Djamila Ribeiro

Femizide in Brasilien Ein Frauenleben, weniger wert als eine Handvoll Drogen

Djamila Ribeiro
Ein Gastbeitrag von Djamila Ribeiro
Alle acht Minuten wird in Brasilien eine Frau vergewaltigt, es ist eines der Länder mit den meisten Femiziden weltweit. Wir müssen diese systematisch legitimierte Gewalt stoppen.
Eine rot angemalte Frau protestiert in São Paulo gegen Polizeigewalt zum 133. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien

Eine rot angemalte Frau protestiert in São Paulo gegen Polizeigewalt zum 133. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien

Foto: Felipe Beltrame / NurPhoto via Getty Images
Globale Gesellschaft

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Über Jahre hinweg lebte Luciana Oliveira de Camargo in Angst vor ihrem Ex-Partner, der sie verfolgte und terrorisierte. Als sie 20 Tage vor ihrem Tod in ihrem Schlafzimmer aufwachte, lag er neben ihr. An diesem Tag brachte der Mann sie nur deshalb nicht um, weil ihr Neffe den Raum betrat.

Mehrfach wandte sich die 42-Jährige an die Polizei, die sich nicht kümmerte. Hätte Camargo den Beamten am Telefon erzählt, sie hätte Drogen bei ihrem Sohn gefunden – die Polizisten wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort losgefahren und hätten alle im Haus verhaftet.

Doch niemand half Camargo. Ihr Ex-Partner, der Vater ihres jüngsten Sohnes, erstach sie schließlich, vor den Augen ihrer 17-jährigen Tochter, die das Downsyndrom hat. Sie machte ein Foto ihrer toten Mutter und schickte es per WhatsApp an die Familie, um Hilfe bittend. Luciana Oliveira de Camargo hinterlässt drei Kinder, die nun Teil einer ganzen Legion von Femizid-Waisen in Brasilien sind.

Foto: privat

Djamila Ribeiro, geboren 1980 in Santos, ist eine Ikone der schwarzen, brasilianischen Frauenbewegung. Ihre Vorfahren waren Sklaven, ihre Mutter arbeitete als Reinigungskraft. Ribeiro unterrichtet Philosophie an der Universität von São Paulo. Ihr »Kleines Handbuch des Antirassismus« war 2021 in Brasilien das meistverkaufte Buch auf Amazon. Derzeit arbeitet sie an einem Buch über ihr Leben in einer rassistischen Gesellschaft.

Der Fall ereignete sich vor Kurzem im Bundesstaat São Paulo, in der Metropolregion der Stadt Campinas, die als letzte Stadt in Brasilien die Sklaverei abschafft hat – in dem Land, das als Letztes in Amerika die Sklaverei beendete. Der Mord an Camargo spricht Bände über dieses Land, das Frauen verachtet und sie nicht schützt. Die Entwertung schwarzer Leben ist tief historisch verwurzelt. Das Leben einer schwarzen Frau ist in den Augen des Sicherheitsapparates noch heute offenbar weniger Wert als eine Handvoll Drogen.

Brasilien belegt Platz fünf auf der Skala der Länder mit den meisten Femiziden weltweit. Im Jahr 2020 stiegen die Morde an Frauen um sieben Prozent. Zwei Drittel der betroffenen Frauen sind schwarz. Die Daten zeigen auch: Alle acht Minuten wird in dem Land eine Frau oder ein Mädchen vergewaltigt, fast 60 Prozent der Opfer sind 13 Jahre alt oder jünger. Das ist alarmierend, aber es schockiert die brasilianische Gesellschaft kaum. In den Kommentarspalten der Nachrichtenseiten und in den Gesprächen der Menschen hört man immer wieder, die Frauen hätten selbst Schuld, es gebe keine Geschlechterungerechtigkeiten, und so weiter.

Dabei fängt es bereits im Kleinen an: Brasilien ist ein Land, in dem es als Kompliment gilt, auf der Straße belästigt zu werden. Auch ins Ausland wird das kolonialistische Bild vermittelt, wonach brasilianische Frauen »von Natur aus sexy« seien – willige, verfügbare Objekte. Auf meinen Reisen nach Europa ist es mir oft passiert, dass Männer mich auf respektlose Art anmachten, sobald sie hörten, dass ich Brasilianerin bin.

Das Gleiche erlebe ich auch hier in Brasilien, wo ausländische Männer mich – etwa bei einem Literaturfestival in einem Hotel – einfach anfassen, weil sie denken, das sei in Ordnung. Zu Hause würden sie sich das nicht trauen.

