Tech-Boom im Armenviertel Junge Menschen aus der Favela erobern die digitale Welt

Bewohner von Armenvierteln hatten bis vor Kurzem kaum Zugang zur digitalen Welt. Doch inzwischen finden junge Menschen im Netz Verdienstmöglichkeiten, Anerkennung und einen Weg, ihrer Realität zu entfliehen.
Aus Rio de Janeiro berichten Nicola Abé und Kristin Bethge (Fotos)
Der Krypto-Künstler Gean Guilherme Santos Lopes mit einer Virtual Reality-Brille in der Favela St. Amaro in Rio de Janeiro

Der Krypto-Künstler Gean Guilherme Santos Lopes mit einer Virtual Reality-Brille in der Favela St. Amaro in Rio de Janeiro

Foto: Kristin Bethge
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

In der perfekten Welt ist Luiz Augusto Polizist. Ein Held, der nur Gutes tut. Der Charakter, den er erschaffen hat, heißt Bigodinho, »Schnurrbärtchen«, in dem Computerspiel Grand Theft Auto lebt er in der virtuellen Stadt Los Santos, jagt Verbrecher und spendet Essen an Bedürftige. Bigodinho ist so etwas wie Augustos alter Ego, auch optisch, für die Afro-Haare hat Augusto 300 Real bezahlt, echtes Geld. Das war ihm wichtig.

Augusto, 24, betritt seine perfekte Welt von einem verstaubten Bürostuhl aus. Im Inneren seiner Hütte mit Wellblechdach stehen ein altes Sofa, ein Kühlschrank, ein Bett und ein rostiger Ventilator, dessen Schutzgitter Augusto abmontiert hat, damit er besser kühlt, der aber gegen die Hitze trotzdem keine Chance hat. Eine Glühbirne baumelt von der Decke. Auf dem Boden liegt ein Sixpack Energydrinks. Der Blick durchs Fenster fällt auf den Fluss, in den die Favela Vigario Geral ihr Abwasser einleitet.

Luiz Augusto hing früher mit Drogendealern ab. Heute verbringt er die meiste Zeit online und spielt einen Polizisten

Luiz Augusto hing früher mit Drogendealern ab. Heute verbringt er die meiste Zeit online und spielt einen Polizisten

Augusto öffnet einen Laptop. Er betritt die parallele Realität, die ihn herausholt aus der Favela am Rande von Brasiliens zweitgrößter Stadt Rio de Janeiro, aus der Armut, weg von der Straße, von den Drogendealern, mit denen er früher abhing. Mal sitzt er hier zehn Stunden, meist eher 14 oder 15 pro Tag. Während er spielt, nimmt er sich auf, moderiert und chattet mit Menschen auf der ganzen Welt. Dafür bekommt er etwas Geld von der Plattform Trovo.live.

Augusto ist Streamer, so etwas wie ein Influencer in der Gamingszene. Er hat rund 850 Follower, das ist nicht viel, aber es reicht, um sich über Wasser zu halten.

Für die Afro-Haare hat Luiz Augusto 300 Real bezahlt. Es war ihm wichtig, dass sein virtueller Charakter ihm auch optisch gleicht

Für die Afro-Haare hat Luiz Augusto 300 Real bezahlt. Es war ihm wichtig, dass sein virtueller Charakter ihm auch optisch gleicht

Die Technologiebranche setzt Milliarden um; mit Geschäftszweigen wie Gaming, Kryptowährungen oder den Rechten an digitaler Kunst lässt sich richtig Geld verdienen. Doch auch die virtuelle Welt ist eine der Weißen, eine, zu der Menschen aus Favelas kaum Zugang haben. Doch das ändert sich gerade: Weil soziale Organisationen das Feld entdeckt haben, aber auch, weil einzelne Vorreiter sich diese Welt erschlossen haben, beschleunigt nicht zuletzt auch durch die Isolation während der Pandemie. Diese Pioniere haben die Virtualität als einen Raum erkannt, in dem sie Anerkennung finden und Geld machen können, als einen Weg, ihrer harten Realität zu entfliehen – und sie gleichzeitig zu verändern.

