Flüchtlingsdrama an der griechisch-türkischen Grenze "Wir können nicht zurück"

Tausende Flüchtlinge harren im Grenzgebiet aus, der Ton zwischen Griechenland und der Türkei wird schärfer. Parlamentarier in Athen diskutieren einen Plan, der an dunkle Jahre in der Landesgeschichte erinnert.
Aus dem griechisch-türkischen Grenzgebiet berichten Steffen Lüdke und Maximilian Popp
Flüchtlinge im türkisch-griechischen Grenzgebiet: Die Menschen wissen nicht, wie es weitergeht

Flüchtlinge im türkisch-griechischen Grenzgebiet: Die Menschen wissen nicht, wie es weitergeht

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Ergin Yildiz/ dpa

Wenige Kilometer von der griechisch-türkischen Grenze  entfernt steht Zehra, eine junge Frau aus Afghanistan, und fragt sich, ob sie es noch einmal wagen soll: Soll sie wirklich noch einmal diesen Grenzübergang aufsuchen, der zwar nach Europa führt, aber so gefährlich ist wie kaum ein anderer auf dem Kontinent? 

Zehra, 16 Jahre alt, stammt aus Kundus. Gemeinsam mit Tausenden Flüchtlingen harrt sie seit Tagen im türkisch-griechischen Grenzgebiet in der Hoffnung aus, es doch noch nach Europa zu schaffen, wie es der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Migranten versprochen hat.

Die Turnschuhe an ihren Füßen passen ihr nicht. Ihre richtigen Schuhe seien ihr gestohlen worden, als sie zum ersten Mal versuchte, nach Europa zu gelangen, sagt sie.

Zwischen Griechenland und der Türkei ist ein Propagandakrieg ausgebrochen

In einem Schlauchboot hätten sie und ihre Familie den Grenzfluss Evros überwunden, erzählt Zehra. In Griechenland seien sie stundenlang immer weiter ins Land gelaufen, irgendwann hätten sie in einem Kiosk einkaufen wollen.

Der Eigentümer habe die Polizei gerufen. Griechische Beamte hätten sie mitgenommen, mit Schlagstöcken auf sie eingeschlagen, ihnen teilweise die Kleidung, Handys und Papiere abgenommen und sie dann zurück in die Türkei geschleppt.

Zehras Vorwürfe lassen sich nicht eindeutig belegen, doch sie decken sich mit den Aussagen weiterer Geflüchteter. Mehrere Betroffene schilderten dem SPIEGEL, wie sie illegal aus Griechenland in die Türkei abgeschoben worden sind. Manche sagten, von griechischen Grenzschützern geschlagen und misshandelt worden zu sein. 

Türkische Behörden  bezichtigen griechische Sicherheitskräfte sogar, scharf auf Migranten geschossen zu haben. Dabei seien mindestens zwei Menschen getötet worden.

Die griechische Regierung weist die Anschuldigungen als Falschmeldung zurück. Zwischen Griechenland und der Türkei ist längst ein Propagandakrieg ausgebrochen.

Griechische Sicherheitskräfte setzen Tränengas gegen Schutzsuchende ein

Griechische Sicherheitskräfte setzen Tränengas gegen Schutzsuchende ein

Foto: ---/ dpa

Zehra campiert in Karaagac, einer Kleinstadt direkt an der Grenze. Einsam und verlassen fühle sie sich, sagt sie. Hinter dem Ort kommen nur noch Felder und die beiden Grenzposten. Junge Männer laufen an diesem Freitag durchs Dorf. Sie kaufen Brot, um es an die Grenze zu bringen. Die wenigsten Flüchtlinge schaffen es tatsächlich dauerhaft nach Europa:

  • Entweder sie werden von griechischen Sicherheitskräften gestoppt; nach griechischen Angaben ist das bisher in knapp 40.000 Fällen geschehen.

  • Oder sie gelangen auf die andere Seite, werden dann aber festgenommen oder illegal zurück in die Türkei deportiert, wie es Zehra nach eigener Aussage widerfahren ist.

Erdogan hatte die Fluchtbewegung am Freitag vor einer Woche ausgelöst, indem er die Grenze nach Griechenland öffnete. Erdogan benutzt die Schutzsuchenden als Druckmittel, um die Europäer zur Zusammenarbeit in Nordwestsyrien zu zwingen.  

