US-Admiral über Trumps Personalrochade im Pentagon "Trump giert nach Rache und kocht vor Zorn"

Nach der Wahlniederlage besetzt Präsident Trump die Spitze des Pentagons mit Loyalisten. Hier schildert James Stavridis, früher oberster US-Kommandeur bei der Nato, welche Folgen das haben kann.
Ein Interview von Matthias Gebauer
Stavridis

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Yves Logghe / AP

SPIEGEL: Admiral Stavridis, es ist nur fünf Tage her, seitdem Joe Biden zum Wahlsieger erklärt wurde. Sind Sie noch in der Phase der Erleichterung oder schon wieder in Alarmstimmung, weil Donald Trump die Führung des Verteidigungsministeriums abgeräumt hat?

Stavridis: Es war in der Tat eine Achterbahnfahrt, wieder einmal. Der Samstag war ein guter Tag für die USA, da wir einen neuen, einen fähigen Präsidenten bekommen werden, der die Rolle der USA weltweit wieder richtig justieren wird. Ich bin auch immer noch zuversichtlich, dass der Spuk, den Präsident Trump gerade abzieht, bald vorbei ist. Gleichwohl bin ich alarmiert, denn der Wechsel an der Spitze des Pentagons ist sehr gefährlich.

SPIEGEL: Was genau ist so gefährlich?

Stavridis: Präsident Trump hat ja nicht nur den Verteidigungsminister ausgetauscht, auch seine wichtigsten Staatssekretäre, unter anderem den für den militärischen Geheimdienst zuständigen und den Stabschef. Alle drei Posten wurden mit unerfahrenen Personen ersetzt. Ihre einzige Qualifikation ist, dass sie absolut hörige Loyalisten von Trump sind. Es gibt einen drastischen militärischen Begriff dafür. Man spricht von einem Enthauptungsschlag, mit dem man dem Feind jegliche Führungsfähigkeit nimmt. Genau das hat Trump beim US-Militär angerichtet.

SPIEGEL: Trump selbst benutzte bei der Kündigung von Minister Esper den Begriff "terminated", eigentlich ein Ausdruck für militärische Ziele, die durch Bomben oder Truppen ausgeschaltet worden sind.

Stavridis: Es ist eine Schande, was Präsident Trump da macht. Er ist sauer und frustriert, dass er die Wahlen verloren hat. Nun will er mit allen abrechnen, die ihm in den letzten Jahren auch nur ansatzweise Paroli geboten haben. Er holt zur Rache an Untergeben aus, lässt seinen Emotionen freien Lauf. Das ist eine der schlechtesten menschlichen Eigenschaften überhaupt und zeigt, dass er als militärischer Führer völlig ungeeignet ist.

SPIEGEL: Trotzdem bleibt er als Commander-in-Chief mit weitgehenden Kompetenzen ausgestattet.

Stavridis: Das ist die große Gefahr in dieser Situation. Formal hat der Präsident alle Optionen in der Hand. Er kann jede Art von Militäroperation anordnen, selbst einen Angriff mit Atomwaffen. Zudem sind nun Leute an der Spitze, die keinerlei Erfahrung haben und ihn selbst von gefährlichen Ideen nicht abhalten werden. Zum Beispiel könnte Trump eskalieren, indem er die U.S. Navy in den internationalen Gewässern vor China patrouillieren lässt. Selbst gezielte militärische Schläge gegen seinen erklärten Erzfeind Iran kann er ohne Weiteres anordnen.

SPIEGEL: Das wäre eine militärische Eskalation mit unabsehbaren Folgen.

Stavridis: Ich hoffe nicht, dass er zu solchen Mitteln greift. Eigentlich glaube ich es auch nicht. Ein Militärschlag gegen Iran würden Trump innenpolitisch nicht helfen, deswegen ergibt das vermutlich für ihn keinen Sinn. Aber gefährlich bleibt, dass er solche Missionen überhaupt anordnen kann in einer Phase, in der er nach Rache giert und offenbar vor Zorn kocht. Grundsätzlich müsste zwar der Kongress zustimmen. Aber in der aufgeheizten Lage momentan kann dieser seine Kontrollfunktion kaum erfüllen.

SPIEGEL: Was sehen Sie als mögliches Szenario?

