Roland Nelles

Irankrise Eins zu null für Trump

Roland Nelles
Ein Kommentar von US-Korrespondent Roland Nelles
Der US-Präsident kann im Ringen mit der Führung in Teheran einen Erfolg für sich verbuchen. Eine nachhaltige Konfliktlösung ist aber nicht zu erkennen.
Donald Trump: Fürs Erste kann die Welt aufatmen

Donald Trump: Fürs Erste kann die Welt aufatmen

Foto: Alex Brandon/ dpa

Das ist ein typischer Donald-Trump-Moment: Der US-Präsident steht im Weißen Haus vor Generälen und bunten Flaggen und verkündet mit großem Brimborium die Lösung einer Krise, zu deren Entstehung er selbst maßgeblich mit beigetragen hat. Hätte Trump den Atomdeal seines Vorgängers Barack Obama mit Iran nicht in der Luft zerrissen, wären Washington und Teheran wohl nie an diesem brenzligen Punkt ihrer gemeinsamen Geschichte angelangt.

Trotzdem muss man auch sagen: Die Tötung des Terror-Generals Qasem Soleimani und die fast schon ängstliche Reaktion der Iraner darauf ist ein Erfolg für Trump. Er hat hoch gepokert und diese Runde gewonnen. Die Iraner geben klein bei, sie wagen es nicht, wegen Soleimani einen großen Krieg mit den USA zu beginnen. Teheran hätte mit weit härteren Angriffen reagieren können, entschied sich aber wohl bewusst dafür, lieber ein wenig Geröll im Wüstensand zu bombardieren statt amerikanische Soldaten zu töten.

Trump kann nun für sich in Anspruch nehmen, in seiner Amtszeit zwei der gefährlichsten Männer des Nahen Ostens ausgeschaltet zu haben. Erst wurde unter seiner Regie IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi getötet, dann General Soleimani, der nachweislich den Tod vieler unschuldiger Menschen zu verantworten hat. Das kann Trump im Wahlkampf helfen, zumal sich auf der amerikanischen Seite die Zahl der getöteten oder verwundeten Soldaten unter Trumps Regentschaft stark in Grenzen hält.

Nun scheint Teheran Angst vor den USA zu haben

Zugleich ist eine bemerkenswerte Verkehrung der Vorzeichen zu beobachten: Mit der völlig überraschenden Tötung von Soleimani hat Trump die Iraner überrumpelt. Erstmals seit Jahren haben nicht mehr die Amerikaner Angst davor, was wohl die Iraner alles gegen Amerika unternehmen könnten, sondern nun scheint Teheran Angst vor den USA zu haben. Auch das muss aus Sicht der Amerikaner erst einmal nicht das Schlechteste sein.

Wie geht es weiter? Der US-Präsident hat sich dazu entschieden, auf die jüngsten Angriffe der Iraner nicht mit neuer Vergeltung zu antworten, sondern ein Angebot auszusenden – wenn Iran bereit ist, sein bisheriges Verhalten im Nahen Osten grundsätzlich zu verändern, ist auch Trump bereit, auf die Iraner zuzugehen, einen neuen "Deal" mit ihnen zu machen, wie er es formuliert.

DER SPIEGEL

Das ist erst mal richtig, um die akute Kriegsgefahr einzudämmen. So löst Trump aber noch keines der sonstigen Probleme, die zwischen Iran, den USA und den anderen Ländern in der Region bestehen. Ähnlich wie bei Trumps effektvoller, aber inhaltsleerer Nordkorea-Politik, sind Fortschritte hin zu einer nachhaltigen Konfliktlösung nicht absehbar. Auch die Frage, ob Amerika und seine Verbündeten durch Trumps Vorgehen in mehr Sicherheit leben als früher, bleibt unbeantwortet.

Trump hat Teheran mit der Tötung Soleimanis in einer Weise gedemütigt, die es derzeit jedem iranischen Anführer unmöglich macht, mit dem amerikanischen Präsidenten in Verhandlungen einzutreten. Man wird sich in Teheran erstmal weiter einbunkern. Alles andere wäre eine große Überraschung.

Natürlich kann Trump darauf hoffen, dass ihm die Europäer, Chinesen und Russen dabei helfen, neuen Schwung in Verhandlungen zu bringen, doch ob diese Bemühungen dann zum Erfolg führen, ist völlig offen. Die Iraner sind Meister im Filibustern, und die Krise hat der iranischen Führung vor Augen geführt, wie verwundbar das Land ist. Der Ehrgeiz, eigene Atomwaffen zu entwickeln, dürfte dadurch weiter angestachelt werden. Es ist zudem möglich, dass die jüngste Krise den Fanatismus unter radikalen Schiiten in der ganzen Region noch weiter anheizt. Neue Anschläge auf US-Einrichtungen und Interessen bleiben möglich.

Das heißt: Fürs Erste kann die Welt aufatmen, aber die nächste Krise kommt bestimmt.

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