Drohende Corona-Infektionen in Flüchtlingslagern Planlos in Brüssel

Ein Ausbruch des Coronavirus im Flüchtlingslager Moria hätte dramatische Folgen. Die griechische Regierung wirkt überfordert. Die EU-Kommission macht sich zwar Sorgen - hat aber auch kein überzeugendes Konzept.
Kinder im Flüchtlingslager Moria: Angst vor dem ersten Corona-Fall

Kinder im Flüchtlingslager Moria: Angst vor dem ersten Corona-Fall

Foto: Louisa Gouliamaki/ AFP

Griechenlands Premierminister dankte dem Allmächtigen. "Gott sei Dank gab es bisher keinen einzigen Fall von Covid-19 auf Lesbos oder einer anderen Insel", sagte Kyriakos Mitsotakis am Mittwoch dem Sender CNN .

Himmlischen Beistand können Mitsotakis, die EU und vor allem die Bewohner der Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln brauchen. Denn nach Meinung vieler Experten ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis in den Elendslagern das Coronavirus auftritt. Die Folge könnte nicht nur eine medizinisches, sondern auch humanitäres Desaster sein.

"Seit Wochen sehen wir eine Katastrophe auf die Lager zukommen"

"Seit Wochen sehen wir eine Katastrophe auf die Lager zukommen", sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. "Wir verzweifeln langsam, weil niemand sich verantwortlich zu fühlen scheint."

Allein im Lager Moria, das nur für 2840 Menschen ausgelegt ist, hausen derzeit rund 20.000 Geflüchtete. 1300 Menschen müssen sich laut Westphal den Zugang zu einem Wasserhahn teilen, Seife gibt es kaum. Distanz lässt sich auch nicht wahren, wenn zehn Menschen sich in ein Zelt zwängen müssen. Wer essen möchte, muss stundenlang in einer Schlange stehen. Der Müll stapelt sich in den engen Gassen des improvisierten Lagers, Ratten rennen über die Säcke hinweg. Immer wieder brechen Rohre, Fäkalien laufen dann die Straße hinab.

Unter diesen Bedingungen einen Coronavirus-Ausbruch einzudämmen, wäre nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen unmöglich. "Wir brauchen sofort eine Notevakuierung aller Geflüchteten der Covid-19-Hochrisikogruppe, bevor das Virus in die Lager gelangt", sagt Westphal.

Auf Lesbos und Samos gehören rund 600 Personen und ihre Familien zu dieser Gruppe. Schon in normalen Zeiten dringen Hustgeräusche aus vielen Zelten. Die Menschen leiden an Grippe, Meningitis und Krätze. Gewalttätige Konflikte kommen fast täglich vor, bisweilen gibt es Verletzte oder Tote.

Ein Coronavirus-Ausbruch würde die Lage verschärfen. Zwar versuchen die griechischen Behörden, die Lager so weit wie möglich abzuschirmen. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht, wie sich am Donnerstag zeigte.

Die griechische Regierung riegelte ein Flüchtlingslager 70 Kilometer nördlich von Athen für 14 Tage ab, nachdem 20 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden waren. Sie hatten sich offenbar bei einer Afrikanerin angesteckt, die in einem Krankenhaus in Athen ein Kind zur Welt gebracht hatte. Es waren die ersten bekannten Infektionsfälle unter Migranten und Flüchtlingen in Griechenland.

Es scheint fast unausweichlich, dass der Erreger auch in den überfüllten Lagern auf den Inseln ankommt. Was die restliche EU in einer solchen Lage tun würde, ist unklar. Skeptiker in Brüssel befürchten, dass sich selbst wohlmeinende Länder schwertun würden, Menschen aus Lagern aufzunehmen, in denen das Coronavirus wütet - und dass andere die Seuche als willkommene Gelegenheit nutzen würden, jede Aufnahme mit Verweis auf die öffentliche Gesundheit abzulehnen.

