Entwicklungsprojekte in Afrika Was besser funktionieren würde als immer wieder Geld für die Falschen

Milliarden Euro fließen nach Afrika, oft an den Betroffenen vorbei. Die Vorsitzende eines Philanthropy-Networks will nun lokale Projekte stärken – und hofft auf das Geld reicher Afrikaner.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Ein deutscher Entwicklungshelfer unterrichtet südafrikanische Jugendliche in einer Landwirtschaftsschule (Archivbild)

Ein deutscher Entwicklungshelfer unterrichtet südafrikanische Jugendliche in einer Landwirtschaftsschule (Archivbild)

Foto: imago stock&people
Globale Gesellschaft

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Weiße Helfer, die Hilfsgüter verteilen – das ist ein gängiges Bild in Afrika. Was deutlich seltener wahrgenommen wird: Die meiste Unterstützung kommt von den Betroffenen und ihren Netzwerken selbst. Mit Nachbarn wird das Essen geteilt, für Beerdigungen und Hochzeiten wird zusammengelegt, Angehörige schicken Geld für kranke Verwandte.

Besonders deutlich wurde das während der Coronapandemie: In den Slums sind die weißen Helfer oft verschwunden, stattdessen organisierten die Anwohner Essensrationen für besonders Bedürftige, finanzielle Unterstützung oder gemeinsamen Unterricht für die Schulkinder.

Das Africa Philanthropy Network (APN) will diese Selbsthilfe sichtbarer und vor allem wirkungsvoller machen. Ein Ziel der Organisation: Die Abhängigkeit des Kontinents von Gebern aus dem Globalen Norden reduzieren. Um das zu erreichen, möchte die Direktorin Stigmata Tenga auch reichen Afrikanern an die Portemonnaies gehen.

Zur Person
Foto: privat

Stigmata Tenga, Jahrgang 1964, ist Vorsitzende des Africa Philanthropy Networks, das Philanthropie aus Afrika für Afrika stärken will. Die Anthropologin aus Tansania hat 20 Jahre lang als Beraterin in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Sie hat zudem öffentliche Einrichtungen und Lokalregierungen bei Reformen beraten. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Frage, wie Gemeinschaften sich selbst stärken können – ohne von anderen abhängig zu sein.

SPIEGEL: Afrika braucht Hilfe von reichen Ländern – das ist die gängige Wahrnehmung. Wie reagieren die Leute, wenn sie von afrikanischer Philanthropie hören?

Stigmata Tenga: Die Reaktionen sind wirklich gemischt. Es stimmt ja auch: Es gab und gibt viel Hilfe und Geld aus dem Globalen Norden für Afrika. Aber es gab eben auch schon immer sehr starke traditionelle Strukturen zur Selbsthilfe. Philanthropie auf Ebene der Communities ist tief verwurzelt. Und diese Strukturen sind durch das Geld aus dem Globalen Norden ironischerweise sogar noch gewachsen – weil die Hilfe von außen die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert hat. Denn sie war nicht darauf ausgerichtet, Graswurzelbewegungen zu unterstützen – dabei wissen wir, dass auf dieser Ebene Veränderungen am ehesten angestoßen werden können. Stattdessen hat der Globale Norden Organisationen und Leute unterstützt, die schon privilegiert waren und nicht bedürftig. Doch viele der Reicheren auf dem Kontinent wollen nun etwas an ihre Gemeinschaften zurückgeben. In Afrika glauben wir: Ich existiere, weil du existierst. Kein Nachbar sollte hungrig ins Bett gehen, wenn ich etwas zu essen habe. Durch das Teilen bewahren wir unsere Würde. Es gibt also eine sehr ausgeprägte Kultur des Gebens. Das ist die Philanthropie in Afrika.

SPIEGEL: Während der Pandemie haben einige große Geber aus dem Norden, so wie Großbritannien, ihre Hilfsgelder gekürzt. Gleichzeitig gab es innerhalb der ärmeren Gegenden wie den Slums viel Solidarität und Hilfe untereinander. Hat die Pandemie der Selbsthilfe vor Ort zum Aufschwung verholfen?

Tenga: Die Expertinnen und Experten aus dem Globalen Norden konnten schnell einen Flug zurück in ihre Heimat buchen. Aber die Leute vor Ort sind geblieben. Sie konnten nirgendwo hin. Sie blieben und haben die Herausforderungen selbst gemeistert. Und wenn sie das geschafft haben, haben sie angefangen, sich um die Nachbarn und andere in der Umgebung zu kümmern. Früher wurde diese Selbsthilfe oft untergraben von der Art und Weise, wie die internationale Hilfe ankam. Denn die Entwicklungshilfe an den Globalen Süden wird geleistet ohne ein wirkliches Interesse oder Verständnis dafür, was sie am Ende eigentlich erreichen soll. Sie hat den Menschen vor Ort nicht geholfen, ihre Probleme selbst zu lösen, sondern ihnen eher die Eigeninitiative genommen.