Bisher hat er damit keinen Erfolg gehabt. Zwar ist Bundeskanzlerin Angela Merkel entschlossen, am EU-Türkei-Deal festzuhalten. Die wenigsten EU-Staaten befürworten jedoch weitere Finanzhilfen für die Türkei, geschweige denn eine Beteiligung am Syrienkrieg. Der EU-Außenbeauftragte Joseph Borrell nannte Erdogans Vorgehen diese Woche "inakzeptabel".

Rechtsextremisten haben auf den Inseln teilweise die Kontrolle übernommen

Wie Erdogan in der Auseinandersetzung mit den Europäern weiter agiert, ist schwer vorherzusagen. Noch immer halten sich Tausende Geflüchtete im türkisch-griechischen Grenzgebiet auf, allein am Grenzübergang Pazarkule sind es nach Informationen griechischer Behörden 4000 bis 5000 Menschen.

Es gibt Berichte, wonach die türkischen Behörden begännen, Migranten in Bussen zurück nach Istanbul zu bringen. Zugleich gaben mehrere Flüchtlinge an, von türkischen Sicherheitskräften mit Gewalt in der Umgebung des Grenzübergangs gehalten worden zu sein.

Laut griechischer Regierung sei in der Nacht von Freitag auf Samstag rund 600 Mal von türkischer Seite mit Tränengas in Richtung Griechenland geschossen worden.

Auch auf den griechischen Inseln ist die Lage weiter angespannt - und das, obwohl in den vergangenen vier Tagen lediglich 111 Flüchtlinge dort ankamen, weniger als im Tagesschnitt 2019. Rechtsextremisten haben teilweise die Kontrolle übernommen, attackieren immer wieder NGO-Mitarbeiter und Journalisten.

Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis versucht die Krise weiter mit maximaler Härte zu lösen. Er hat das Asylrecht ausgesetzt. Die griechische Küstenwache fährt Flüchtlingsboote mit aggressiven und gefährlichen Manövern an, feuert wohl mindestens Warnschüsse ab. Türkische Behörden werfen griechischen Offizieren vor, die Motoren der Boote unbrauchbar zu machen und die Flüchtlinge auf dem Meer zurückzulassen. 

Dänische Offiziere der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die in der Ägäis im Einsatz sind, berichten dem Sender "DR " von ähnlichen Erlebnissen. Demnach habe sich der Kapitän eines dänischen Bootes der griechischen Anweisung verweigert, aus dem Meer gerettete Flüchtlinge wieder in ein Schlauchboot zu setzen und außerhalb griechischer Gewässer zu schleppen.

Griechische Parlamentarier diskutieren inzwischen offen die Möglichkeit, Flüchtlinge auf einsamen Inseln unterzubringen, ähnlich wie es Australien tut. Auch in den dunkelsten Kapiteln der jüngeren griechischen Geschichte gab es diese Praxis bereits, während des Bürgerkrieges in den Vierzigerjahren und später, zur Zeit des Kalten Krieges, als eine Militärjunta in Athen regierte.

Während in Athen und anderen europäischen Städten Tausende Menschen aus Solidarität mit den Geflüchteten auf die Straße gingen, ist von der EU kaum ein Wort der Kritik an der griechischen Regierung zu hören. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete Griechenland diese Woche als "Schutzschild" der EU. Sie klang wie eine Feldherrin an der Front.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen: Wie eine Feldherrin an der Front

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Foto: Dimitris Papamitsos/ dpa

Zehra, die junge Afghanin, weiß unterdessen nicht, wie es für sie weitergeht. Das Geld der Familie sei inzwischen aufgebraucht, sagt sie. Der Vater leide an einer Herzkrankheit. Die Medikamente, die sie gerade in der Apotheke gekauft haben, sind teuer. In der Türkei fänden ihre Brüder kaum Arbeit.

Wie Zehra und ihren Brüdern, Schwestern und Eltern geht es den meisten Afghanen in der Türkei. Anders als Syrer erhalten sie keinen Flüchtlingsstatus. Sie haben deshalb keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem und bekommen fast keine Jobs. 

Zehra will abwarten, wie sich die Situation an der Grenze weiter entwickelt. Sie wolle einerseits nicht noch einmal riskieren, von griechischen Grenzschützern zusammengeschlagen zu werden, sagt sie. Andererseits hätten die griechischen Sicherheitskräfte ihrer Familie die Ausweise abgenommen. "Jetzt können wir erst recht nicht zurück." 

Die Familie hat sich eine Plastikplane gekauft. Sie will an der Grenze ein Zelt errichten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, "DR" sei eine dänische Zeitung. Wir haben die Passage angepasst.