Eine Straße in der Favela Vigario Geral

Eine Straße in der Favela Vigario Geral

Die Favela Vigario Geral ist ein klaustrophobischer Ort, eingekesselt zwischen einem Fluss und einer von Mauern flankierten Zugstrecke. Wer mit einem Auto hineinfährt, kurvt zunächst im Slalom um Betonblöcke, die als Straßenblockade dienen. An einer Ecke halten junge Männer aus der Drogenbranche Wache, bewaffnet mit Maschinengewehren, Patronengurte um die nackten Oberkörper geschnallt.

Ein paar Straßen weiter befindet sich ein mehrstöckiges Gebäude, 2010 zog Afro Music hierher, ein soziales Unternehmen, das Gitarristen und Drummer ausbildete und Rap-Bands um die ganze Welt schickte. Doch irgendwann fehlten die Sponsoren. 2017 kam Ricardo Chantilly ins Spiel, ein braun gebrannter Musikmanager aus Rio, der den Laden sanieren sollte. Er reiste nach Seattle, wo er einem Gaming-Wettbewerb beiwohnte. Schwarze Spieler gab es unter den 15.000 Teilnehmern so gut wie keine. Frauen auch nicht. Das Preisgeld betrug 25 Millionen Dollar. Chantilly fand, dass jetzt nicht die Zeit war, um Musik zu machen. »Es ist die Stunde des Gamings.« Er gründete Afro Games.

Das Gebäude mit der Faust auf dem Dach ist von Weitem sichtbar. Hier befindet sich das soziale Unternehmen Afro Games

Das Gebäude mit der Faust auf dem Dach ist von Weitem sichtbar. Hier befindet sich das soziale Unternehmen Afro Games

Foto: Kristin Bethge

Chantilly führt durch das Gebäude, zeigt einen heruntergekühlten Saal, in dem Rechner und Monitore in Reihen stehen, davor bequeme Bürostühle mit roten Nackenpolstern. Es gibt 20 sogenannte Stationen. »Die Ausrüstung kostet etwa 2400 Euro pro Set«, sagt er, »das kann sich in der Favela keiner leisten.« Finanziert wird Afro Games ausschließlich von privaten Sponsoren, etwa Fluglinien, Softwarefirmen und Getränkeherstellern.

Mitte 2019 startete Afro Games mit dem Unterricht. 100 Schüler ab 13 Jahren, darunter 20 Frauen und Mädchen, lernen seither auf eigenen Wunsch entweder Programmieren oder Spielen – und zusätzlich Englisch. Aus den Schülern, die das Spiel League of Legends üben, wählten Lehrer und externe Experten schließlich die sechs größten Talente. Ihnen bezahlt Chantilly den landesüblichen Mindestlohn, rund 170 Euro monatlich. Dafür lassen sie sich zu Profi-Gamern ausbilden. Der Plan: Sie sollen bald an Wettbewerben teilnehmen und Preisgelder holen, die sie dann behalten dürfen.

Der Musikmanager Ricardo Chantilly hatte die Idee zur Gründung von Afro Games

Der Musikmanager Ricardo Chantilly hatte die Idee zur Gründung von Afro Games

Die »elektronischen Athleten« absolvieren an diesem Morgen ein analoges Fitnesstraining in einem Saal unter dem Dach, um Verspannungen vorzubeugen – schließlich sitzen sie jeden Tag stundenlang vor dem Rechner. Eine von ihnen ist Gabriela Evellyn Ferreira, 20, eine schwarz gekleidete Frau mit Locken, die in der Schule im Fach Mathematik glänzte. Sie wohnt hinter der sogenannten »Grenze zu Gaza«, also in der verfeindeten Nachbar-Favela. Bis vor einigen Jahren herrschte hier ein bewaffneter Drogenkrieg zweier Gangs. Ferreiras Schulweg führt vorbei an Mauern und Strommasten, die übersät sind von Einschusslöchern.

Sie spricht von »ihrer Arbeit«, wenn sie über das Spiel redet. Und sie liebt diese Arbeit. »Ich tauche in diese Fantasie hinein, und sie ist völlig anders als meine Realität«, sagt sie, »ich fühle mich gebraucht und wichtig.« Sie kam über ihren Freund hierher, früher spielten sie in sogenannten Lan-Houses, eine Art Internetcafés für Gaming. Im Gegensatz zu Ferreira schaffte ihr Freund es nicht in das Profiteam. »Ich hätte nie gedacht, dass das mein Beruf werden könnte«, sagt Ferreira, »ich verdiene Geld mit etwas, das mich glücklich macht.« Sie will ein Vorbild sein und andere Mädchen ermutigen.

