Was geschah beim Brand im Flüchtlingslager auf Lesbos Verzweiflungstat in Zelt 959

Hat sich auf Lesbos wirklich eine geflüchtete Afghanin selbst angezündet? Die Bundespolizei geht von einem »gewöhnlichen Kochunfall« aus. Der Bericht gelangte an die Öffentlichkeit – dabei ist er offensichtlich falsch.
Temporäres Lager bei Kara Tepe (im September 2020): »Meine Frau hat oft geweint«

Temporäres Lager bei Kara Tepe (im September 2020): »Meine Frau hat oft geweint«

Foto: Vassilis A. Poularikas / NurPhoto / Getty Images

Zelt 959 liegt ganz am Rand des Flüchtlingslagers von Lesbos. Hinter dem Zelt verläuft eine Schotterstraße, die das Camp umrundet. Sieben Zeltreihen sind es bis zum Meer. Hier wohnte bis vor Kurzem Madhavi Noor, 27, geflüchtet aus Afghanistan, mit ihren beiden Töchtern, ihrem Sohn und ihrem Mann.

Noor heißt in Wirklichkeit anders, ihren richtigen Namen will sie nicht in den Medien lesen. Vor 18 Monaten war sie mit ihrer Familie aus der Türkei nach Lesbos übergesetzt. Noor sah, wie das Elendslager Moria abbrannte, danach musste sie ins temporäre Camp bei Kara Tepe ziehen, obwohl sie schwanger war.

Noors Asylantrag war bereits bewilligt worden. Sie solle nach Deutschland ausgeflogen werden, als Teil eines Relocation-Programms für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, so hatten die Behörden es ihr mitgeteilt. Allerdings musste sie noch warten, die Schwangerschaft verhinderte den Flug.

Flüchtlingslager direkt am Meer: Familien frieren

Flüchtlingslager direkt am Meer: Familien frieren

Foto: ELIAS MARCOU / REUTERS

Dann passiert es: Am 21. Februar 2021 bricht in Zelt 959 ein Feuer aus. Nachbarn löschen es, ein verwackeltes Handyvideo zeigt  die Situation. Frauen und Männer schreien, ein Mann eilt mit einem Feuerlöscher herbei. Noor ist die Einzige, die an diesem Tag verletzt wird. Die Flammen fügen ihr schwere Verbrennungen an den Armen, dem Rücken und einem Bein zu, sie muss im Krankenhaus behandelt werden.

Darüber, wie das Feuer ausbrach, gibt es zwei Versionen. NGOs und griechische Behörden sprechen von einem Suizidversuch. Die Staatsanwaltschaft auf Lesbos wirft Noor Brandstiftung vor, sie will sie anklagen. Noor habe das Feuer gelegt, um sich umzubringen, heißt es. »Schwangere Frau zündet sich selbst an«, berichteten daraufhin viele Medien, auch der SPIEGEL.

Bundespolizei schreibt von »gewöhnlichem Kochunfall«

Die deutsche Bundespolizei jedoch präsentiert eine andere Version. Ein Verbindungsbeamter war am 24. Februar auf Lesbos, gemeinsam mit dem Migrationsbeauftragten der Deutschen Botschaft in Athen, der bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) nachfragte. Der Bundespolizist fertigte zu dem Fall einen Bericht an, den später »Die Welt« aufgriff. »Nach Informationen, die IOM vorliegen, und laut Fotos der Verletzungen handelt es sich nach Einschätzung des Beauftragten für Flucht und Migration um einen gewöhnlichen Kochunfall – hauptsächlich Verbrennungen an den Armen«, zitiert die Zeitung am 8. März aus dem Bericht.

»Die Welt« schreibt deshalb von »Falschmeldungen«  deutscher Medien. Es sei nicht das erste Mal, »dass sich zu den zahlreichen Hinweisen von Hilfsorganisationen über Missstände in Griechenland Übertreibungen gesellen«.

Haben also NGOs den Vorfall wirklich dramatisiert? Sind Medien darauf hereingefallen?

Der SPIEGEL hat Gerichtsdokumente und den Feuerwehrbericht eingesehen sowie vier Zeugenaussagen ausgewertet, darunter die von Noor selbst. Die Rechercheure befragten Noors Anwälte und IOM-Mitarbeiter. Auf Basis der Aussagen lässt sich rekonstruieren, was in Zelt 959 wirklich passiert ist.

