Vorwürfe gegen NGO-Mitarbeiter  "Ausbeutung und Missbrauch sind das dreckige Geheimnis der humanitären Hilfe"

Während der Ebola-Epidemie im Ostkongo sollen NGO-Mitarbeiter Frauen sexuell ausgebeutet haben. Der Menschenrechtsanwalt und frühere Entwicklungshelfer Andrew MacLeod erklärt, warum das immer wieder passiert – und was geschehen müsste.
Ein Interview von Fiona Weber-Steinhaus
Ebola-Ausbruch im Kongo 2019: NGO-Mitarbeiter sollen Frauen sexuell ausgebeutet haben

Ebola-Ausbruch im Kongo 2019: NGO-Mitarbeiter sollen Frauen sexuell ausgebeutet haben

Foto: Jerome Delay/ AP
Globale Gesellschaft

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Sie kamen, um zu helfen – und wurden zu Tätern. Im Juni dieses Jahres galt der zweitgrößte Ebola-Ausbruch der Welt im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) als beendet. Kurz darauf, Ende September, veröffentlichten die Thomson Reuters Foundation und die Nachrichtenseite "The New Humanitarian" einen gemeinsam erstellten Bericht , in dem NGO-Mitarbeitern sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden.

Mehr als fünfzig Frauen gaben demnach an, von Mitarbeitern verschiedener Hilfsorganisationen sexuell ausgebeutet oder genötigt worden zu sein. Die Männer sollen ihnen Jobs gegen Sex angeboten, ihnen mit Kündigung gedroht, sie in Büros und Krankenhäusern bedrängt haben.

Mindestens zwei Frauen sind nach eigenen Angaben schwanger geworden. Die Beschuldigten sollen dem Bericht zufolge unter anderem für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Unicef, die Internationale Organisation für Migration (IOM), das kongolesische Gesundheitsministerium sowie für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, World Vision und Alima gearbeitet haben. 

Andrew MacLeod ist Menschenrechtsanwalt und ehemaliger Entwicklungshelfer. Er hat Straftaten wie diese schon häufig mitbekommen.

Zur Person
Foto: Andrew Macleod

Andrew MacLeod, 53, ist Menschenrechtsanwalt und war früher Entwicklungshelfer. In den Neunzigerjahren arbeitete er für das Internationale Rote Kreuz im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda, für die Uno in Pakistan und später auf den Phi­l­ip­pi­nen. Er ist Gastprofessor am King's College London  und Mitgründer von Hear their Cries . Die NGO setzt sich für eine bessere Aufklärung von Kindesmissbrauch in der Entwicklungszusammenarbeit und vor allem innerhalb der Uno ein.

SPIEGEL: Mehr als 50 Frauen gaben an, während der Ebola-Epidemie im Ostkongo unter anderem von NGO-Mitarbeitern sexuell ausgebeutet oder genötigt worden zu sein. Überrascht Sie das?

Andrew MacLeod: Jein. Ausbeutung und Missbrauch sind das dreckige kleine Geheimnis der humanitären Hilfe. Es passiert ständig. Bereits in den Neunzigern sollen Uno-Mitarbeiter Minderjährige in Bosnien vergewaltigt haben, dieser Skandal wurde später auch verfilmt. In den Zweitausendern gab es in Westafrika den "Food for Sex"-Skandal und später die Vorwürfe gegen Oxfam-Mitarbeiter, die auf Haiti Frauen Geld gegen Sex geboten haben sollen. Dieser Skandal war 2018 noch in den internationalen Schlagzeilen. Deswegen hat mich überrascht: Wie unantastbar haben sich die Mitarbeiter im Ostkongo gefühlt, dass sie selbst zu dieser Zeit, als Medien über sexualisierte Gewalt bei Hilfsorganisationen berichteten, Frauen sexuell nötigten und ausbeuteten? 

SPIEGEL: Sie selbst haben für das Internationale Rote Kreuz in Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien gearbeitet. Aus Ihrer eigenen Erfahrung – was führt dazu, dass Menschen, die angeben, helfen zu wollen, sich so straflos fühlen? 