Es geht im Großen weiter: Jeden Tag lassen Richter Klagen gegen Männer fallen, die Frauen brutal ermordet und ihre Körper entsorgt haben, um ihre Tat zu verschleiern. Viele dieser Männer gingen noch weiter und töteten auch die Kinder, Schwiegermütter oder Schwägerinnen.

Ich möchte zeigen, wie das Sicherheitsnetz versagt hat im Fall von Luciana Oliveira de Camargo – und in Millionen anderer Fälle im Land. Es geht nicht nur um das Scheitern der Polizei, um vielfache Straflosigkeit vor Gericht, sondern auch um die Politik auf Bundesebene. Die Legitimierung der Gewalt gegen Frauen ist systematisch.

Unter der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro wurden die Gelder zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen drastisch reduziert. Die Finanzierung des brasilianischen Frauenhauses mit vielen Zentren, die Opfer von Gewalt aufnahmen, psychologisch und sozial betreuten, ließ man einfach austrocknen. Von den 24 Millionen Euro des Budgets für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die bereits vom Parlament zugesagt waren, wurden von der Regierung im Jahr 2020 rund zwei Drittel gar nicht ausgegeben.

Djamila Ribeiro sagt bei der Polizei in São Paulo aus: Über das soziale Netzwerk Twitter wurden ihre minderjährige Tochter und sie selbst mit sexistischen Hassnachrichten attackiert

Djamila Ribeiro sagt bei der Polizei in São Paulo aus: Über das soziale Netzwerk Twitter wurden ihre minderjährige Tochter und sie selbst mit sexistischen Hassnachrichten attackiert

Foto: Van Campos / Fotostand / picture alliance

Femizid-Waise, das ist inzwischen ein Begriff, der in Brasilien häufig verwendet wird, um die Masse der Kinder, Jugendlichen sowie erwachsenen Söhne und Töchter von Frauen abzubilden, die von Männern ermordet wurden. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Und in der Folge auch keine politische Strategie, mit dem Problem umzugehen. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten ermordeten Frauen Mütter sind, wird diese weitere, schreckliche Dimension von Femiziden klar: Der Mord an einer Mutter versetzt die gesamte Kernfamilie in Hilflosigkeit.

Hinzu kommt, dass heute 45 Prozent der brasilianischen Haushalte von alleinerziehenden Frauen geführt werden. Falls der Mörder noch mit der Frau und der Familie gelebt hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder er wird inhaftiert oder er verlässt die Familie. So oder so: Die Kinder werden von der Politik alleingelassen; es gibt keine Hilfsangebote, keine Waisenrente.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die patriarchale Gewalt in diesem Land weitergeht, ohne auch nur infrage gestellt zu werden, gerade auch von unseren progressiven Kräften. 2022 ist das Jahr der wichtigsten Präsidentschaftswahl in der Geschichte Brasiliens. Aber keiner der Kandidaten hat diese Probleme in seiner Kampagne adressiert.

Eine schwangere Frau hat das Wort »Frieden« auf ihren Bauch geschrieben, als Protest gegen Gewalt gegen Frauen in Rio de Janeiro

Eine schwangere Frau hat das Wort »Frieden« auf ihren Bauch geschrieben, als Protest gegen Gewalt gegen Frauen in Rio de Janeiro

Foto: Bruna Prado / AP

Als Antwort auf diese tödliche Trägheit der männlichen Bewerber haben brasilianische Feministinnen, Schriftstellerinnen, Geschäftsfrauen und Aktivistinnen sich in São Paulo getroffen, eine gemeinsame Agenda beschlossen und einen offenen Brief geschrieben. Wir fordern: Quoten, die ethnische und Geschlechter-Gleichheit in politischen und privaten Institutionen garantieren; das Reservieren von Plätzen für Frauen auf Wahllisten; ein feststehendes Budget zur Förderung von Frauen und Mädchen sowie Unterstützung für Kinder von inhaftierten Müttern, von Frauen in extrem vulnerablen Situationen und von Femizid-Waisen.

Über unsere Charta wird in den Medien ausführlich berichtet. Das ist in Brasilien, einem Land, welches derart patriarchal strukturiert ist, nicht selbstverständlich. Aber wir werden den Druck auf die Kandidaten sogar noch erhöhen, auch durch Demonstrationen und Proteste. Denn es ist existenziell wichtig, dass wir bei den bevorstehenden Wahlen einen Präsidenten ins Amt bringen, der für Frauenleben kämpft. Für ihre Freiheiten und für die Zukunft ihrer Kinder.

Redaktion und Übersetzung: Nicola Abé

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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