SPIEGEL: Wissen die Betroffenen selbst also besser, was gebraucht würde?

Tenga: Ja, Verständnis für den Kontext ist sehr wichtig. Oft kommt die Entwicklungshilfe in Millionenbeträgen, erreicht aber nicht die richtigen Leute. Sie bleibt nicht selten in Regierungskanälen oder großen, oft internationalen, Organisationen hängen. Es ist, als würde man die wirklichen Probleme nur übermalen. Die riesigen Summen passen nicht zu den erzielten überschaubaren Ergebnissen. Wir beschäftigen uns nicht mit den Kernursachen. Wir sagen nicht, dass wir keine Partnerschaft mit dem Globalen Norden wollen. Aber wir sollten erst einmal unsere eigenen Mittel nutzen und dann externe Partner an Bord holen. Die Einwohner vor Ort kennen ihre Probleme am besten und sie wissen, wie man sie angehen kann. Für viele Jahrzehnte haben wir ihnen das verwehrt, weil die Entwicklungshelfer immer als Experten hingekommen sind, die schon wussten, was die Leute brauchen, statt sie selbst zu fragen. Aber wenn die Menschen vor Ort ihre Fähigkeiten zusammen ausspielen, dann sind sie eine starke Kraft.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in Äthiopien (Archivbild): Milliarden Euro für Entwicklungszusammenarbeit

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in Äthiopien (Archivbild): Milliarden Euro für Entwicklungszusammenarbeit

Foto: Michael Gottschalk / photothek / imago

SPIEGEL: Wie kann man diese Kraft besser nutzen?

Tenga: Unsere Aufgabe ist es, die Menschen auf dem Kontinent dabei zu unterstützen, das Geben besser zu strukturieren. Denn die Menschen in Afrika geben gern und sie geben viel. Aber es ist leider nicht strukturiert. Es ist gut gemeint, hat aber wenig Wirkung. Also müssen wir uns darum kümmern, es wirkungsvoller zu machen. Zum Beispiel geben die Leute den Bettlern an der Straße etwas, wenn sie nach Geld oder Essen fragen. Aber niemand hinterfragt, ob das den Betroffenen wirklich strategisch hilft. Ob es die Barrieren beseitigt, die ihnen im Wege stehen. Wir wollen eine Plattform für ein zielgerichtetes Geben schaffen.

SPIEGEL: Wie soll das genau aussehen?

Tenga: Zunächst müssen wir die Geschichten von erfolgreichen Gebern erzählen, sie als Vorbilder etablieren, damit andere ihnen folgen können. Wir müssen stärker betonen, wie Betroffene sich untereinander selbst helfen können. Und wir müssen die Akteure besser mobilisieren und vernetzen. Es gibt inzwischen auf dem Kontinent so viele Gruppen von Gleichgesinnten, die sich um einzelne Felder wie Menschen mit Behinderung, Frauenrechte oder LGBTIQ kümmern. Die schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie müssen wir zusammenbringen und eine solidarische Bewegung schaffen.

SPIEGEL: In Afrika gibt es viele sehr reiche Menschen. Ist es schwer die zu überzeugen, ihren Reichtum zu teilen?

Tenga: Wir haben gerade eine Erhebung gemacht, um herauszufinden, wer die Reichen sind und was sie treiben. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass sie nicht die Zivilgesellschaft unterstützen, um Entwicklungsergebnisse zu erzielen. Stattdessen finanzieren sie viele Politiker. Sie unterstützen Anliegen der Regierung, weil es ihnen dabei hilft, noch mehr Reichtum anzuhäufen. Sie finanzieren zum Beispiel Bildungsvorhaben, wenn das bei der Regierung gut ankommt. Sie unterstützen einzelne Politiker in der Hoffnung, dass diese sich später erkenntlich zeigen. Es gab bisher nicht viele Millionäre in Afrika, die direkt für Entwicklungsprojekte gespendet haben. Was aber auch stimmt: Bisher hat sich die Zivilgesellschaft nicht damit beschäftigt, wie sie an diese Millionäre herankommen kann. Sie haben sie nicht gefragt. Und wer nicht fragt, bekommt auch nichts. Das wollen wir nun ändern und Wege finden, wie man an ihr Geld kommt, um damit Entwicklung zu finanzieren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.