Back to the roots: Eine Landwirtin im Senegal mit ihrer geernteten Hirse

Back to the roots: Eine Landwirtin im Senegal mit ihrer geernteten Hirse

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL

Ernährungskrise im Senegal »Weizen aus dem Ausland bringt uns doch nur Probleme«

Jahrelang flutete Europa den Senegal mit Billigweizen, traditionelles Getreide wurde verdrängt. Seit dem Krieg gegen die Ukraine stocken die Weizenimporte. Die Landwirte sehen darin auch eine Chance.
Aus Dakar, Senegal, berichten Heiner Hoffmann und Carmen Abd Ali (Fotos)
Globale Gesellschaft

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Der grobe Weizen rattert durch die riesigen Rüttelsiebe, rutscht dann ein Stockwerk tiefer, wo er mit Wasser gereinigt wird. Mehr als ein Dutzend Maschinen laufen gleichzeitig, es ist laut, es dröhnt, trockener Weizenstaub hängt in der Luft. Auf dem Betonfußboden sammeln sich Getreidereste, die aus den Maschinen herausgeschleudert wurden, ein Mitarbeiter kehrt sie auf.

Über insgesamt sieben Stockwerke wird der Weizen bearbeitet, immer feiner gesiebt und gemahlen. Am Ende füllen Arbeiter das weiße Mehl in Säcke ab, die Lkw stehen schon vor der Tür bereit. Die Mühle der Grands Moulins de Dakar, eines der größten Lebensmittelproduzenten in Westafrika, am Rande der senegalesischen Hauptstadt steht nie still. Eine mehr als einen Meter dicke Pipeline pumpt ständig neues Getreide direkt vom Hafen in die Maschinen, Tag und Nacht.

Die Mühle der Grands Moulins de Dakar stand nie still, doch seit dem Krieg in der Ukraine ist alles anders

Die Mühle der Grands Moulins de Dakar stand nie still, doch seit dem Krieg in der Ukraine ist alles anders

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Aus der Ukraine und Russland kommt derzeit keinerlei Weizen mehr im Senegal an

Aus der Ukraine und Russland kommt derzeit keinerlei Weizen mehr im Senegal an

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Arbeiter verladen Weizenreste, die zu Tierfutter verarbeitet werden

Arbeiter verladen Weizenreste, die zu Tierfutter verarbeitet werden

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL

Doch inzwischen muss es heißen: Die Mühle stand nie still. Denn am 3. Juni um Punkt 18 Uhr wurde die riesige Maschinerie angehalten, die Lkw wurden abgeschlossen, kein Sack Mehl verließ mehr das Fabrikgelände. Nur eine Schiffsladung Weizen ist noch auf dem Weg in Richtung Hafen, alle neuen Order wurden abgesagt. Die Grands Moulins de Dakar traten, gemeinsam mit sechs anderen großen Weizenfirmen, in den Streik.

Durch den Krieg in der Ukraine ist der Preis für Weizen explodiert, in Afrika kommt kaum noch etwas an, es drohen Hungerkrisen und Aufstände. Daher erleben im Senegal und in anderen afrikanischen Ländern traditionelle Produkte wie Maniok oder Sorghum eine Renaissance, Präsidenten fordern ihre Bevölkerungen auf, wieder lokal produzierte Waren zu kaufen. Die Weizenkrise drängt alle zum Handeln.

Im klimatisierten Büro des Firmensprechers hängt ein Werbeplakat an der Wand, es stammt noch aus den guten Zeiten. Der Weizen kam vor allem aus Russland, Frankreich und der Ukraine, die Nachfrage war immens, die Senegalesinnen und Senegalesen lieben ihr Baguette zum Frühstück. Das Geschäft brummte. Aber, so sagt Firmensprecher Papa Abdoulaye Djigal, »Brot ist im Senegal politisch«. Selten war der Satz so wahr wie derzeit.

