Jan Petter

Gewalt gegen Frauen Warum uns Spanien ein Vorbild sein sollte

Jan Petter
Ein Kommentar von Jan Petter
Alle zweieinhalb Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet. Doch bis heute fehlen uns klare Worte für diese Taten. Ein Blick nach Spanien könnte helfen, das Problem endlich zu bekämpfen.
Spanische Frauen protestieren am Internationalen Frauentag in Madrid

Spanische Frauen protestieren am Internationalen Frauentag in Madrid

Foto: DAVID FERNANDEZ / EPA-EFE
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Es passiert täglich und auf der ganzen Welt. Allein am 1. Januar wurden in Frankreich, nur ein Beispiel, drei Frauen von Männern getötet, die ihnen nahestanden. In Deutschland stirbt alle zweieinhalb Tage eine Frau durch ihren (Ex-)Partner.

Es ist kein Naturgesetz oder Schicksal, wenn Männer ihre Partnerinnen töten. Viele dieser Frauen könnten noch leben. Wenn früher, wenn schneller reagiert worden wäre. Wenn Warnzeichen besser erkannt worden wären. Wenn Polizei und Gerichte angemessen auf vorangegangene Anzeigen reagiert hätten.

Damit das endlich passieren kann, damit endlich Frauen geschützt werden, braucht es einen Wandel: in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Straftaten. Aber auch auf institutioneller Ebene – in Gesetzen, im Strafrecht. Und nicht zuletzt auch in den Medien.

Ob Frauen geholfen wird, darf nicht vom Dorfpolizisten abhängen

Missstände lassen sich erst beheben, wenn man sie verstanden hat, und das beginnt mit dem klaren Benennen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Staaten findet man hierzulande noch nicht einmal richtige Worte für das, was da passiert. Von »Ehrenmord« oder »Familientragödie« ist die Rede, wenn ein Mann seine Partnerin und womöglich noch die gemeinsamen Kinder getötet hat. Dabei gibt es einen viel besseren, weil sachlicheren und präzisieren Begriff: Femizid.

Davon ist bislang auch im »Lagebild Partnerschaftsgewalt« keine Rede, das vom BKA seit 2015 jährlich veröffentlicht wird. Ein wichtiger Schritt – der aber zugleich zeigt, wo und wie das Thema in Deutschland bislang verortet wird. Doch Polizei und Justiz allein können das Problem nicht lösen.

Spaniens Gleichstellungsministerin Irene Montere bei der Vorstellung aktueller Zahlen und neuer Strategien: Das Problem Femizide wird auf der iberischen Halbinsel seit Längerem klar benannt

Spaniens Gleichstellungsministerin Irene Montere bei der Vorstellung aktueller Zahlen und neuer Strategien: Das Problem Femizide wird auf der iberischen Halbinsel seit Längerem klar benannt

Foto: Isabel Infantes / Europa Press / Getty Images

Welche politischen Reformen nötig, möglich und hilfreich sind, zeigt der Blick nach Spanien. Bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen gilt das Land dem Europarat als Vorreiter. Schon seit 2004 gibt es ein eigenes Gesetz zum Schutz von Frauen.

Zudem gibt es seit knapp drei Jahren in Spanien einen »Pakt gegen geschlechterspezifische Gewalt«. Vereinbart haben ihn alle damals im Parlament vertretenen Parteien, die autonomen Gemeinschaften sowie der spanische Gemeinde- und Städtetag. Die Verhandlungen dafür waren kein Selbstläufer, immer wieder standen die Gespräche kurz vor dem Abbruch. Immerhin diskutierten Postkommunisten mit konservativen Katholiken, sozialdemokratische Zentralisten mit katalanischen Nationalisten. Dass es schließlich dennoch zur historischen Einigung kam, war ein klares Zeichen: Wir alle erkennen das Problem an, also müssen wir es auch gemeinsam lösen.

Doch es braucht mehr als nur neue Gesetze. Die gesellschaftliche Diskussion muss sich ebenfalls verändern, von Stereotypen lösen. Seit Januar 2022 erfasst Spanien deshalb, nach eigenen Angaben als erstes und bislang einziges EU-Land, alle Formen von Femiziden.

Eine unabhängige staatliche Stelle registriert von nun an auch frauenfeindliche Morde in der Familie, im sozialen Umfeld oder im Zusammenhang mit Prostitution und Ausbeutung. Auch stellvertretende Racheakte an Kindern, das klassische deutsche »Familiendrama« also, fallen künftig unter Femizid.

