Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben Haitis schwerer Kampf

Internationale Rettungskräfte stoßen bei ihrem Einsatz in Haiti auf Probleme: Viele abgelegene Orte konnten sie nach dem schweren Erdbeben noch gar nicht erreichen. Und in Teilen des Inselstaats kontrollieren bewaffnete Gangs die Straßen.
Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Ein Lkw fährt in Jérémie an Gebäuden vorbei, die beim Erdbeben zerstört wurden

Ein Lkw fährt in Jérémie an Gebäuden vorbei, die beim Erdbeben zerstört wurden

Foto: Matias Delacroix / AP

Das Video dauert nur 23 Sekunden, aber es hinterlässt einen schmerzlichen Eindruck der furchtbaren Zerstörung. Die Aufnahmen aus dem Autofenster stammen aus der Ortschaft Marceline im Erdbebengebiet im Südwesten Haitis. Das Auto fährt eine Straße entlang, an der man nur Trümmer sieht. Zusammengefallene Häuser, Hügel voller Schutt. Lediglich die Bäume ragen trotzig aufrecht aus der Betonwüste.

Irgendwann sagt jemand auf Englisch: »Shit« und dann weiter auf Kreolisch: »Alle Häuser auf dieser Straßenseite sind zerstört«. Das Video, das der Sänger und Schauspieler Joseph Zenny Jr. teilte, zirkulierte Ende der Woche in den sozialen Netzwerken in Haiti. Und Zenny schrieb dazu auf Kreolisch; »Misyon enposib, SOS«. »Mission impossible, SOS. Bitte gebt die Nachricht weiter.«

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Marceline liegt an der Nationalstraße 7, eine halbe Stunde nördlich von der durch das Unglück hart getroffenen Stadt Les Cayes. Marceline war aber nach dem Beben vom vergangenen Samstag und dem folgenden Tropensturm »Grace« tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die Menschen blieben ohne Hilfe. Auch jetzt ist der Ort nur über Krater in der Straße und vorbei an Erdrutschen erreichbar. Und so erschließt sich erst nach und nach das Ausmaß der Zerstörung. Die beiden Kirchen sind zusammengesackt, die Schule, das Voodoo-Zentrum, die kleine Poliklinik. Alles kaputt oder beschädigt. Kaum kalkulierbar, wie viele Tote noch unter den Betonplatten liegen.

Haitianer versuchen ihre Habseligkeiten zu retten: Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht zu ermessen

Haitianer versuchen ihre Habseligkeiten zu retten: Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht zu ermessen

Foto: REGINALD LOUISSAINT JR / AFP

Eine Woche nach dem schweren Beben im Südwesten Haitis ist das ganze Ausmaß der Katastrophe noch nicht zu ermessen. Es sei schwierig, eine Bilanz der Zerstörungen zu ziehen, sagen Vertreter von Hilfsorganisationen vor Ort dem SPIEGEL. Noch seien viele abgelegene Ortschaften vor allem in Grande 'Anse, einem der drei betroffenen Départements, gar nicht erreicht. »Es sind Orte, aus denen wir gerade erst Hilferufe erhalten«, sagt Carl-Henry Petit-Frère, Field Manager von Save the Children in der Stadt Les Cayes. Es sind Ortschaften und Weiler, die man schon zu normalen Zeiten nur mit mehreren Stunden Fußmarsch erreichen kann.

Und so ist das ganze Leid auf der Halbinsel Tiburon, die am 14. August um 8.29 Uhr von massiven Erdstößen der Stärke 7,2 durchgerüttelt wurde, erst allmählich ersichtlich. Mindestens einmal am Tag schraubt der haitianische Zivilschutz die Zahl der Opfer um einige Hundert nach oben. Bis zum Freitag waren es 2100 Tote und gut 12.000 Verletzte. Mehr als 60.000 Unterkünfte sind zerstört, weitere mindestens 70.000 beschädigt in einer Region, in der knapp zwei Millionen Menschen leben. 40 Prozent von ihnen benötigten humanitäre Hilfe, sagt Premierminister Ariel Henry. Zudem stehen nach dem Durchzug des Hurrikans »Grace« Mitte der Woche weite Teile des Katastrophengebietes auch noch unter Wasser.

Allein Zehntausende Kinder und Jugendliche seien betroffen von dem Unglück, unterstreicht Petit-Frère. Viele hätten ihre Eltern verloren. Bereits vor dem Beben standen 1,1 der elf Millionen Haitianer vor der Hungersnot, darunter Hunderttausende Kinder. »Die Zahl wird jetzt noch steigen«, sagt der Repräsentant von Save the Children. Am dringendsten würden neben Wasser und Lebensmitteln jetzt Zelte benötigt.

