Eskalation in Afghanistan USA entsenden Truppen zum Schutz von Kabuler Flughafen

Die Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen – nun reagieren die USA. Mehr als tausend weitere Soldaten werden in das Land geschickt. Sie sollen den Flugverkehr sichern.
Einheiten der Joint Forces auf dem Weg nach Afghanistan

Einheiten der Joint Forces auf dem Weg nach Afghanistan

Foto: LPhot Ben Shread / AP

Angesichts des rasanten Eroberungszugs  der Taliban stocken die USA ihre Truppen in Afghanistan erneut deutlich auf. Ziel sei die Sicherung des Flughafens von Kabul, um den sicheren Abflug von US-amerikanischem und verbündetem Personal aus Afghanistan zu ermöglichen, teilten das Außen- und Verteidigungsministerium am Sonntagabend (Ortszeit) mit.

»In den kommenden 48 Stunden werden wir unsere Sicherheitspräsenz auf fast 6000 Soldaten erhöht haben, deren Aufgabe ausschließlich darin besteht, diese Bemühungen zu unterstützen«, hieß es in der Mitteilung weiter.

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Damit schicken die USA rund tausend weitere Militärs nach Afghanistan. Es soll sich dabei um Soldaten der 82. Luftlandedivision handeln, wie mehrere US-Medien berichteten. Erst am Samstag hatte US-Präsident Joe Biden eine Verstärkung von 1000 Soldaten angeordnet. Die Entsendung von 3000 Soldaten war vergangene Woche angekündigt worden.

Noch in der Nacht gab es eine weitere Stellungnahme des US-Außenministeriums. Demnach haben US-Einheiten den Flughafen von Kabul und die direkte Umgebung gesichert.

Insgesamt hat die US-Regierung seit Ende vergangener Woche 5000 Soldaten nach Afghanistan beordert – 1000 waren bereits vor Ort. Als Biden den Truppenabzug im Frühjahr angeordnet hatte, waren noch rund 2500 US-Soldaten im Land gewesen.

Man wolle nun außerdem die Evakuierung Tausender afghanischer Helfer beschleunigen, die Anspruch auf ein spezielles Einwanderungsvisum für die USA hätten, hieß es weiter aus den beiden Ministerien. Afghanen, welche die Sicherheitsüberprüfung bestanden hätten, würden direkt in die USA gebracht. Man werde weitere Orte für diejenigen finden, die noch überprüft werden müssen.

CNN berichtete unter Berufung auf einem Beamten im Pentagon, dass es auf oder in der Nähe des Flughafens von Kabul zu Sicherheitsvorfällen gekommen sei. Es seien aber weder US-Streitkräfte angegriffen worden noch hätten diese auf jemanden geschossen.

Uno-Sicherheitsrat tagt zur Lage im Land

Seit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen aus Afghanistan im Mai haben die islamistischen Taliban gewaltige Gebietsgewinne verzeichnet. Am Wochenende eroberten sie weitere Großstädte und rückten am Sonntagabend nach und nach auch in die Millionenmetropole Kabul ein, wo sie unter anderem den Präsidentenpalast besetzten.

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Nach dem Einmarsch der Taliban und der Flucht des Präsidenten Ashraf Ghani befasst sich der Uno-Sicherheitsrat mit der brisanten Lage in dem Krisenstaat. Auf Antrag Estlands und Norwegens kommt das Gremium an diesem Montagvormittag in New York zu einer Sondersitzung zusammen.

Uno-Generalsekretär Antonio Guterres äußerte sich tief besorgt und rief die islamistischen Aufständischen sowie alle anderen Konfliktparteien zu »äußerster Zurückhaltung« auf. Die Vereinten Nationen seien weiter entschlossen, zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts beizutragen sowie die Menschenrechte aller Afghanen, insbesondere die von Frauen und Mädchen, zu fördern. Überdies gelte es, lebensrettende humanitäre Hilfe und wichtige Unterstützung für Zivilisten in Not zu leisten, sagte er.

Erste Deutsche sollen ausgeflogen werden

Die Aufständischen wollen ein »Islamisches Emirat Afghanistan« errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001. Damals setzten sie mit drakonischen Strafen ihre Vorstellung eines »Gottesstaats« durch: Frauen und Mädchen wurden systematisch unterdrückt, Künstler und Medien zensiert, Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung.

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Der Eroberungsfeldzug der Taliban

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Sidiqullah Khan / dpa

Die Bundesregierung begann angesichts der gefährlichen Lage unter Hochdruck mit der Evakuierung des Personals der deutschen Botschaft. Die ersten Angehörigen sollten noch am Sonntag ausgeflogen werden, kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) an. Außerdem sollten in der Nacht zum Montag Bundeswehr-Transportflugzeuge aufbrechen, um weiter Menschen auszufliegen. Die Botschaft in Kabul wurde zunächst geschlossen, die Mitarbeiter wurden zum militärischen Teil des dortigen Flughafens gebracht. Auch die USA begannen mit der Räumung ihrer Botschaft.

Geflohener Präsident Ghani: »Kabul wäre zerstört worden«

Ghani schrieb zur Begründung seiner Flucht auf Facebook, andernfalls wären zahlreiche Landsleute getötet und die Stadt Kabul zerstört worden. »Ich entschied mich zu gehen, um dieses Blutvergießen zu verhindern.« Die Taliban hätten ihre Macht mit Waffengewalt errungen und seien nun dafür zuständig, die Leben, das Vermögen und die Ehre der Bürger zu schützen.

US-Außenminister Antony Blinken verteidigte erneut den US-Truppenabzug. Er räumte allerdings ein, dass auch die USA von den Ereignissen überrascht worden seien. Die einheimischen Streitkräfte seien nicht in der Lage gewesen, das Land zu verteidigen – »und zwar schneller, als wir es erwartet hatten«.

Die Taliban versuchten, die Furcht der Bevölkerung vor Chaos und Gewalt zu zerstreuen. Suhail Schahin, ein Unterhändler bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Katar, sagte der BBC: »Wir versichern den Menschen (...) in der Stadt Kabul, dass ihr Hab und Gut und ihre Leben sicher sind.« Es werde »keine Rache an irgendjemandem« geben.

jok/dpa
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