Berühmtes Lexikon Erster Herausgeber von Oxford-Wörterbuch hielt "Antisemit" für kurzlebigen Begriff

Ein historischer Irrtum: Der erste Herausgeber des Oxford English Dictionary hielt das Wort "Antisemit" für einen kurzlebigen Begriff - und nahm ihn nicht in sein Wörterbuch auf.
Brief des Herausgebers James Murray

Brief des Herausgebers James Murray

Foto: MENAHEM KAHANA/ AFP

Das berühmte Oxford-Wörterbuch wurde zwischen 1884 und 1928 erstmalig veröffentlicht. Bei einem wichtigen Begriff kam es dabei nach neuen Erkenntnissen zu einer Fehleinschätzung:  Der erste Herausgeber des Oxford English Dictionary hat das Wort "Antisemit" nach neuesten Erkenntnissen für einen kurzlebigen Begriff gehalten und ihn deshalb nicht in sein Wörterbuch aufgenommen.

Nach Einschätzung des britischen Lexikografen James Murray, der 1879 mit der Arbeit am Oxford-Wörterbuch begann, war der Begriff "nicht mehr als ein übergangsweise gebildetes Wort", wie jetzt in Israel veröffentlichte Archivdokumente zeigten.

In der Liste der aufzunehmenden Wörter gab es zwar eine Reihe von Begriffen mit der Vorsilbe "anti". Als Claude Montefiore, ein einflussreiches Mitglied der jüdischen Gemeinde Großbritanniens, erfuhr, dass "Antisemit" und die daraus abgeleiteten Begriffe keinen Eintrag haben würden, schrieb er an Murray und äußerte sich besorgt.

Murray erklärte sein Vorgehen gegenüber Montefiore am 5. Juli 1900 in einem Brief damit, dass das Wort Antisemit und die verwandten Begriffe erst 1881 vom Deutschen ins Englische gekommen seien und dass er glaube, der Begriff würde angesichts seiner begrenzten Nützlichkeit wohl kaum Fuß fassen. "Daher wurden sie nicht in einem separaten Artikel behandelt", erklärte er und fügte hinzu, dass "die Straße eher 'antijüdisch' als antisemitisch sagen würde".

"Hätte der Antisemitismus doch nur ein flüchtiges Interesse gehabt"

In dem Brief bezweifelte er allerdings bereits, ob es die richtige Entscheidung war, Antisemitismus aus dem Wörterbuch herauszulassen: "Es ist wahrscheinlich, dass, wenn wir das Wörterbuch heute veröffentlichen würden, wir 'antisemitisch' zu einem der Hauptwörter gemacht hätten", schrieb er und beklagte: "Hätte der Antisemitismus doch nur ein flüchtiges Interesse gehabt."

Für die Archivarin der Israelischen Nationalbibliothek, Rachel Misrati, die den Brief entdeckte, ist das Schriftstück ein "fehlendes Glied in der Kette der Geschichte". Er zeige, wie der Begriff "semitisch", der sich eigentlich auf Sprecher des Hebräischen, Arabischen und Aramäischen bezieht, bereits in einem frühen Stadium nur auf Juden angewandt wurde. "Der Antisemitismus richtete sich anfangs gegen alle semitischen Rassen", sagte Misrati. Murray stellte ihn aber bereits in den antijüdischen Kontext. 

als/AFP
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