Eritreische Flüchtlinge "Alle fliehen nach Äthiopien. Niemand will zurück"

Sie sind in ein armes Land geflohen - weil es in ihrer Heimat noch aussichtsloser ist. Die Fotografin Susanne Doettling hat den Alltag der Menschen in einem Flüchtlingscamp dokumentiert.
Von Tim van Olphen und Susanne Doettling (Fotos)
Für viele Menschen sind die Flüchtlingscamps in Äthiopien nur eine Station auf ihrer Reise Richtung Europa

Für viele Menschen sind die Flüchtlingscamps in Äthiopien nur eine Station auf ihrer Reise Richtung Europa

Foto:

S. Doettling

Globale Gesellschaft

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Weltweit befinden sich mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie fliehen vor Hunger, Krieg, Verfolgung oder Gewalt. Laut dem Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) müssen jeden Tag 37.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Viele von ihnen suchen Zuflucht und Sicherheit in Ländern, die selbst arm und krisengebeutelt sind. Eines dieser Zufluchtsländer ist Äthiopien. In dem Land leben fast 750.000 registrierte Flüchtlinge. Schätzungen zufolge könnte die Dunkelziffer aber noch deutlich höher liegen.

Die Geflüchteten kommen aus Dschibuti, Somalia, dem Sudan oder Eritrea. Insbesondere aus dem Nachbarland Eritrea fliehen viele Menschen. Ende 2019 registrierte die äthiopische Regierung insgesamt knapp 140.000 eritreische Flüchtlinge  in dem Land. In den äthiopischen Verwaltungsregionen Tigray und Afar wurden laut UNHCR allein 2019 insgesamt 70.129 Neuankömmlinge  aufgenommen.

Die internationale Nichtregierungsorganisation Freedom House bezeichnet Eritrea als einen "militarisierten autoritären Staat ". Das Land war früher ein Teil von Äthiopien, bevor es 1993 unabhängig wurde. Fünf Jahre später brach ein Krieg zwischen den beiden Staaten aus, der Zehntausende Tote forderte. Mit dem sogenannten Abkommen von Algier im Jahr 2000 wurde der Krieg zwar beendet, Eritrea und Äthiopien blieben jedoch verfeindet. Erst 20 Jahre später, auf Initiative des äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed, unterzeichneten beide Staaten eine gemeinsame Friedenserklärung. Ahmed erhielt dafür vergangenes Jahr den Friedensnobelpreis.

Seit der Unabhängigkeit von Äthiopien wurden in Eritrea keine Wahlen mehr abgehalten. Die Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ), die von Präsident Isaias Afwerki geführt wird, ist die einzige zugelassene Partei des Landes – eine Opposition gibt es nicht. Willkürliche Inhaftierungen und Strafen ohne Gerichtsverfahren sind an der Tagesordnung.

Sowohl Männer als auch Frauen müssen in Eritrea einen unbefristeten Wehrdienst leisten, der laut Amnesty International  Zwangsarbeit gleichkommt. Verweigerer werden verfolgt und als Deserteure gebrandmarkt. Ihnen droht in Friedenszeiten eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren - in Kriegszeiten kann die Haftstrafe zwischen fünf Jahren bis lebenslänglich betragen und in schweren Fällen droht gar die Todesstrafe. Meinungs- und Pressefreiheit gibt es praktisch nicht: 2001 hat die Regierung alle unabhängigen Medien geschlossen, laut Reporter ohne Grenzen  rangiert Eritrea in der Rangliste der Pressefreiheit  unter allen Ländern der Welt auf dem drittletzten Platz.

Viele Eritreer versuchen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Wenn sie es schaffen, kommen sie zunächst in Aufnahmezentren hinter der äthiopischen Grenze unter. Von dort aus werden sie in verschiedene Flüchtlingscamps gebracht. Hitsats, im Norden Äthiopiens, ist eines davon. Wie das äthiopische Nachrichtenportal Eezega berichtet , steht das Camp jedoch kurz vor der Schließung. Die äthiopischen Behörden hätten den mehr als 18.000 Bewohnern mitgeteilt, dass sie in ein anderes Lager umziehen sollen.

Die Fotografin und Kommunikationsmanagerin Susanne Doettling unterstützt seit Jahren medizinische und humanitäre Flüchtlingsprojekte, Mitte 2019 reiste sie in das Camp, sprach mit den Bewohnern und fotografierte sie.

In Hitsats sehe man in erster Linie Kinder und Jugendliche, "wesentlich mehr Jungen als Mädchen", sagt sie. Viele der Menschen dort würden versuchen, ihre Hütten wohnlich zu gestalten, "manche haben sich magere Gemüsegärten angelegt, um ein wenig mehr als die monatlichen Nahrungsrationen zu haben", sagt Doettling.

Die meisten Flüchtlinge wollen nicht bleiben. Das Wunschziel für viele ist Europa. "Alle, mit denen ich sprach, hoffen nur auf ein sicheres, selbstbestimmtes Leben", sagt Doettling.

Sehen Sie in der Fotostrecke, wie die Menschen im Hitsats-Flüchtlingscamp leben:

Fotostrecke

Eritreische Flüchtlinge in Äthiopien: "Ich lebe ohne Hoffnung"

Foto: S. Doettling

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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