Stavridis: Ich fürchte, dass die Personen, die Trump jetzt eingesetzt hat, ihm zum spontanen und nicht ausgeplanten Abzug aller US-Truppen aus Afghanistan noch vor Weihnachten raten werden. Davon hat Trump ja schon gesprochen. Bei seiner Anhängerschaft würde das als Zeichen der Stärke sicher gut ankommen. Bisher aber hat die zivile und militärische Führung die Idee so gut es geht ausgebremst. Es wäre für die USA ein Desaster in militärischer, strategischer und diplomatischer Sicht.

SPIEGEL: Trump hat immer gesagt, dass der Abzug möglich sei, da die Friedensgespräche mit den Taliban gut laufen.

Stavridis: Das mag stimmen. Wenn wir aber nun, sozusagen in den nächsten sechs Wochen, abziehen, fällt alles in sich zusammen. Ohne den militärischen Druck werden die Friedensgespräche der afghanischen Regierung kollabieren. Unsere Partner, darunter auch Deutschland, müssten dann in Windeseile abziehen. Es würde wie eine Flucht aussehen. Das bisschen, was wir in Afghanistan erreicht haben, wäre auf einen Schlag verloren. Und es gäbe keinen Weg zurück, auch nicht für die neue US-Regierung.

SPIEGEL: Verteidigungsminister Esper wurde von Trump gefeuert, weil er sich weigerte, Truppen in amerikanische Großstädte zu schicken, als es dort teils gewalttätige Proteste gab. Würden sich die amtierenden Militärs verweigern, wenn Trump einen Militärschlag gegen Iran befiehlt?

Stavridis: Das Militär führt Befehle der zivilen Führung aus, das ist der Grundpfeiler der Kommandokette. Militärs weigern sich nur, wenn sie illegale Befehle bekommen, wenn sie foltern oder Angriffe auf Zivilisten fliegen sollen. Allen anderen Befehlen würde das Militär folgen.

SPIEGEL: Hat Trump den Verteidigungsminister deswegen gefeuert?

Stavridis: Präsident Trump ist besessen davon, Untergebene zu feuern. Das war ja auch schon seine Rolle in seiner TV-Show. Er hat ja in vier Jahren vier Minister verschlissen, vier Sicherheitsberater. Er ist – simpel gesprochen – nie zufrieden mit seinen Untergebenen. Im Fernsehen mag das lustig sein. Bei Fragen der nationalen Sicherheit ist es eine ernste Gefahr, denn hier braucht jeder Präsident Kontinuität und professionelle Berater.

SPIEGEL: Was hören Sie von aktiven Militärs über die aktuelle Situation?

Stavridis: Die militärische Führung hat genug von dem anhaltenden Chaos, von immer neuen Kündigungen. Alle beim Militär sind auf die Verteidigung der Verfassung eingeschworen. Was ich aber in den letzten Tagen vor allem höre, ist die Sorge, dass es unter Präsident Trump keine vernünftige Übergabe an die Leute von Joe Biden geben wird. Normalerweise würde es schon jetzt geheime Briefings über die vielen Sicherheitsthemen geben, einen Austausch der Geheimdiensterkenntnisse. All das aber findet nicht statt.

SPIEGEL: Klingt nach einem schwierigen Start für die Truppe von Joe Biden.

Stavridis: Ich kann nur hoffen, dass der Spuk bald vorbei ist. Als langjähriger Kommandeur aber bin ich sicher, dass das Militär trotz des Chaos, das Trump erzeugt, gut aufgestellt ist, dass wir weiter Schulter an Schulter mit den Alliierten für die nötige Abschreckung sorgen. Wir werden die Trump-Administration überleben und diese schwierige Zeit überstehen, bis endlich wieder ein Präsident an die Macht kommt, der korrekt mit seiner Macht umgeht und seinen Posten gut ausfüllt.

SPIEGEL: Wie lange wird Biden brauchen, um das Bild der USA weltweit zu korrigieren und die Rolle, die Washington gerade in der Sicherheitspolitik früher hatte, wieder einzunehmen?

Stavridis: Ich bin sicher, dass es eigentlich nur eine Minute dauern wird. Sobald Biden Präsident ist, wird er fähige und erfahrene Personen auf die wichtigen Posten bringen. Er wird durch Symbole, zum Beispiel den Wiedereinstieg in das Pariser Klimaabkommen, starke Signale senden. Und er wird wieder ernst zu nehmende Gespräche mit den Alliierten führen. Nicht alles, was in den letzten vier Jahren passiert ist, wird vergessen sein. Aber ich hoffe auf einen schnellen Neustart.

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