Emmanuel Macron bei Münchner Sicherheitskonferenz "Ich bin nicht frustriert, ich bin ungeduldig"

In München drückt der französische Präsident aufs Tempo. Wenn Deutschland und Frankreich nicht schneller würden, ist Macron sicher, sei die Zukunft der Demokratie in Europa gefährdet.
Aus München berichtet Konstantin von Hammerstein
Emmanuel Macron auf der Münchner Sicherheitskonferenz: Nicht frustriert, sondern ungeduldig

Emmanuel Macron auf der Münchner Sicherheitskonferenz: Nicht frustriert, sondern ungeduldig

Foto: Johannes Simon/ Getty Images

Schon die Körpersprache. Der Präsident lehnt sich nicht zurück, er sitzt auf der Stuhlkante. Wenn er wollte, könnte er aus dieser Position jederzeit aufspringen. Emmanuel Macrons Blick rast über das Publikum. Er nimmt sich kaum die Zeit, jemanden zu fixieren. Ein rasches Zwinkern, ein schnelles Nicken, ein kurzes Lächeln, dann hat er den Raum abgescannt. Er braucht nur wenige Sekunden dafür. Jetzt wendet er sich seinem Gesprächspartner zu. Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, wird ihn interviewen. Der Präsident hat in den vergangenen Monaten genug Grundsatzreden gehalten. Jetzt ist es an der Zeit, ein paar offene Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese: Monsieur le Président, wie stellen Sie sich Europa in zehn Jahren vor?

"Ich bin kein Mann der Frustrationen."

Emmanuel Macron

Bevor Macron antwortet, beschreibt er kurz den Istzustand. Und der sieht aus seiner Sicht so aus: Europa ist geschwächt. Technologisch wird es abgehängt, seine Werte sind auf dem Rückzug. Die Bevölkerung schrumpft, während sie auf dem Nachbarkontinent Afrika explodiert. China steigt auf, Amerika zieht sich zurück.

Die einen investieren, die anderen streiten

Was braucht es also? Eine europäische Strategie. Es ist der Punkt, um den der französische Präsident in seinen Reden immer wieder kreist. "Ich stelle mir ein Europa vor", sagt er an diesem Vormittag in München, "das geeint und souverän handelt, das seine Regeln modernisiert hat, ein Europa, in dem außenpolitische Entscheidungen nicht mehr einstimmig getroffen werden müssen, in dem nicht jedes Land einen EU-Kommissar stellt, ein Europa, das ein Herz hat, in dem man sich einig ist." Also genau das, was Europa bisher nicht ist. Es wird ein weiter Weg. Macron weiß das, er drängt auf Veränderung, die Zeit läuft davon. "Für Europa ist die Stunde der Wahrheit gekommen", sagt der Präsident.

Ist er frustriert, dass die Deutschen seine Vorschläge nicht aufnehmen? Macron ist ein höflicher Gast. "Nein", sagt er und springt vom Französischen ins Englische, "ich bin kein Mann der Frustrationen." Das habe es doch immer schon gegeben zwischen Deutschland und Frankreich. Mal hätten die Deutschen Vorschläge gemacht, ohne eine Antwort von den Franzosen zu bekommen. Mal sei es umgekehrt. "Ich bin nicht frustriert", sagt er, "ich bin ungeduldig." Chinesen und Amerikaner investierten massiv in ihre Zukunft, in neue Technologien, in künstliche Intelligenz. Und die Europäer? Stritten sich um Kommastellen beim europäischen Haushalt.

"Wir sind ein Kontinent, der nicht mehr an seine Zukunft glaubt", sagt Macron. Seine Ungeduld ist körperlich zu spüren. Er beugt sich weit nach vorne. Warum nur geht alles so langsam? Warum ziehen die Deutschen nicht mit? "Wir müssen gemeinsam auch Risiken eingehen", ruft er den Deutschen zu. Denn worum geht es? Dass die Mittelklasse ihr Vertrauen in die Demokratie verloren hat, weil sie von zwei Seiten unter Druck geraten ist. Weil sie die Folgen der Finanzkrise ausbaden und gleichzeitig die Kosten der Migration übernehmen musste. "Deshalb bin ich so ungeduldig", sagt er. "Deutschland und Frankreich müssen der Mittelklasse wieder eine Perspektive geben." Sonst sei die Zukunft der Demokratie gefährdet.

Atomwaffen? Ja bitte

Es ist mühsam mit den Deutschen. Bevor er in der vergangenen Woche seine Grundsatzrede vor der Pariser École de guerre zur französischen Nuklearstrategie hielt, schickte Macron seine Emissäre auch nach Berlin. Sie wollten wissen, was die Bundesregierung denn davon halte, wenn der Präsident den Deutschen einen strategischen Dialog zur nuklearen Abschreckung anbieten werde. Die Botschaft des Kanzleramts war eindeutig: nicht viel. Er solle die Deutschen doch lieber raushalten. Macron hielt sich an den Rat. In seiner Rede war von den Deutschen nun nicht mehr ausdrücklich die Rede, stattdessen bot er den "europäischen Partnern" einen strategischen Dialog an, die "dazu bereit" seien.

Bei seinem Auftritt in München legt Macron nun nach. Europa müsse über eine eigene atomare Verteidigung nachdenken. Natürlich ist ihm klar, wie schwer sich die Deutschen mit einer Diskussion über Atomwaffen tun. Am Morgen erst hat SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich in einem Interview die Franzosen aufgefordert, selbst nuklear abzurüsten. Doch Macron wird nicht lockerlassen. Mit den USA würden die Deutschen ja schließlich auch über eine nukleare Teilhabe sprechen.

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Zum Schluss wird der Präsident gefragt, wer denn in Europa den Ton angeben solle. Angela Merkel oder er? Es ist der Moment, in dem Macron zum ersten Mal unwirsch wird. Nein, sagt er, zur DNA der EU gehöre, dass sie von niemandem angeführt werde. Weder von Merkel noch von ihm. "Es gibt keinen Hegemon", sagt er. Um dann noch mal zu seinem zentralen Punkt zu kommen. "Der Ehrgeiz des deutsch-französischen Paares reicht nicht allein, um in Europa eine Dynamik auszulösen, aber wenn sie Deutschland und Frankreich nicht einigen können, läuft gar nichts."

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