Gabriela Evellyn Ferreira war in der Schule gut in Mathematik und schaffte es in das Profiteam von Afro Games

Gabriela Evellyn Ferreira war in der Schule gut in Mathematik und schaffte es in das Profiteam von Afro Games

Hinter Ferreira steht eine Organisation, die sie bei ihrer Karriere unterstützt. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: Junge Menschen aus der Favela gründen selbst ein Tech-Unternehmen, erobern eine Domäne, von der sie bisher weitestgehend ausgeschlossen waren.

So wie Gean Guilherme Santos Lopes, 21. Er lebt in einer anderen Favela in Rio de Janeiro. St. Amaro liegt mitten in der Stadt an einem Hang, ein Chaos aus Treppen, bunten Häuschen und Stromkabeln. Santos Lopes biegt in eine enge, dunkle Gasse ein und sperrt eine Tür auf. »Hier produziere ich«, sagt er. Seit etwa fünf Monaten mietet er den gefliesten Raum für rund 80 Euro im Monat, sein »Studio«. Zu Hause hatte er Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, mit einer Großfamilie, einem Baby und einem Hund auf engstem Raum.

Santos Lopes, lila gefärbtes Haar, weiße Flipflops, studiert an der katholischen Universität von Rio de Janeiro Produktdesign. Er hatte schon als Kind Zugang zu einem Computer, weil sein Vater als Informatiker beim brasilianischen Militär arbeitete; das ist sein Startvorteil. 3-D-Technik brachte er sich mithilfe von Open-Source Anleitungen aus dem Netz selbst bei.

Gean Guilherme Santos Lopes verdient Geld mit Krypto-Kunst und hilft Bedürftigen in seiner Gemeinde

Gean Guilherme Santos Lopes verdient Geld mit Krypto-Kunst und hilft Bedürftigen in seiner Gemeinde

Foto: Kristin Bethge

Als Kind konnte Santos Lopes oft nicht zur Schule gehen, denn draußen beschossen sich Gangs und Polizei. Sie durchlöcherten die Wände des Hauses, in dem er mit seiner Familie wohnte. Motive wie Patronen, Maschinengewehre und zersplitternde Fenster tauchen in seiner digitalen Kunst immer wieder auf. Gerade sei alles ruhig, »aber jeden Moment kann hier der Krieg ausbrechen«, sagt Santos Lopes.

Er schaltet seinen Rechner ein, checkt die Kurse verschiedener Kryptowährungen. »Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung von all dem«, erzählt er. Wegen der Pandemie verbrachte er viel Zeit zu Hause. Zu Beginn des Jahres stieß er auf den Begriff Krypto-Kunst. Er recherchierte. Und konnte kaum glauben, was er da las: Non Fungible Tokens, sogenannte NFTs, digitale, geschützte und limitierte Objekte, die sich für viel Geld verkaufen lassen. »Ich dachte: Wow. Das ist meine Chance, ein Stückchen vom Kuchen abzubekommen«, erzählt er.

Als Kind konnte Santos Lopes oft nicht zur Schule gehen, weil draußen geschossen wurde. Seine Kunst ist auch Verarbeitung

Als Kind konnte Santos Lopes oft nicht zur Schule gehen, weil draußen geschossen wurde. Seine Kunst ist auch Verarbeitung

Foto: Kristin Bethge

Er begann, digitale Kunstwerke zu programmieren und diese als NFTs zum Kauf anzubieten. Gleichzeitig gründete er die Organisation Social Crypto Art, weil er auch etwas für seine Gemeinde tun wollte, in der die Not während der Coronakrise wuchs. Er schuf ein NFT mit dem Namen »Hungry«, eine sich drehende Ein-Real-Münze, auf der Rückseite ein Vogel, der sein Baby mit einem Wurm füttert. Santos Lopes vergab das Werk gratis gegen Spenden, von denen er Lebensmittel und Hygieneprodukte für bedürftige Menschen in St. Amaro kaufte – und Süßigkeiten für ihre Kinder. Mit einem anderen digitalen 3-D-Gemälde namens »Paulchens Baracke« half er, das zerfallende Häuschen eines 73-Jahre alten Favela-Bewohners wiederaufzubauen.

