Evakuierung aus Afghanistan GIZ verweigert erwachsenen Söhnen von Ortskräften die Rettung

Die Bundesregierung hat versprochen, Ortskräften in Afghanistan unbürokratisch zu helfen. Doch unter anderem die Entwicklungshelfer von der GIZ wollen erwachsene Söhne ihrer Mitarbeiter nicht evakuieren – sondern nur »unverheiratete Töchter«.
Fallschirmjäger der Bundeswehr vor dem Abflug mit einem Airbus von Taschkent nach Kabul: »Wenn die Taliban uns finden, dann bringen sie uns um«

Fallschirmjäger der Bundeswehr vor dem Abflug mit einem Airbus von Taschkent nach Kabul: »Wenn die Taliban uns finden, dann bringen sie uns um«

Foto: Marc Tessensohn / AFP

Sie kauern in einem Hochhaus in Kabul: Adib, seine Frau, seine Söhne. Sie trauen sich nicht auf die Straße, weil sie Angst vor den Taliban haben. Sie erzählen, wie sie rastlos auf ihr Handy starren – in der Hoffnung, Adibs Arbeitgeber, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), möge sich melden.

Adib hat viele Jahre für die GIZ in Afghanistan gearbeitet, was genau er gemacht hat, will er nicht sagen – aus Sorge, dann identifiziert werden zu können. Er will deshalb auch seinen echten Namen nicht nennen. Er ist dem SPIEGEL jedoch bekannt.

Seit die Taliban vergangenen Sonntag in Kabul einmarschiert sind, lebt Adib in Todesangst. »Die Taliban geben sich gerade moderat«, sagt er mit brüchiger Stimme am Telefon. »Doch sie sind Lügner. Wenn sie uns finden, dann bringen sie uns um.«

Die GIZ stellt Ortskräfte vor die Wahl: Söhne zurücklassen – oder bleiben

Adib hatte gehofft, die GIZ würde ihm und seiner Familie helfen, so, wie es die Bundesregierung seit Tagen verspricht. Stattdessen teilte ihm die Organisation mit, dass er selbst zwar einen Platz in einem der Flieger raus aus Kabul bekommen könne, nicht jedoch seine erwachsenen Kinder. »Ich soll meine Söhne den Taliban überlassen. Das ist Wahnsinn«, sagt er.

Wie ihm geht es mehreren GIZ-Ortskräften: Sie wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihre erwachsenen Söhne zurückzulassen oder in Afghanistan zu bleiben.

»Wer Familien trennt, handelt in so einer Situation unmenschlich.«

Cem Özdemir, Grünenpolitiker

Dem SPIEGEL liegt ein Schreiben der GIZ an mehrere Mitarbeiter vor Ort vor. Darin heißt es auf Englisch: »Liebe Kollegen, ich hoffe Ihnen und Ihren Familien geht es gut und Sie sind sicher, soweit das in der gegenwärtigen Situation möglich ist … . Personen, die einen gültigen GIZ-Arbeitsvertrag haben oder in den vergangenen zwei Jahren hatten, können sich für eine Evakuierung registrieren. … Bitte nehmen Sie folgende Regel zur Kenntnis: Mit Ihnen gehen kann die sogenannte ›Kernfamilie‹, das bedeutet ein Partner (Ehemann/Ehefrau) und Kinder unter 18 Jahren. Zusätzlich werden unverheiratete Töchter über 18 Jahren ebenfalls zur Kernfamilie gezählt. … In der gegenwärtigen Krisensituation können leider keine Ausnahmen von dieser Regel gemacht werden.«

Die GIZ beruft sich dabei auf ein Regelwerk, das die Bundesregierung festgelegt hat. Es gilt auch für andere Institutionen, etwa die Bundeswehr, betroffen sind bislang jedoch augenscheinlich vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GIZ. Ortskräfte wurden nach deren Aussagen massiv unter Druck gesetzt, nicht mit Medien über ihre Lage zu sprechen.

Erwachsene Söhne gelten nicht als »Kernfamilie«

Die GIZ ist als Unternehmen im Handelsregister eingetragen, arbeitet jedoch fast ausschließlich für deutsche Ministerien, allen voran das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die Politik gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Afghanistan steht im Widerspruch zu den Beteuerungen der Bundesregierung, Ortskräften möglichst schnell und unbürokratisch helfen zu wollen.

Die GIZ bestätigte auf Anfrage, dass sie ihren Ortskräften mitgeteilt habe, »welche Familienangehörigen als Kernfamilie im Rahmen des Ortskräfteverfahrens mitgenommen werden können«. Dabei handle es sich um besonders schutzbedürftige Personen.

»Es gibt einheitliche Regelungen der Bundesregierung, nach denen die Evakuierung erfolgt«, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Im Vordergrund stünden die besonders schutzbedürftigen Personen. »Ich begrüße es sehr, dass der Innenminister jetzt reagiert und die von ihm festgelegte Regelung zur Kernfamilie anpasst und damit beiträgt, Härtefälle zu vermeiden. In der aktuell schwierigen Lage in Afghanistan muss jetzt vor Ort Menschlichkeit und Augenmaß gelten. Keiner soll zurückbleiben, der mitgenommen werden könnte.«

Grünenpolitiker Cem Özdemir kritisiert das Verhalten der Bundesregierung als »inakzeptabel«. »Während von allen politischen Seiten gefordert wird, unsere Verbündeten und ihre Familien vor Ort so schnell wie möglich auszufliegen, werden neue bürokratische Hürden aufgebaut, die es den Menschen unmöglich machen, sich und ihre Familien in Sicherheit vor der Rache der Taliban zu bringen«, sagt er. Familien gehörten zusammen, besonders in Zeiten der Not. »Wer Familien trennt, handelt in so einer Situation unmenschlich.«

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