Seit dem 3. Juni stehen die Maschinen in der Mühle in Dakar still

Seit dem 3. Juni stehen die Maschinen in der Mühle in Dakar still

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL

Als Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kommt derzeit keinerlei Weizen aus Russland und der Ukraine mehr in Dakar an, damit sind den Grands Moulins de Dakar praktisch über Nacht 40 Prozent der Importe weggebrochen. Auch Frankreich hatte dieses Jahr keine starke Ernte, konnte die Lücke nicht füllen. Inzwischen haben sie Ersatz gefunden, vor allem aus Argentinien. Doch der Weizen von dort ist viel teurer, wegen der gestiegenen Weltmarktpreise und der deutlich höheren Transportkosten. Inzwischen zahlen die Grands Moulins de Dakar 500 Euro pro Tonne statt 225 Euro wie früher.

Da Brot im Senegal aber politisch ist, weil steigende Lebenshaltungskosten immer wieder für soziale Unruhen sorgen, hat die Regierung den Preis für einen Sack Mehl und eine Stange Brot staatlich festgesetzt. Infolge des Krieges wurde der bereits um 15 Prozent erhöht, doch das reicht bei Weitem nicht aus, um die gestiegenen Importpreise für Weizen auszugleichen. Die Regierung in Dakar versprach, die Müllereibetriebe großzügig zu subventionieren, um den Mehlpreis stabil zu halten. Doch über Wochen kamen diese Gelder kaum an, mit jedem Sack Mehl machten die Grands Moulins de Dakar Verlust. Um die Regierung zum Handeln zu drängen, haben sie zum 3. Juni alle Lieferungen gestoppt.

»Es ist ein Kampf zur Rettung Afrikas«

»So kann es nicht weitergehen. Der reale Preis für Mehl und damit auch für Brot wäre viel höher als der derzeitige staatliche Preis«, sagt Firmensprecher Djigal. Doch aufgrund der Coronapandemie ist der Senegal hoch verschuldet, riesige Subventionsprogramme sind auf Dauer schlicht nicht zu finanzieren. In seiner Verzweiflung ist Präsident Macky Sall Anfang Juni nach Russland geflogen, um den blockierten Weizen freizuverhandeln.

Putin versprach seinem senegalesischen Amtskollegen, die Blockade im Schwarzen Meer zu lösen – wenn die ukrainische Regierung die Unterwasserminen räumen ließe. Und Putins Rhetorik verfing, der Hunger als stille Waffe zeigte Wirkung: Macky Sall machte anschließend in Interviews die Minen der Ukraine und die Sanktionen des Westens für die ausbleibenden Weizenimporte verantwortlich, nicht Russland selbst. Putin habe ihm zugesagt, die Ukraine nicht über das Meer anzugreifen, wenn die Minen weg wären, verkündete Sall. Es war, als redete Putin selbst in diesen Interviews. In Kiew glaubt allerdings niemand solchen Garantien, eine Lösung ist also nicht in Sicht.

Das Resort L'Arc en Ciel etwa zwei Stunden nördlich der Hauptstadt Dakar ist in die Jahre gekommen, an einigen Stellen bröckelt der rosafarbene Putz, die Liegen neben dem Pool sind nicht mehr die neuesten. Am Rand des Beckens ist ein Tisch mit Snacks aufgebaut, darauf: Pizzabrot, aus Weizenmehl. Kuchenstücke, aus Weizenmehl. Teigtaschen, aus Weizenmehl. Ngouye Camara muss schmunzeln, als er daran vorbeiläuft. Schließlich sind sie hier, um genau das zu verhindern.

Landwirt Ngouye Camara baut traditionelle Sorten wie Hirse und Sorghum an

Landwirt Ngouye Camara baut traditionelle Sorten wie Hirse und Sorghum an

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Auf der Landwirtschaftsmesse in Dakar verkaufen Mitarbeiterinnen seine Produkte, das Geschäft läuft sehr gut

Auf der Landwirtschaftsmesse in Dakar verkaufen Mitarbeiterinnen seine Produkte, das Geschäft läuft sehr gut

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL

Camara hat sein feines weißes Gewand angezogen, sein Bart ist akkurat gestutzt, nur die großen rauen Hände verraten seinen Beruf: Er ist Farmer. Der Senegalese ist in das Resort gekommen, um mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus ganz Afrika darüber zu beraten, wie der Kontinent unabhängiger von Importen werden kann. Die Alliance for Food Sovereignty in Africa (Afsa) hat den Kongress organisiert.