Die Favela St. Amaro liegt in der Stadt Rio de Janeiro, während der Coronakrise verloren viele ihre Jobs

Die Favela St. Amaro liegt in der Stadt Rio de Janeiro, während der Coronakrise verloren viele ihre Jobs

Foto: Kristin Bethge

Doch auch die perfekte Welt hat ihre Fallstricke. Beim Gaming etwa ist die Konkurrenz groß, ein knallharter Wettbewerb. Das weiß auch Ricardo Chantilly von Afro Games. »Natürlich könnten wir hier auch Theaterkurse anbieten«, sagt er, »aber was wird dann aus den Leuten?«

Nicht jeder könne Profispieler oder Programmiererin werden, das sei klar, doch er sehe die Sache so: Wenn sich ein junger Mensch aus der Favela zum Beispiel bei einem Hotel bewerben würde und er könne weder Englisch noch einen Rechner einschalten, dann werde er als Kofferträger enden. »Aber wenn jemand sagen kann: Ich kann Englisch und weiß, wie man einen Computer bedient, dann kommt er an die Rezeption.«

Auch für Luiz Augosto, den Streamer aus der Favela Vigario Geral, reichte es nicht. Er schaffte es nicht in das Profiteam von Afro Games. »Wir wollten ihn nicht aufgeben«, sagt Chantilly, »wir wussten, wo er landen würde.«

Der Streamer Luiz Augusto schaffte es nicht in das Profiteam von Afro Games

Der Streamer Luiz Augusto schaffte es nicht in das Profiteam von Afro Games

Er freut sich, als Augusto ins Foyer von Afro Games läuft, in zerrissenen Jeans, mit Plastiksandalen und tiefen Augenringen.

»Wie lange hast du wieder gespielt?«

»Bis fünf Uhr morgens«, sagt Augusto und lacht.

Augusto sagt, früher sei er »völlig durchgeknallt« gewesen, mit Leuten zusammen, die ständig nur Mist bauen. Viele seiner Freunde seien tot, erschossen von der Polizei, weil sie mit Drogenverkauf zu tun hatten oder im Weg standen. »Ich gehe nicht mehr gern raus«, sagt er.

100 Schüler lernen bei Afro Games auf eigenen Wunsch entweder Programmieren oder das Spielen von »League of Legends«

100 Schüler lernen bei Afro Games auf eigenen Wunsch entweder Programmieren oder das Spielen von »League of Legends«

Chantilly stellte ihn schließlich als Streamer ein, zahlt ihm 400 Real monatlich dafür, dass er für den Kanal von Afro Games spielt und moderiert. Zusammen mit den Einnahmen von der Plattform komme er monatlich ungefähr auf einen Mindestlohn, sagt Augusto. Er könne damit sogar seine Mutter und seine Oma unterstützen.

Früher, schon als zehn-, zwölfjähriger Junge, verkaufte Augusto in den schicken Strandvierteln von Rio de Janeiro, an der Copacabana oder in Ipanema, Süßigkeiten an Autofahrer oder jonglierte bei Rot an Straßenkreuzungen. Nein, gut behandelt habe man ihn nicht immer.

Er habe viele Gründe, warum er lieber 15 Stunden am Tag im Netz verbringe.

Luiz Augusto verbringt lieber 15 Stunden am Tag im Netz als auf der Straße

Luiz Augusto verbringt lieber 15 Stunden am Tag im Netz als auf der Straße

Dort wird er akzeptiert. Er hat Kontakt zu Menschen aus aller Welt, die ihn als einen von ihnen ansehen, die sich für ihn interessieren, die ihn aufziehen wegen einer rosafarbenen Tasse mit Disneyprinzessinnen, die er seiner siebenjährigen Cousine abgestaubt hat. Er hat mit Bigondinho einen Charakter geschaffen, einen Polizisten, aber einen, der gut ist, der nicht nur schießt, sondern auch redet. Es ist eine Welt, die Augusto gestalten kann. In der er nicht treibt wie ein lebloses Stück Holz im Meer.

»Deswegen bevorzuge ich diese andere Welt«, sagt er und hat plötzlich Tränen in den Augen, »sie ist fairer.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.