MacLeod: Das ist komplex. Hilfsorganisationen ziehen per se risikofreudige Menschen an. Wer würde sonst freiwillig in Krisenregionen arbeiten, oft unter Lebensgefahr und wahnsinnigem Stress? Man ist Teil einer Bubble der Hilfsindustrie, die denkt: Was hier passiert, bleibt hier. Das sexuelle Miteinander wird oft locker gesehen, in Ruanda etwa dauerten Hauspartys die ganze Nacht, weil man wegen der Ausgangssperre nicht nach Hause gehen konnte. Und Menschen sind oft nicht nur in einem Bereich risikobereit. Ich erinnere mich, wie ein Mitarbeiter prahlte, er würde in seinen Auszeiten in einem berühmten Bordell in Nairobi jede Nacht mit einer anderen Frau schlafen, immer ohne Kondom. Seine Erklärung: Er sei Schweizer. Als ob sein Schweizer Pass ihn vor HIV schützen würde. Nach ein paar Jahren habe ich mich nicht mehr gefragt, wie so etwas passieren kann. Sondern: Warum hält das niemand auf?

SPIEGEL: Danach waren sie noch mehrere Jahre für die Uno in Pakistan, und auf den Philippinen. 2009 haben Sie gekündigt. Warum? 

MacLeod: Auf den Philippinen gibt es ein riesiges Prostitutions- und Kinderprostitutionsproblem. Manche Männer verlängern ihre NGO-Mission immer wieder und leugnen den Missbrauch, den sie begehen, mit Erklärungen wie: Aber das Mädchen hat mir gesagt, sie sei über 18 Jahre alt. Eine Beförderung nach New York habe ich abgesagt. Ich konnte es nicht mehr ertragen, Teil eines Systems zu sein, das untätig bis zur Mittäterschaft ist. So hat es der Entwicklungsausschuss des House of Commons in Bezug auf Haiti mal formuliert.

SPIEGEL: Die nun im Kongo beschuldigten NGOs gaben an, sie hätten wenig oder keine Hinweise über Vorwürfe erhalten. 

MacLeod: Natürlich nicht! In Ländern wie Deutschland wird schätzungsweise nur jede siebte Vergewaltigung angezeigt. Meinen Sie, in einem Land wie der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) melden sich mehr? Auf keinen Fall! Wahrscheinlich ist die Dunkelziffer weit größer. Was mich so wütend daran macht – bei jedem neuen Skandal in der Entwicklungszusammenarbeit heißt es: Ein trauriger Einzelfall, wir werden alles überprüfen. Das ist Bullshit.

SPIEGEL: Ihr Vorschlag im britischen House of Commons lautete daraufhin: Jenen Organisationen, die nicht ausreichend ermitteln, soll die Finanzierung gestrichen werden. Führt das nicht dazu, dass diese Fehlverhalten oder Straftaten vermehrt vertuschen?

MacLeod: Nein, es gibt ja bislang keine Strafverfolgung. Weniger geht gar nicht. Die Gelder sollten einfach einer anderen NGO zugeteilt werden – es gibt ja keinen Mangel an Hilfsorganisationen, im Gegenteil. Sehr wohl aber gibt es einen Mangel an Verantwortung. Eigentlich müsste eine externe Behörde die Untersuchungen leiten. Wie gut funktioniert es bitte, wenn ich eine Bank ausraube und später selbst analysiere, was passiert ist? Und Vorwürfe des Kindesmissbrauchs sollten alle Organisationen sowieso sofort an die Justiz in der Heimat des mutmaßlichen Täters übergeben. 

"Sex gegen Geld sollte immer verboten werden, genau wie grundsätzlich jeder sexuelle Kontakt zur lokalen Bevölkerung"

Andrew MacLeod

SPIEGEL: Was wäre hierfür die Rechtsgrundlage? Strafrecht ist nationales Recht.  

MacLeod: In vielen westlichen Ländern gilt bei Kindesmissbrauch die sogenannte Auslandsstrafbarkeit. Das heißt: Die Täter können für Taten im Ausland in ihrem Herkunftsland verurteilt werden. Wenn ich mit einer Person unter 16 Jahren in der DR Kongo Sex habe, verstoße ich etwa als Brite nicht nur gegen kongolesisches Recht, sondern auch gegen britisches. Ursprünglich zielte das Gesetz auf die europäischen Sextouristen in Thailand oder Kambodscha. Aber es kann natürlich auch auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen angewandt werden. 

SPIEGEL: Wie oft ist dies bereits geschehen? 

MacLeod: Meiner Kenntnis nach kein einziges Mal. Das ist ja das Problem. Dazu kommt: Es gibt keine Auslandsstrafbarkeit für Sexualdelikte mit erwachsenen Opfern. 

