Party-Therapie Tanzen gegen den Drogenkrieg

In der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez trotzt ein Elektroklub der Gewalt. Die Fotografin Alicia Fernández feiert mit und dokumentiert die Szene seit Jahren - nun zwingt die Corona-Epidemie den Klub zu schließen.
Aus Ciudad Juárez berichten Sonja Peteranderl und Alicia Fernández (Fotos)
Draußen tobt der Drogenkrieg, im Elektroklub "Hardpop" nehmen sich die Feiernden eine Auszeit von der Gewalt

Draußen tobt der Drogenkrieg, im Elektroklub "Hardpop" nehmen sich die Feiernden eine Auszeit von der Gewalt

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL
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In den vergangenen Wochen wurden in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez Menschen auf der Straße oder vor Supermärkten von rivalisierenden Gangs ermordet, gefesselte und gefolterte Leichen aus Kanälen gefischt, ein geköpfter Mann wurde neben einem Spielplatz entdeckt, und eine Schießerei am Flughafen löste Panik unter Reisenden aus.

Inmitten einer Stadt, die jahrelang vor allem für die höchste Mordrate der Welt bekannt war, veranstaltet ein Klub seit Jahren wilde Partys und gilt als einer der besten Elektroklubs weltweit. Für viele in Juárez ist der Klub "Hardpop" zu einem Symbol des Widerstands gegen den Drogenkrieg geworden, der ihre Stadt zerstört - nun kämpft auch er mit der Coronakrise.

Rund 1100 Fälle sind inzwischen in Mexiko bekannt, die Regierung hat am Montag den Gesundheitsnotstand ausgerufen  und fordert die Menschen auf, in den kommenden vier Wochen zu Hause zu bleiben. Versammlungen von mehr als 50 Menschen sind verboten - das trifft auch den Klub in Juárez. "Aufgrund der nationalen und globalen Notlage und des Tsunamis an Stornierungen aller internationalen Künstler haben wir die schwere Entscheidung getroffen, die Türen bis auf Weiteres zu schließen", heißt es auf der Facebook-Seite  von "Hardpop".

Darienne Renpenning aus Juárez: "Auszugehen ist ein Risiko - es gab eine Zeit, in der Killer in die Bars und Restaurants kamen, und vor den Augen von allen Leute ermordet haben"

Darienne Renpenning aus Juárez: "Auszugehen ist ein Risiko - es gab eine Zeit, in der Killer in die Bars und Restaurants kamen, und vor den Augen von allen Leute ermordet haben"

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

Für die "Hardpop"-Fans in der Grenzstadt ist das ein schwerer Schlag. "Danke Hardpop für die Unterstützung in schwierigen Zeiten", kommentiert eine junge Mexikanerin die Ankündigung. "Wir hoffen natürlich, dass wir bald aus dieser Situation herauskommen und wieder alle zusammen tanzen können."

"Eine Insel in einem feindlichen Gebiet"

Als Ciudad Juárez sich durch den Drogenkrieg in den vergangenen Jahren von einer lebendigen Wirtschaftszone in eine Geisterstadt verwandelt hat, mussten immer mehr Bars und Klubs schließen - "Hardpop" aber machte weiter.

"Der Klub ist wie eine Insel in einem feindlichen Gebiet", sagt die Fotografin Alicia Fernández. "Hier kann man kurz vergessen, was draußen passiert." Die 37-Jährige aus Ciudad Juárez feiert mit, seit der Klub im Jahr 2006 eröffnete - und sie hat das Nachtleben mit der Kamera festgehalten.

Underground-Elektro-Partys hatte es in Ciudad Juárez schon vor der Eröffnung von "Hardpop" gegeben, der Klub verwandelte sich aber bald zum Mittelpunkt einer anfangs kleinen Szene von Fans elektronischer Musik - die schnell wuchs. Auch DJs aus Europa oder den USA legen in Juárez auf.

Als das lokale Juárez-Kartell und das Sinaloa-Kartell ab 2008 um die Stadt kämpften, stieg die Gewalt immer weiter an. Die Mordrate explodierte, von etwa 300 Morden im Jahr 2007 auf mehr als 3000 Morde im Jahr 2010 - und DJs mussten auf ihrem Weg vom Flughafen zu ihren Gigs plötzlich Militärkolonnen mit Panzern passieren.

"Die Geschäfte sind ausgeblutet, es gab Schutzgelderpressungen, die Kriminellen haben Menschen auf der Straße exekutiert", sagt Fernández. "'Hardpop' hat versucht, weiter Widerstand zu leisten. Es war wie ein Kampf, den sie unbedingt weiterführen mussten." Ein paar Monate musste der Klub 2010 aus Sicherheitsgründen zwar schließen, danach trotzte er weiter der Gewalt.

Jetzt tanzt hier eine neue Generation, die nie eine Stadt ohne Gewalt und Angst kennengelernt hat, meist behütet und zu Hause eingesperrt aufgewachsen ist. Für sie bedeutet "Hardpop" ein letztes Stück Freiheit - das ihnen nun vorerst genommen wird.

"Wir hoffen wirklich, dass wir alle aus dieser Situation herauskommen und die kommende Krise überleben, denn Schulden, Steuern und Löhne stehen nicht unter Quarantäne, und wir haben kein Einkommen auf unbestimmte Zeit", schreiben die Klub-Betreiber. "Wir hoffen, dass ihr bald wieder auf eurer Lieblingstanzfläche tanzen könnt, mit eurem Lieblingskünstler. Wir lieben euch und danken euch für so viele Jahre."

Bisher versucht der Klub der Coronakrise aber Optimismus entgegenzusetzen - ab Ende Mai sind schon die nächsten DJ-Termine angekündigt.

Sehen Sie in der Fotostrecke, wie die junge Generation von Ciudad Juárez gegen die Gewalt antanzt:

Fotostrecke

Elektroclub "Hardpop" in Juárez: Eine Auszeit von der Gewalt

Foto: Alicia Fernández/ DER SPIEGEL

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