»Es ist ein Kampf zur Rettung Afrikas«, ruft ein Konferenzteilnehmer mit fester Stimme. »Wir stecken in einer tiefen Krise, unsere Existenz ist bedroht«, sagt ein anderer. Ngouye Camara nickt bei diesen Sätzen, er macht sich Notizen. Der Landwirt ist Teil der Lösung, so hofft er jedenfalls. Im fruchtbaren Süden des Landes baut er auf 40 Hektar einheimische Sorten an, die im Senegal zunehmend in Vergessenheit geraten waren: Fonio, Hirse und Sorghum.

In einem abgedunkelten Raum im L'Arc en Ciel sitzt er zusammen mit Dutzenden anderen Landwirten und Funktionären aus Sambia, Kenia, Tunesien, sogar aus Indien sind Referenten angereist. Sie haben ihre Laptops vor sich aufgeklappt, einige feilen noch in letzter Minute an ihren Präsentationen.

Ihr großes Thema heute ist das Saatgut. Es wird viel geschimpft über die industriellen Samen aus dem Ausland, die Unmengen an Dünger benötigen und immer mehr Land verschlingen. Ein Kollege von Ngouye Camara aus dem Senegal redet sich in Rage: »Früher haben unsere Kinder in den Schulen Mittagessen aus traditionellem Getreide bekommen, heute verpönen sie das.«

Jetzt sollen die afrikanischen Landwirte die verdrängten Traditionen wiederentdecken und modernisieren. In Powerpoint-Präsentationen zeigen die Referenten, wie man auf kleinem Raum ohne Kunstdünger traditionelles Saatgut verbessern und wieder kultivieren kann. Wie man herausfinden kann, welche der Samen etwas taugen und welche nicht. Experten erklären den Bauern, wie man mit verschiedenen Hirsearten ein Dorf ernähren und gleichzeitig Gewinne machen kann.

»Der Weizen aus dem Ausland bringt uns doch nur Probleme, wir müssen uns wieder auf unsere Traditionen besinnen«, fordert auch Ngouye Camara. Er wurde in eine Farmerfamilie hineingeboren, sein Vater baute vor allem Erdnüsse an, eines der gewinnträchtigsten Produkte im Senegal. Der Anbau brachte schnelles Geld, machte aber niemanden satt. Anfang der Achtzigerjahre wurde sein Vater schwer krank, kurz darauf erbte Camara den Hof, die Landwirtschaft wurde zu seiner großen Leidenschaft.

»Wir müssen unsere Essgewohnheiten umstellen«

Binnen weniger Jahre stellte er alles auf den Kopf: Statt Erdnüssen und Mais pflanzte er Fonio, die sogenannte Hungerhirse, eine einheimische Getreideart. »Alle haben mich ausgelacht, sie haben gesagt: ›Damit verdienst du nie Geld‹«, erinnert sich Camara. Seine Großmutter hatte Fonio angebaut, die Sorte galt als altmodisch, überkommen. Es war eine Mischung aus Bauchgefühl und Hommage an seine Oma, die den Landwirt antrieb, sie doch zu pflanzen.

Lange führte er daraufhin einen aussichtslosen Kampf: Aufgrund der Massenproduktion und EU-Subventionen war der Weizen aus Europa konkurrenzlos billig, der Markt wurde geradezu geflutet, die lokalen Getreideproduzenten hatten keine Chance. Viele Senegalesinnen und Senegalesen stellten ihre Essgewohnheiten um, die Baguettestange wurde zum Nonplusultra eines jeden Frühstücks.

Doch Camaras langer Atem hat sich gelohnt. »Heute weiß ich: Meine Entscheidung war richtig«, sagt er stolz. Das Geschäft brummt, er bildet inzwischen sogar Bäckerinnen und Bäcker im Süden des Senegal darin aus, Brot und Kuchen aus traditionellem Getreide zu backen. Immer mehr Bauernkollegen fragen ihn um Rat.

