Protest in Finnland Europas nördlichste Klimablockade – bei minus zehn Grad im Schnee

Nördlich des Polarkreises haben zehn junge Finnen einen Wald blockiert. Sie wollten erreichen, dass das Gebiet zum Nationalpark erklärt wird. Doch die Aktion endete anders.
Aktivistin Ida Korhonen vor dem Zelt in Aalistunturi: »So kalt war es gar nicht!«

Aktivistin Ida Korhonen vor dem Zelt in Aalistunturi: »So kalt war es gar nicht!«

Foto: Jouni Porsanger / Lapin Kansa
Globale Gesellschaft

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Mitten in der Nacht zu Montag, um kurz nach zwei Uhr, kamen sie mit Autos über die weit und breit einzige Landstraße aus Richtung Aalistunturi an, stellten ihr Zelt im knietiefen Schnee auf, legten die langen Skier daneben und machten sich 90 Kilometer nördlich des Polarkreises ein Feuer. Dann warteten sie bis zum Morgen. Das Thermometer zeigte für die Region Werte zwischen minus zehn und minus 20 Grad Celsius, doch Ida Korhonen kichert fast fröhlich, als sie zwei Tage später davon erzählt: »So kalt war es gar nicht!«

Die 22-Jährige studiert Forstwirtschaft in Helsinki, doch am vergangenen Wochenende zog sie in den Schnee – um gemeinsam mit neun anderen die Abholzung eines Waldes im Norden Lapplands zu stoppen. In ganz Europa haben sich in den vergangenen Monaten junge Menschen auf Straßen gesetzt, oft auch an sie geklebt. Es geht ihnen um den Klimawandel und ein Ende der weltweiten Naturzerstörung durch den Menschen.

Protest bei Minusgraden: »Während wir etwas Verbotenes tun, ist die Zerstörung des Waldes legal«

Protest bei Minusgraden: »Während wir etwas Verbotenes tun, ist die Zerstörung des Waldes legal«

Foto: Jouni Porsanger / Lapin Kansa

Den Standort ihres Camps hätten sie sich genau überlegt, erzählt Korhonen. Schon am Wochenende sei sie mit anderen auf Langlaufskiern durch die Wälder gestreift. Sie seien querfeldein gefahren, hätten dabei gesehen, wo die Forstmaschinen stehen, mit denen hier ein 400 Hektar großer alter Wald abgeholzt werden soll. Als die Forstarbeiter am Montagmorgen zurückkamen, war die einzige Zufahrt schon von einem Zelt und jungen Menschen blockiert. Man habe sich freundlich begrüßt, sagt Korhonen. Sie glaubt, die Männer hätten beinahe gern auf ihre Arbeit verzichtet. In der Regel würden sie nach gefällten Bäumen bezahlt, der Lohn sei lausig. Durch die Blockade erhielten sie jetzt ein Ausfallhonorar, ohne hart arbeiten zu müssen.

Im Nordwesten Finnlands, kurz vor der schwedischen Grenze, gibt es wenig Menschen und viele Bäume. Die Sonne geht in Lappland in diesen Tagen gegen kurz vor elf Uhr vormittags auf, kurz nach 14 Uhr verschwindet sie wieder. Es ist eine einsame Gegend. Nicht einmal die für Finnland so typischen Seen gibt es hier. Nur Morast und Wald. Viele wandern ab.

Die Kälte hier ist die Voraussetzung für Holzfällarbeiten. Nur im Winter ist der Boden gefroren und damit fest genug für die schweren Maschinen. Korhonen und ihre Mitstreiter hatten deshalb eine simple, aber einleuchtende Idee: so lange zu bleiben, bis der Schnee wieder schmilzt. Der Wald wäre dann für mindestens ein weiteres Jahr geschützt.

Zwei der Aktivisten begutachten ein Forstfahrzeug im Schnee

Zwei der Aktivisten begutachten ein Forstfahrzeug im Schnee

Foto: Jouni Porsanger / Lapin Kansa

Um mit der Außenwelt per Telefon kommunizieren zu können, muss Korhonen auf einen kleinen Berg mitten im Wald steigen, etwa vier Kilometer vom Camp entfernt. Sie ist Mitglied einer Naturschutzorganisation, die anderen kommen von Greenpeace oder dem finnischen Ableger von Extinction Rebellion: »Uns alle verbindet der Wald.«

Man könnte wohl sagen, dass der Wald im Grunde ganz Finnland verbindet. Er liefert das Material für Mythen und Saunen und für teure Holzmöbel. Auch in ihrer Familie habe der Wald immer eine große Rolle gespielt, sagt Ida Korhonen am Telefon, seit jeher hätten sie selbst eine Parzelle. Schon als Kind habe ihr Großvater ihr dort gezeigt, wie Bäume gefällt werden. Als Jugendliche habe sie sich dann erstmals Rinden, Moose und Farne näher angeschaut, um die Vielfalt des Waldes zu begreifen.