Der geschundene Karibikstaat, seit Jahrzehnten gezeichnet von Naturkatastrophen und politischer Instabilität, wird durch dieses Beben erneut weit zurückgeworfen. Erst vor sechs Wochen war Präsident Jovenel Moïse nachts in seiner Residenz von einem Killerkommando hingerichtet worden. Ein funktionierendes Parlament gibt es nicht. Die für den 26. September geplanten Parlaments- und Präsidentenwahlen waren schon vor dem Beben kaum vorstellbar. Jetzt sind sie ausgeschlossen. Schon vor dem 14. August fehlte es vielerorts an Wählerlisten, 16.000 Tausend Haitianer mussten aufgrund der Bandengewalt ihren Wohnort verlassen. Und vor allem gibt es keine Sicherheit in dem Land, das in weiten Teilen von schwer bewaffneten Gangs dominiert wird.

Verteilung von Nahrungsmitteln in Les Cayes: Die Stadt ist von dem Beben stark betroffen

Verteilung von Nahrungsmitteln in Les Cayes: Die Stadt ist von dem Beben stark betroffen

Foto: Richard Pierrin / Getty Images

In Les Cayes ist nach vorsichtigen Schätzungen jedes fünfte Haus zerstört. Andere Orte sind wortwörtlich dem Erdboden gleich gemacht. Zum Glück seien aber dieses Mal deutlich weniger Menschen ums Leben gekommen als beim Jahrhundertbeben 2010 in Port-au-Prince, sagt die Landesdirektorin der Welthungerhilfe, Annalisa Lombardo. »Aber es ist jetzt schon klar, dass der Wiederaufbau und die Unterbringung der Überlebenden dieses Mal ein riesiges Problem sein werden«.

Täglich strömen mehr Helfer und Organisationen ins Land. Bergungsspezialisten aus Kolumbien suchen in der Stadt Jérémie, ganz im Norden der Halbinsel, nach Überlebenden. US-Hubschrauber fliegen Schwerverletzte auf ein Hospitalschiff vor der Küste. Die Vereinten Nationen, die US-Hilfsorganisation USAID und weitere große Hilfsorganisationen haben Evaluierungsteams geschickt. Selbst Haitianer aus der Diaspora, vor allem New York und Miami, kommen, um anzupacken oder nach ihren Angehörigen zu suchen. Die Europäische Union hat drei Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt, die über die in Haiti tätigen Organisationen verteilt werden. Die Hilfen sollen vor allem für die Ausstattung der Krankenhäuser, die Trinkwasserversorgung und Notunterkünfte verwendet werden.

Und so verwandelt sich das Land zumindest vorübergehend wie auch 2010 in den oft kritisierten »NGO-Staat«. Vor elf Jahren koordinierten unzählige Hilfsorganisationen Nothilfe, Rettung und Teile des Wiederaufbaus faktisch allein, eine Folge der langen Abwesenheit der Regierung um Präsident René Préval in den Tagen nach der Katastrophe. Die aktuelle Regierung um Premierminister Henry zeigt zumindest Präsenz, macht Versprechen und versucht die Hilfe über den staatlichen Katastrophenschutz zu koordinieren.

Der Staat sei aber von der schieren Dimension der Herausforderungen schlicht überfordert, betont Annalisa Lombardo von der Welthungerhilfe. Haiti bleibt ein Sozialfall der internationalen Gemeinschaft.

Erschwerend hinzu kommt, dass der Zugang auf die Halbinsel Tiburon im Prinzip unmöglich ist, weil bewaffnete Gangs die Straße am Ortsausgang von Port-au-Prince kontrollieren und kaum jemanden durchlassen. Ein angeblich von der Regierung ausgehandelter humanitärer Korridor ist nach Aussage der Helfer brüchig. Am Mittwoch wurden zudem in der Hauptstadt zwei Ärzte, darunter ein Chirurg, gekidnappt, woraufhin ein Verband von acht privaten Kliniken in Port-au-Prince die Arbeit aus Protest bis auf Notfälle für zwei Tage einstellte. »Am besten kommt die Hilfe per Helikopter in die zerstörte Region«, sagt auch Carl-Henry Petit-Frère von Save the Children. Das sei das Sicherste.

Aber dennoch ist es viel zu wenig, und vor allem die abgelegenen Orte bekommen kaum etwas ab. Keiner bringe etwas, niemand kümmere sich um die Opfer, erzählen die Menschen den Reportern und Helfern vor Ort. Vor allem die Regierung lasse sie im Stich. In Haiti sind die Menschen daran gewöhnt, vom Staat nicht gesehen zu werden. Aber bei so dramatischen Ereignissen wie dem Erdbeben wird es noch einmal besonders deutlich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es an einigen Stellen, Les Cayes sei die drittgrößte Stadt Haitis, jedoch ist Les Cayes lediglich der drittgrößte Seehafen des Landes. Wir haben die betreffenden Stellen korrigiert.