Flüchtlinge auf Lesbos Die große Ungewissheit

Deutschland ist bereit, 1500 Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen. Für alle anderen aber geht die Tortur weiter. Sie kämpfen um Obdach, Trinken - eine Zukunft.
Flüchtlinge im provisorischen Zeltlager auf Lesbos

Flüchtlinge im provisorischen Zeltlager auf Lesbos

Foto: ALKIS KONSTANTINIDIS / REUTERS

Sie geben, was sie haben, Wasser, Fetakäse, Nüsse, Reis, doch am Ende eines jeden Tages bleibt bei vielen Helferinnen und Helfern auf der griechischen Insel Lesbos das Gefühl zurück, dass es nicht genug ist. 

Schon Stunden bevor sie beginnen, Lebensmittel an die Geflüchteten zu verteilen, bilden sich lange Schlangen. Manche der Migrantinnen und Migranten haben seit der Brandkatastrophe im Camp Moria vor einer Woche nicht genug gegessen oder getrunken. "Ich sehe nur Menschen, der Horizont ist voller Menschen", sagt die Niederländerin Gea Dunnik, die als Psychologin die Hilfsorganisation Fenix unterstützt.

Die griechischen Behörden helfen nicht

Am Wochenende verlief die Essensausgabe so chaotisch, dass sie vorzeitig abgebrochen werden musste. Die Menschen vor Ort seien "verrückt geworden", als sie sahen, dass es Lebensmittel gibt, berichtet Dunnik.

Nun haben die Hilfsorganisationen das System neu organisiert. Die Menschen werden in verschiedene Gruppen unterteilt. Viele stehen stundenlang, um einen der blauen Plastikbeutel zu bekommen. Darunter Senioren, schwangere Frauen, Kinder. An Abstandsregeln sei nicht zu denken, sagt Dunnik. Die griechischen Sicherheitsbehörden ließen die Hilfsorganisationen zwar arbeiten, unterstützten sie aber nicht.

Nach dem Großbrand in Moria sind noch immer rund 11.000 Flüchtlinge obdachlos

Nach dem Großbrand in Moria sind noch immer rund 11.000 Flüchtlinge obdachlos

Foto: Petros Giannakouris / dpa

Noch immer sind etwa 11.000 Flüchtlinge auf Lesbos ohne Obdach, seit ein Großbrand am Dienstag vor einer Woche das Lager Moria zerstört hat. Zwar haben die griechischen Behörden mit Unterstützung des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) auf einem ehemaligen Schießgelände inzwischen ein provisorisches Zeltlager errichtet, doch der Transfer der Menschen kommt nur schleppend voran. Lediglich rund 1200 Flüchtlinge haben dort Quartier bezogen. 

Die meisten Flüchtlinge haben Angst, in dem Zeltlager eingesperrt zu werden, so wie zuletzt in Moria. Eine Uno-Vertreterin konnte auf Nachfrage der Journalistin Isabel Schayani nicht beantworten, ob es sich um ein offenes oder geschlossenes Lager handelt. Die Bedingungen in dem Camp sind miserabel, berichten Beobachter. Die Geflüchteten sind gezwungen, auf dem Felsboden zu schlafen. Es gibt nicht ausreichend Wasser für die Menschen.

"Niemand spricht hier von Hoffnung oder der Zukunft"

Dimitra Chasioti, Psychologin für Ärzte ohne Grenzen

Offiziell soll es sich bei dem Zeltlager um eine provisorische Einrichtung handeln, tatsächlich aber hat die griechische Regierung für die Pacht des Geländes bis 2025 bereits drei Millionen Euro veranschlagt.

Die griechischen Behörden drängten die Migrantinnen und Migranten, in das Zeltlager zu ziehen, indem sie Asylanträge nur noch dort bearbeiten. Die Regierung in Athen gab sich zuversichtlich, die Geflüchteten zum freiwilligen Umzug in das Camp bewegen zu können. Seit Donnerstagmorgen aber ist offenbar eine groß angelegte Polizeioperation in Gang. Sicherheitskräfte, so berichten Beobachter, zwingen die Menschen nun mit Gewalt in das Lager. Hilfsorganisationen wird der Zugang zu den Geflüchteten verweigert.

Premier Mitsotakis setzt weiter auf Abschreckung

Premier Kyriakos Mitsotakis  setzt im Umgang mit den Schutzsuchenden auch nach der Brandkatastrophe weiter auf Abschreckung. Seine Leute fürchten, dass Flüchtlinge sich ermutigt fühlen könnten, weitere Feuer zu legen, sollten Menschen in großer Zahl aufs Festland gebracht werden, wie Expertinnen und Experten fordern. Sechs Migranten wurden mittlerweile wegen des Verdachts auf Brandstiftung in Moria festgenommen. Griechische Polizisten schossen am Wochenende auf Lesbos mit Tränengas auf Frauen und Kinder.  

Die Versorgung der Notleidenden bleibt in weiten Teilen an freiwilligen Helfern hängen. In einem ehemaligen Kaufhaus versorgen Ärztinnen und Krankenschwestern der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) Notfälle; Betten gibt es keine. Zwei Hebammen pendeln zwischen der provisorischen Versorgungsklinik in Moria und dem Kaufhaus hin und her.

Allein am Dienstag suchten 171 Menschen das Feldlazarett auf. Meist sind es Hautkrankheiten, Wunden oder Magen-Darm-Beschwerden, unter denen die Menschen leiden. Unter den Patientinnen befinden sich aber auch Mütter, die nicht genug essen oder trinken, und daher Probleme haben, ihre Babys zu stillen. Und Kinder, die Verletzungen von dem Tränengasbeschuss davongetragen haben. Am Donnerstag versperrte die griechische Polizei MSF-Mitarbeiterinnen vorübergehend den Zugang zur Klinik.

"Niemand spricht hier von Hoffnung oder der Zukunft", sagt Dimitra Chasioti, die als Psychologin für MSF arbeitet. "Alles, was die Menschen wollen, ist, die Insel zu verlassen."

Bislang wurden lediglich 406 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge aus Lesbos aufs griechische Festland evakuiert. Der Afghane Mahdi, 17 Jahre alt, ist einer von ihnen. Er wurde in einer Pension am Stadtrand von Thessaloniki untergebracht.

Mahdi weiß nicht, wie es weitergeht

Am Mittwoch steht er im Hof, bewacht von zwei griechischen Polizisten, die in einem Auto vor der Pension patrouillieren. Er trägt ein weißes T-Shirt, Gesichtsmaske, kurze schwarze Haare. Nachdem seine Eltern in Iran ums Leben kamen, floh er über die Türkei nach Griechenland - und landete schließlich in Moria. Mahdi sagt, er hätte alles dafür gegeben, aus Moria herauszukommen, "aber nicht so, nicht unter diesen Umständen".

Bevor das Feuer in Moria ausbrach, war Mahdi Teil eines Umsiedlungsprogramms, er wartet auf einen Platz in einem EU-Staat. Nun weiß er nicht, wie es für ihn weitergeht. Zwar hat sich Deutschland verpflichtet, 1500 Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen, doch das betrifft vor allem Familien, die noch auf den Inseln ausharren, weniger die unbegleiteten Minderjährigen in Thessaloniki.

Mahdi sagt, er hoffe, bald aus der Pension herauszukommen. Er will Thessaloniki sehen, zur Schule gehen.         

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