Von dieser Vielfalt könnte bald nichts mehr da sein, fürchtet sie. Es sei eine Illusion, dass die Finnen besonders umweltfreundlich seien. Man lebe gern mit der Natur – und doch seit Jahrzehnten von ihrer Zerstörung. Das Artensterben ist ein globales Problem, das wie der Klimawandel auf dem Papier längst erkannt wurde. Bis 2030 hat die Regierung in Helsinki versprochen, die Biodiversitätskrise zu stoppen. Doch wie soll das gehen, wenn selbst Wälder wie der in Aalistunturi weiterhin dezimiert werden?

Korhonen und Mitstreiter vor ihrem Zelt im Norden Lapplands: »Uns alle verbindet der Wald«

Korhonen und Mitstreiter vor ihrem Zelt im Norden Lapplands: »Uns alle verbindet der Wald«

Foto: Jouni Porsanger / Lapin Kansa

Die bis zu 90 Jahre alten Bäume gehören dem Staat. Anwohner fordern, den Wald zum Nationalpark zu erklären. Die Idee ist in den vergangenen Jahren populärer geworden. Mit einem Schutzgebiet könnte sich die Region vielleicht wirtschaftlich besser entwickeln, hoffen Fürsprecher. Doch bisher wurde weiter gefällt.

Wäre eine entsprechende Aktion auf einer Kreuzung im Zentrum von Helsinki nicht vielversprechender als auf einem Forstweg in Nordlappland? Genau das hätten sie ja versucht, sagt Korhonen. Das Ergebnis sei, wie in Deutschland, Hass auf »Klimakleber« und kein wesentlicher Fortschritt. Nur Protest in der Stadt reicht offenbar nicht. Also zurück zu den Wurzeln, direkt in den Wald.

Wie lange soll das weitergehen? Am Ende des Telefongesprächs sagt Ida Korhonen, sie habe keine Angst vor der Polizei. Höchstens vor nasser Kleidung. Zwei Dorfpolizisten seien schon dagewesen, hätten sich kurz die im Schnee durchhängenden Transparente angeschaut und ein paar Fragen gestellt. Angesichts der Kräfteverhältnisse, zehn zu zwei, seien sie gleich wieder in ihr Auto eingestiegen und durch die weiße Landschaft davongefahren. Korhonen sagt, sie bereite sich bereits darauf vor, ihren 23. Geburtstag in einigen Wochen im Wald zu feiern.

Am Tag nach dem Gespräch meldet sie sich wieder, dieses Mal nicht aus dem Wald. Danach beschreibt sie in knappen Nachrichten, wie sie und die anderen kurz nach dem Telefonat doch gestoppt wurden: »Es waren mindestens sieben Polizeiautos, zwei Schneemobile und ein Hund vor Ort.«

Mitarbeiter des Forstunternehmens fordern die jungen Klimaaktivisten zum Gehen auf

Mitarbeiter des Forstunternehmens fordern die jungen Klimaaktivisten zum Gehen auf

Foto: Jouni Porsanger / Lapin Kansa

Dieses Mal hätten die Polizisten sie mitgenommen, nach Rovaniemi. Die Stadt ist international als Heimat des Weihnachtsmanns bekannt und liegt 150 Kilometer südlich. Nach mehr als 19 Stunden in Gewahrsam seien sie freigekommen. Das Forstunternehmen, das mit staatlicher Genehmigung den Wald fällt, fordere bis zu 30.000 Euro Schadensersatz, erzählt Korhonen. Ihre Skier und Schlafsäcke hätten sie noch nicht wiederbekommen, die einsame Straße werde jetzt bewacht.

»Während wir etwas Verbotenes tun, ist die Zerstörung des Waldes legal«, klagt sie. Es sei absurd, dass ein Staat wie Finnland, der den Verlust der Artenvielfalt bis in sieben Jahren stoppen wolle, Menschen festnimmt, die sich für dasselbe einsetzten. Ob sie jetzt umkehre, nach Hause fahre? Nein, schreibt Korhonen zum Abschied. »Wir fahren schon wieder nach Norden.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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