Offensive der Taliban Fast eine Viertelmillion Menschen in Afghanistan auf der Flucht

Die Taliban bringen immer mehr Gebiete in Afghanistan unter ihre Kontrolle. Aus Angst vor dem Vormarsch der Islamisten ist die Zahl der Flüchtlinge im Land massiv angestiegen. Allein im Juli gab es mehr als 1000 Tote und Verletzte.
Flüchtlinge in Afghanistan

Flüchtlinge in Afghanistan

Foto: Marcus Yam / Los Angeles Times / Getty Images

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan Anfang Mai sind immer mehr Menschen innerhalb des Krisenstaats auf der Flucht. Bis Ende Juli verließen nach Angaben der Uno annähernd eine Viertelmillion Bewohner ihre Dörfer und Städte.

Die Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) bezifferte die Zahl am Montag auf mehr als 244.000 – mehr als viermal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Der Großteil der Binnenflüchtlinge floh demnach aus Provinzen im Nordosten und Osten vor bewaffneten Kämpfen.

Taliban vermeldet regelmäßig Gebietsgewinne

Insgesamt leben in Afghanistan etwa 37 Millionen Menschen. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verlassen jede Woche etwa 30.000 Afghanen ihr Land. Die Schätzungen basieren auf Umfragen bei Migranten und Schleusern.

Mit Beginn des offiziellen Abzugs am 1. Mai hatten die islamistischen Taliban mehrere Offensiven gestartet. Inzwischen haben sie mehr als 160 der rund 400 Bezirke, mehrere Grenzübergänge und Teile wichtiger Überlandstraßen erobert. Seit Freitag brachten sie fünf Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle, darunter die Großstadt Kunduz im Norden. Nun fliehen auch von dort Tausende Menschen. Diese Zahlen sind in den Daten der Uno-Agentur noch nicht enthalten. In Kunduz war bis vor wenigen Wochen die Bundeswehr im Rahmen eines internationalen Einsatzes stationiert (lesen Sie hier mehr ). Sie hatte am 30. Juni ihre letzten Soldaten abgezogen.

Mindestens 1000 Tote und Verletzte allein im Juli

Seit Beginn des Abzugs sind auch die Zahlen der Todesopfer und Verletzten in der Zivilbevölkerung deutlich gestiegen. Wie der Uno-Nothilfekoordinator Martin Griffiths in einer Mitteilung angab, seien allein im Juli mehr als Tausend Menschen getötet oder verletzt worden. Griffiths machte dafür »willkürliche Attacken gegen Zivilisten in den Provinzen Helmand, Kandahar und Hirat« verantwortlich. 40 Jahre des Konflikts, zusammen mit Beeinträchtigungen durch das Klima und die Corona-Pandemie hätten dazu geführt, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung nothilfebedürftig sei.

Die Uno warnt, dass 2021 zum Jahr mit der höchsten Zahl an zivilen Opfern werden könnte. Die USA wollen bis Ende August all ihre Soldaten aus Afghanistan zurückholen. Lediglich 650 US-Soldaten sollen zum Schutz der Botschaft in Kabul bleiben.

Von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen 2001 hatten die Taliban Afghanistan beherrscht und die Menschenrechte, vor allem die Rechte der Frauen, massiv beschnitten.

als/Reuters/dpa
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