Die Lebensumstände in den Lagern sind inakzeptabel

"Ich wäre nicht überrascht, wenn die griechische Regierung das Camp einfach abriegeln und die Leute sich selbst überlassen würde, bis der Ausbruch vorüber ist", sagt Devon Cone, Mitarbeiterin der NGO Refugees International, die lange in Moria gearbeitet hat.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

In Brüssel möchte man sich dieses Horrorszenario am liebsten gar nicht ausmalen. "Wir müssen alles tun, was möglich ist, um Camps mit eingesperrten Kranken vor Europas Küsten zu vermeiden", sagt EU-Innenkommissarin Ylva Johansson dem SPIEGEL.

Die Lebensumstände in den Lagern seien schon jetzt "inakzeptabel". "Alte und Kranke sollten nicht dort sein", so Johansson. "Sie müssen in leer stehende Hotels oder auf das Festland umgesiedelt werden." Das aber sei nicht die Aufgabe der EU-Kommission - "es liegt in der Verantwortung der griechischen Regierung".

"Ich wäre nicht überrascht, wenn die griechische Regierung das Camp einfach abriegeln und die Leute sich selbst überlassen würde, bis der Ausbruch vorüber ist"

Devon Cone, Mitarbeiterin Refugees International

Johansson betont, dass die Kommission den griechischen Behörden mit einem Notfallplan zur Seite stehe. Dabei aber handelt es sich um eher zurückhaltende Maßnahmen, wie ein Mitarbeiter der Brüsseler Behörde einräumt - etwa verpflichtende Gesundheitstests für Neuankömmlinge und regelmäßige Reinigungsarbeiten. Ein strikteres Vorgehen birgt ein Risiko: Es könnte in den Camps Ängste auslösen, dass ein Ausbruch unmittelbar bevorsteht und dann keine Flucht mehr möglich ist.

Stattdessen will die Kommission nach Informationen des SPIEGEL Gelder bereitstellen, um entweder Hotels für die Unterbringung von Hochrisikogruppen anzumieten - was die bevorzugte Option wäre - oder um temporäre Strukturen aufzubauen. Zwar gibt es im Lager Kara Tepe auf Lesbos bereits rund 30 Wohncontainer, in denen bis zu 150 gefährdete Personen unterkommen könnten. Das zumindest ist der Plan der griechischen Regierung. Doch die für den Betrieb des Camps verantwortliche Gemeinde Mytilini ist selbst gegen diesen bescheidenen Schritt - sie will am liebsten gleich das ganze Lager schließen.

Eine vollständige Evakuierung der Insellager aber hält man sowohl in Athen als auch in Brüssel für unmöglich. Die Umsiedlung von insgesamt rund 42.000 Menschen sei von den griechischen Behörden nicht zu stemmen, heißt es. Die Lager auf dem Festland sind voll, rund 10.000 Asylbewerber wurden in diesem Jahr bereits von den Inseln dorthin gebracht. Bestenfalls könnte man die Hochrisikogruppen und Kinder in Sicherheit bringen.

Die Umsiedlung kommt nicht voran

Doch auch dieses Vorhaben kommt nicht voran. So hat Kommissarin Johansson schon Mitte März verkündet, dass Deutschland und einige andere Länder sofort zur Aufnahme von 1600 Minderjährigen aus den Lagern bereit seien.

Vergangene Woche sagte sie dann, dass diese Woche die ersten Kinder in die Aufnahmeländer gebracht werden könnten. Doch auch daraus wird wohl nichts. Man diskutiere derzeit die "operativen und praktischen Aspekte" der Umsiedlung, erklärte ein Kommissionssprecher. "Wir hoffen, dass es bald losgeht."

In der griechischen Regierung ist man skeptischer. Zuerst einmal müsse man sehen, welche Minderjährigen umgesiedelt werden sollten und in welche EU-Staaten sie kommen könnten - wobei auch die Wünsche dieser Länder zu berücksichtigen seien. Auch habe man Probleme, die Minderjährigen auf das Coronavirus zu testen. Zwar habe die EU eine Kostenübernahme zugesagt, die Testausrüstung selbst sei aber derzeit schwer zu beschaffen. Bis das alles erledigt ist, heißt es in Athen, sei die Pandemie womöglich schon wieder vorbei.