Estlands Premier auf russischer Fahndungsliste Kaja Kallas hat es geschafft
Kaja Kallas im Januar in Tallinn
Foto:Peter Kollanyi / Bloomberg / Getty Images
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Eine Auszeichnung. Wie eine Medaille für den stetigen Kampf gegen die Propaganda des Kreml im Ukrainekrieg. Das ist eine Lesart der Aufnahme der estnischen Regierungschefin Kaja Kallas auf eine russische Fahndungsliste.
Kallas hat sich nicht in Wladimir Putin getäuscht. Seit 2021 ist sie Premierministerin des baltischen Staates. Und eigentlich hat sie von Anfang an gewarnt. Bereits im Januar 2022, vor der russischen Invasion in der Ukraine, veranlasste sie Waffenlieferungen ihres Landes an Kiew. Dass sie eine Zielscheibe des Kreml ist, dürfte wenige überraschen, am wenigsten sie selbst. Und auch wirklich betreffen dürfte sie der eher symbolische Schritt aus Moskau nicht, wenn sie nicht gerade nach Russland oder in ein Russland nahestehendes Land reist. Aber wer ist Kaja Kallas?
Die ehemalige Europaabgeordnete und Tochter des ehemaligen estnischen Ministerpräsidenten und EU-Vizekommissionschefs Siim Kallas, einer zentralen Figur der estnischen Unabhängigkeitsbewegung, kennt den russischen Imperialismus aus ihrer Familiengeschichte .
Im März 2022, zwei Wochen nach dem russischen Überfall, diskutierten sie in Europa teils noch darüber, ob man nicht noch die eine oder andere wirtschaftliche Verbindung nach Russland erhalten könnte. Kallas hingegen stellte sich vor das EU-Parlament und erzählte von ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Ende der Vierzigerjahre seien sie von sowjetischen Soldaten ins »kalte Land« deportiert worden, unter Hunger, Kälte und Angst hätten sie gelitten. Kallas warnte, dass der Krieg nicht schnell vorbeigehen würde, dass man als Europa zusammenstehen müsse.
Und immer wieder griff sie Wladimir Putin an und forderte bereits früh, dass man ihm wegen Kriegsverbrechen den Prozess machen soll . In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte sie, dass es keinen Sinn habe, mit dem Kremlchef zu sprechen. »Er ist ein Kriegsverbrecher. Wenn Sie sich die Definition für Kriegsverbrechen oder Genozid ansehen, dann hat er eindeutig solche Verbrechen begangen. Warum sollte man mit ihm reden?« Statt mit ihm redet Kallas über Putin und seinen Krieg. Sie hat der Kriegsmüdigkeit den Kampf angesagt.
»E-Estonia« und seine historische Verantwortung
Die Esten solidarisieren sich mit der Ukraine, das ergibt sich schon aus der Historie ihres Landes. Ausgerechnet am 24. Februar, dem Tag der russischen Invasion, feiert Estland jedes Jahr seine Unabhängigkeit. Im Jahr 1918 wurde die Republik Estland ausgerufen, ehe sie ab 1940 als Sowjetrepublik fortbestand. 1991 erlangte Estland seine Unabhängigkeit wieder, 2004 trat das Land der Europäischen Union und der Nato bei. Heute gilt der kleine Baltenstaat als Vorreiter in Sachen Digitalisierung, von »E-Estonia« ist die Rede.
Kaja Kallas ist zum Gesicht dieses aufstrebenden Staates geworden. Als junge Politikerin baute sie in Brüssel viele Kontakte auf, für die sie einst von estnischen Medien verlacht wurde, die ihr und vor allem ihrem Land aber heute helfen. Es geht ihr darum, nicht vergessen zu werden. »Als der Eiserne Vorhang fiel, haben Frankreich und Deutschland uns nicht vermisst. Aber wir, wir haben euch vermisst. Wir haben die Freiheit vermisst«, sagte sie im vergangenen Jahr dem SPIEGEL. »Wir müssen nützlich sein, wir müssen zeigen, dass man uns braucht.«
Gegenentwurf zu Putins Russland
Die 46-Jährige sagt Dinge wie »wir Frauen müssen doppelt so hart arbeiten« oder erzählt, dass sie sich als Premierministerin nur Hosen gekauft habe, weil sie beim Klettern auf Panzer bei Truppenbesuchen praktischer seien. Die starke und liberale Kallas passt in den Zeitgeist, besser gesagt: in den Zeitgeist des Westens. Es erscheint schon fast logisch, dass man Kallas im Kreml als Feindbild wahrnimmt. Als personifizierter Gegenentwurf zum Russland Wladimir Putins steht sie für ein Land, das sich von der einstigen Besatzungsmacht losgesagt hat.
Russia's move is nothing surprising.
— Kaja Kallas (@kajakallas) February 13, 2024
This is yet more proof that I am doing the right thing – the #EU's strong support to #Ukraine is a success and it hurts Russia. 1/
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Diese angeblich befreiten Staaten ließen jedoch sowjetische Kriegsdenkmäler abreißen. Deswegen stehen neben Kallas als erste ausländische Regierungschefin überhaupt auch der litauische Kulturminister Siomnas Kairys und der Bürgermeister der litauischen Stadt Klaipeda, Arvydas Vaitkus, auf der Fahndungsliste. »Die politische Bewertung ist natürlich, dass es sich um eine Art Auszeichnung für Menschen handelt, die die Ukraine unterstützen und den Kampf des Guten gegen das Böse unterstützen«, sagte der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis der Agentur BNS.
Kallas selbst meldete sich am Dienstag kurz zu Wort. Dass sie auf einer russischen Fahndungsliste stehe, werde sie nicht zum Schweigen bringen, sie werde ihre starke Unterstützung der Ukraine fortsetzen. Es bleibt dabei: keine Überraschung in Tallinn.