Noch besser als das Benennen von Femiziden ist es, sie zu verhindern

Dass die breite Mehrheit im Land Gewalt gegen Frauen als gesellschaftliches Versagen begreift, liegt nicht zuletzt auch daran, dass die aktuelle Regierung den Kampf gegen Femizide als »Staatsauftrag« bezeichnet. Aus gutem Grund. Denn der hierzulande so oft gescheute Begriff beschreibt mehr als nur persönliche Schicksale. Es geht um Frauen, die getötet werden, weil sie Frauen sind. Um Besitzansprüche und um Macht. Im Privaten wie auch in der Gesellschaft.

Die britische Psychologin und Feministin Jessica Taylor brachte es vor einiger Zeit auf den Punkt, als sie auf Twitter sinngemäß schrieb, gewalttätige Männer verlören gegenüber ihrer Partnerin nicht die Kontrolle. Vielmehr übten sie Macht aus – und zwar so, wie sie es gegen ihren Chef und andere Autoritäten nie tun würden.

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Gerade das unterscheidet Femizide und geschlechterspezifische Gewalt von anderen Konflikten.

In Spanien ist diese Einsicht nach langen Kämpfen heute Konsens. Dementsprechend anders berichten Medien. Die Taten und ihr frauenfeindlicher Hintergrund sind regelmäßig Thema in den Abendnachrichten – ohne dass jemand auf die Idee käme, das Auslöschen ganzer Familien als Seifenoper zu erzählen. Worum es geht, femicidios, weiß dementsprechend bereits jede und jeder Jugendliche.

Jedoch: Noch wichtiger als das Benennen von Femiziden ist es, sie zu verhindern.

Frauen in Frankreich protestieren im November 2021 für mehr Schutz vor Gewalt: 65 Prozent der getöteten Frauen hätten sich zuvor an die Polizei gewandt, so die Organisatorinnen

Frauen in Frankreich protestieren im November 2021 für mehr Schutz vor Gewalt: 65 Prozent der getöteten Frauen hätten sich zuvor an die Polizei gewandt, so die Organisatorinnen

Foto: Alain Pitton / NurPhoto / Getty Images

Schon seit mehr als zehn Jahren gibt es deshalb mit »VioGén« in Spanien ein landesweites Programm, das dabei helfen soll, Frauen möglichst früh vor gewalttätigen Partnern zu schützen. Sogar ein Algorithmus wird genutzt, um die Gefährdungslage zu bewerten. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es einen einheitlichen Handlungskatalog braucht, ein konsequentes Vorgehen, zu dem auch die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen, regelmäßige Überprüfungen und klare Konsequenzen für Täter gehören. Ob Frauen geholfen wird, soll nicht länger vom Bauchgefühl des Dorfpolizisten abhängen. Auswertungen zeigen , dass das Programm in vielen Fällen geholfen hat.

Auch Männer müssen angesprochen werden

Nicht zuletzt gehört zur Prävention, dass auch Männer gezielt angesprochen werden. Von ihnen geht in den meisten Fällen die Gewalt aus. Dementsprechend stehen sie in der Verantwortung, dass sich etwas ändert. Ihnen sollte daher schon früh die Möglichkeit gegeben werden, andere Verhaltensmuster zu erlernen, neue Rollenbilder zu finden.

Die Diskussion darüber sollte so umfassend sein wie das Problem, um das es geht. Andere europäische Länder wie Frankreich diskutieren intensiv, wie Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich bekämpft werden kann. Zehntausende Frauen protestierten in den vergangenen Jahren für Veränderungen. Und auch wenn die Schritte vielen noch nicht ausreichen, hat Präsident Emmanuel Macron die Dringlichkeit erkannt: 90.000 Polizistinnen und Polizisten sollen weitergebildet werden, künftig sind jährlich 1,1 Milliarden Euro für den Kampf gegen häusliche Gewalt vorgesehen.

In Deutschland kündigte zuletzt die neue Familienministerin Anne Spiegel an, Frauen und Mädchen besser schützen zu wollen. »Diese Gewalt ist auch Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen«, so die Grünenpolitikerin. Beim Kampf dagegen könnten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen Inspiration auf der Iberischen Halbinsel finden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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