Seit der Weizenkrise ist die Nachfrage nach Hirsearten geradezu explodiert, was wiederum die Preise hat steigen lassen. »Ich kann momentan gar nicht so viel produzieren, wie nachgefragt wird«, sagt Camara. Dabei hat er den Anbau schon um ein Drittel ausgeweitet, es reicht trotzdem nicht. Immer mehr Landwirte im Senegal steigen auf lokale Getreidesorten um, doch bis der Bedarf im Land komplett gedeckt werden kann, wird es noch lange dauern.

Nach der Konferenz fährt Camara in die Hauptstadt Dakar, es ist gerade Landwirtschaftsmesse. Im Freien stehen Rinder und Ziegen in mobilen Gehegen, drinnen werden lokale Produkte von der Ananas bis zum Kaffee angeboten. Besonders beliebt: der Stand eines Düngemittelhändlers, immer wieder klingelt das Telefon des Betreibers, Bauern fragen nach chemischem Dünger. Die Regenzeit steht vor der Tür, die Landwirte wollen sähen. Doch das beliebte Granulat für die Felder ist komplett ausverkauft, Nachschub ist nicht in Sicht, auch eine Folge des Krieges in der Ukraine.

Zwei Gänge weiter sitzt Ngouye Camara entspannt auf einem Stuhl neben seinem Stand, ein Ventilator bläst ihm frischen Wind ins Gesicht. Er braucht für seine traditionellen Getreidesorten keinen chemischen Dünger, benutzt stattdessen Teile der Hirse als Naturdünger.

Auch viele Bäckereien haben umgestellt: In der Bäckerei Mburu in Dakar wird Brot immer häufiger aus traditionellem Getreide zubereitet

Auch viele Bäckereien haben umgestellt: In der Bäckerei Mburu in Dakar wird Brot immer häufiger aus traditionellem Getreide zubereitet

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Doch auch hier geht es ganz ohne Weizenmehl noch nicht, die Kundinnen und Kunden stellen ihre Essgewohnheiten nur langsam wieder um

Doch auch hier geht es ganz ohne Weizenmehl noch nicht, die Kundinnen und Kunden stellen ihre Essgewohnheiten nur langsam wieder um

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Diese Brote wurden mit Moringa, einem Produkt der Meerrettichbaums, zubereitet

Diese Brote wurden mit Moringa, einem Produkt der Meerrettichbaums, zubereitet

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL
Landwirt Ngouye Camara verkauft seine lokalen Produkte auf einer Landwirtschaftsmesse

Landwirt Ngouye Camara verkauft seine lokalen Produkte auf einer Landwirtschaftsmesse

Foto: Carmen Abd Ali / Hans Lucas / DER SPIEGEL

Auf seinem Verkaufstisch hat Camara kleine Säckchen und Papiertüten mit seinen Produkten aus Hirsearten aufgestellt, von Couscous bis zu Plätzchen. »Ich habe schon aufgestockt, aber dieses Jahr werden wir auf jeden Fall unseren kompletten Bestand verkaufen«, vermutet der Landwirt. Inzwischen exportieren sie sogar nach Italien oder Frankreich, die Produkte gelten dort als Superfood. »Das ist schon ironisch: Erst verdrängen sie mit ihrem Billigweizen unsere einheimischen Sorten, und jetzt sind sie ganz heiß darauf.«

Doch noch immer wird vieles im Subsistenzanbau kultiviert, die kleinen Mengen und die gestiegene Nachfrage nach traditionellem Getreide treiben die Preise in die Höhe.

In der Mühle der Grands Moulins de Dakar ist der Streik nach einer Woche erst mal wieder vorbei. Der Unternehmenssprecher schickt eine WhatsApp: »Wir produzieren wieder.« Die Regierung habe sich bereit erklärt, die ausstehenden Subventionen auszuzahlen. Dann kommt das große Aber: Die Verhandlungen um den festgesetzten Weizenpreis gehen weiter. Es ist also höchstens eine kurzfristige Lösung, ein paar Wochen Burgfrieden. Danach droht das Brot für viele Verbraucher unerschwinglich zu werden.

Selbst der Unternehmenssprecher der Weizenmühle sagt: »Wir müssen dann unsere Essgewohnheiten umstellen.« Gute Aussichten für Landwirt Ngouye Camara.

Mitarbeit: Astou Sedy Diouf

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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