Geschäftsbeziehungen ermittle. Das habe der Präsident ihm explizit so gesagt, schreibt Bolton den Medienberichten zufolge.

Es ist ein Punkt, an dem Bolton sich selbst angreifbar macht. Während des Impeachmentverfahrens hatte er sich geweigert, ohne eine gerichtlich gebilligte Vorladung vor dem Repräsentantenhaus auszusagen. Er erklärte sich später dazu bereit, vor dem Senat zu sprechen, wohl wissend, dass die von den Republikanern kontrollierte Kammer ihn nicht vorladen würde.

Trump konnte schließlich mit den Stimmen seiner Parteifreunde eine Amtsenthebung abwenden. In vielen Reaktionen auf Boltons Buch wird darauf hingewiesen, dass dieser sein Wissen besser vor dem Ende des Verfahrens hätte mitteilen sollen.

Weitere Passagen des Buches zeichnen ein Bild Trumps, wie man es aus anderen Schilderungen bereits kennt. So scheint der Präsident nur über rudimentäre weltpolitische Kenntnisse zu verfügen.

Gehört Finnland zu Russland?

Trump habe etwa wissen wollen, ob Finnland zu Russland gehöre, schreibt Bolton. Dem Präsidenten sei nicht bewusst gewesen, dass Großbritannien Atommacht sei. Eine Invasion Venezuelas habe Trump als "cool" bezeichnet. Das südamerikanische Land sei in Wirklichkeit Teil der Vereinigten Staaten.

In einer besonders erhellenden Episode, über die die "Washington Post" berichtet , geht es um Trumps Vorliebe für die Diktatoren dieser Welt. So seien laut Bolton US-Sanktionen gegen Nordkorea außer Kraft gesetzt worden, weil Trump dem Diktator Kim Jong Un unbedingt Geschenke habe machen wollen.

Trump und "Little Rocket Man" Kim Jong Un 2018 in Signapur

Trump und "Little Rocket Man" Kim Jong Un 2018 in Signapur

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Trump habe sich monatelang mit der Frage beschäftigt, wie er Kim eine signierte CD des Elton-John-Hits "Rocket Man" zukommen lassen könne. Trump hatte Kim zunächst als "Little Rocket Man" bezeichnet und habe ihm unbedingt klarmachen wollen, dass das liebevoll gemeint gewesen sei, schreibt Bolton.

Auch Trump schwieriges Verhältnis zur Gewaltenteilung kommt in dem Buch zur Sprache. So soll der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich bei Trump darüber beschwert haben, dass die amerikanische Justiz gegen eine türkische Firma wegen des Verstoßes gegen die Iran-Sanktionen ermittle. Trump habe versprochen, die Sache zu regeln, sobald er die von seinem Vorgänger Barack Obama ernannten Staatsanwälte durch seine Leute ersetzt habe.

Das Bild, das Bolton von Trump zeichnet, ist kein vollkommen neues. Es stimmt mit dem überein, was auch in anderen Büchern über den Präsidenten beschrieben worden ist. Wucht erhält es dadurch, dass Bolton ein Insider ist, der Trump 17 Monate lang aus nächster Nähe erlebt hat. Sein Wort hat zudem im republikanischen Establishment Gewicht.

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Bolton ist selbst umstritten

Dabei ist Bolton selbst eine umstrittene Figur. Er war unter den Präsidenten Ronald Reagan und George Bush in verschiedenen Regierungsfunktionen tätig. George W. Bush schickte ihn als Botschafter zu den Vereinten Nationen, wo er als entschiedener Gegner multilateraler Organisationen auftrat.

Außenpolitisch ist Bolton ein Falke. Das war der Grund, warum er sich schließlich mit Trump überwarf. Er forderte eine härtere Haltung gegenüber Staaten wie Nordkorea und Russland. Als Iran im Juni 2019 eine unbemannte amerikanische Drohne abschoss, forderte Bolton Militärschlage gegen Teheran . Trump entschied sich im letzten Moment dagegen, weil ihm die erwartete Zahl von 150 Toten unverhältnismäßig erschien.

Das sei die irrationalste Entscheidung, die er je einen Präsidenten habe treffen sehen, schreibt Bolton laut "New York Times." "Wenn ich auf ihn gehört hätte, wären wir jetzt im sechsten Weltkrieg", hatte Trump im Januar über Bolton getwittert.

Bolton war im September vergangenen Jahres aus seinem Amt geschieden. Er selbst erklärte, er sei aus freien Stücken zurückgetreten. Trump dagegen behauptet, er habe Bolton gesagt, seine Dienste würden nicht mehr benötigt.

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