Kinder in der DR Kongo warten auf eine Impfung

Kinder in der DR Kongo warten auf eine Impfung

Foto: Per-Anders Pettersson / Getty Images

SPIEGEL: Und zumindest Uno-Mitarbeiter haben in dem Land, wo sie stationiert sind, Immunität. 

MacLeod: Diese Immunität hat einen wichtigen Grund: Sie soll vor Falschbeschuldigungen schützen. Aber ich finde es wichtig, dass die Immunität nur dort gilt, nicht im Heimatland des Mitarbeiters. 

SPIEGEL: Uno-Mitarbeitern ist es seit 2003  untersagt, Prostituierte aufzusuchen. Welche Regeln haben andere Hilfsorganisationen?

MacLeod: Das kommt auf die Hilfsorganisation an. Manche Arbeitsverträge untersagen Prostitution und Ausbeutung explizit, andere nicht. Ich finde Sex gegen Geld sollte immer verboten werden, genau wie grundsätzlich jeder sexuelle Kontakt zur lokalen Bevölkerung. 

SPIEGEL: Wie soll man das überprüfen? Es gibt ja durchaus auch einvernehmlichen Sex.

MacLeod: Können Menschen sich verlieben? Kann es eine Beziehung auf Augenhöhe geben? Natürlich. Aber selbst ein NGO-Mitarbeiter, der um die 30.000 Euro pro Jahr verdient, gilt im Ostkongo als schwerreich. Die Menschen dort leben durchschnittlich von unter zwei Dollar am Tag. Als humanitärer Helfer arbeiten Sie in einer fremden Kultur, Sie sind wahnsinnig privilegiert. Und Missbrauch passiert überall dort, wo es ein Machtgefälle gibt – in der katholischen Kirche genau wie in der Entwicklungszusammenarbeit. 

"Wir haben anhand der DNA von sechs Kindern in Datenbanken nach den Vätern gesucht. Vier konnten wir identifizieren: Drei waren Sextouristen, einer war ein Mitarbeiter der Weltbank."

Andrew MacLeod

SPIEGEL: Welche Maßnahmen schlagen sie vor? 

MacLeod: Wir brauchen eine internationale Organisation, die nur nach Opfern sucht. Wir können nicht darauf warten, dass sie sich von allein melden. Und jeder Entwicklungshelfer, egal ob männlich oder weiblich, sollte vor seiner Mission eine DNA-Probe abgeben. Damit kann man einige Vorwürfe, egal ob richtig oder falsch, besser überprüfen. Es schützt also sowohl die Hilfsorganisation als auch die Opfer. 

SPIEGEL: Auch Ihre Forschungsgruppe am King's College London beschäftigt sich mit DNA-Proben.

MacLeod: Wir wollen, dass so Väter gefunden und juristisch zur Rechenschaft gezogen werden können. In Haiti wurden mindestens 265 Kinder identifiziert , deren Väter dort als Blauhelmsoldaten stationiert waren. Prostitution ist in Haiti nicht erlaubt; der Großteil dieser Kinder ist bei Sex gegen Geld entstanden. Doch bislang können die Mütter wenig tun. Die Uno sagt: Die Kinder können eine formelle Beschwerde einreichen, dann erst können wir tätig werden. Was bedeutet: Ein Kind muss seine Mutter als Prostituierte verpfeifen, ansonsten kann der Familie nicht geholfen werden.

SPIEGEL: Was können Sie mit den DNA-Tests machen? 

MacLeod: In Manila auf den Philippinen zum Beispiel hatten wir mit einer kleinen Untersuchung Erfolg. Wir haben anhand der DNA von sechs Kindern in Datenbanken nach deren Vätern gesucht. Vier konnten wir identifizieren: Drei waren Sextouristen, einer war ein Mitarbeiter der Weltbank. Es geht dann zum einen um Unterhaltsforderungen, aber manchmal auch darum, dass Kinder erfahren können, wer ihre Väter sind. Und sollte herauskommen, dass die Mutter zum Zeitpunkt der Empfängnis minderjährig war, kann der Vater in seiner Heimat wegen Vergewaltigung Minderjähriger angeklagt werden.

Der nächste Schritt ist, dieses Programm an Orte wie den Südsudan zu bringen oder in die kongolesische Provinz Nord-Kivu. Dorthin fährt kein Sextourist. Das heißt: 100 Prozent der Täter werden Entwicklungshelfer sein.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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