Geflüchtete vor ihrem Zelt im Dezember 2020: »Zum Zeitpunkt des Brandes gab es in dem Teil des Lagers keinen Strom«

Geflüchtete vor ihrem Zelt im Dezember 2020: »Zum Zeitpunkt des Brandes gab es in dem Teil des Lagers keinen Strom«

Foto: ANTHI PAZIANOU / AFP

Das Lager bei Kara Tepe liegt auf einem ehemaligen Schießplatz, es besteht aus Zelten, die das Uno-Flüchtlingshilfswerk beschafft hat. Im Winter regnet es auf Lesbos regelmäßig, über Monate versinkt das Lager deshalb immer wieder im Schlamm, der Wind pfeift dann durch die Zelte. Familien frieren. Psychologen berichten von traumatisierten Kindern, die sich die Haare ausreißen und die Arme aufschneiden. Hebammen erzählen Geschichten von Frauen, die am Eingang des Camps gebären, weil der Krankenwagen nicht rechtzeitig kommt. Viele NGOs nennen das Camp »Moria 2.0«.

Vor der Staatsanwaltschaft sagte Noor aus, sie habe als Schwangere besonders unter den Zuständen im Lager gelitten. Auf dem Weg zur Toilette sei sie mehrfach hingefallen. Ihr Mann gibt zu Protokoll, er habe seine Frau oft weinen sehen, habe versucht, eine Wohnung in der Inselhauptstadt Mytilini anzumieten, wo die Lebensumstände besser gewesen wären. Ohne Erfolg. Der Antrag sei abgelehnt worden.

Kochunfall oder Suizidversuch?

Am Morgen des Tages, an dem das Zelt 959 Feuer fängt, ist Noor allein mit ihren beiden Töchtern, der Vater wäscht den siebenjährigen Sohn. Sie habe ihre beiden Töchter nach draußen gebracht, erzählt sie später. Dann sei sie ins Zelt zurückgekehrt, habe ein Feuerzeug genommen und die Behausung angezündet. Im Bericht der Feuerwehr an das Gericht heißt es, Noor habe das Synthetikmaterial des Zeltes in Brand gesteckt. Als das Zelttuch Feuer fängt, bleibt Noor innen sitzen.

Zelte bei Kara Tepe: Gräben gegen den Schlamm

Zelte bei Kara Tepe: Gräben gegen den Schlamm

Foto: MANOLIS LAGOUTARIS / AFP

Der Vater einer afghanischen Nachbarsfamilie rettet Noor schließlich aus dem Feuer. Er lebt direkt nebenan, die Bereiche der beiden Familien sind in dem Zelt nur durch eine Holzplatte getrennt. Zuvor habe er seine eigene Tochter in Sicherheit gebracht, erzählt er später. Mit Decken und Wasserflaschen löschen er und andere Geflüchtete den Brand.

»Ich wollte mich umbringen.«

Geflüchtete Afghanin bei ihrer Befragung durch die Behörden

Noors Mann bemerkt das Feuer aus der Ferne. Als er am Zelt ankommt, liegt seine Frau schon auf dem Boden. Die Behörden werden ihn später fragen, ob seine Frau gekocht habe. »Nein«, sagt er, »zum Zeitpunkt des Brandes gab es in dem Teil des Lagers keinen Strom.«

Kochunfall oder Suizidversuch? Noor selbst gab bereits kurz nach dem Brand eine eindeutige Antwort zu Protokoll: »Ich wollte mich umbringen«, sagte sie. Als sie gehört habe, dass ihre Reise nach Deutschland wegen der Schwangerschaft abgelehnt worden war, sei sie sehr enttäuscht gewesen. »Ich soll einen Kaiserschnitt bekommen, das hätte es noch schwerer gemacht, mein Kind großzuziehen, weil ich für zwei Wochen nicht hätte aufstehen können«, so Noor in ihrer Aussage.

Noor drohen bis zu zehn Jahre Haft

Die griechischen Behörden sind überzeugt, dass Noor bei ihrem Suizidversuch weitere Menschen gefährdet hat. Sie soll wegen vorsätzlicher Brandstiftung angeklagt werden. Die Version mit dem Kochunfall wäre für Noor von Vorteil gewesen. Dennoch blieb sie bei ihrer Aussage.

Geflüchtete im Camp bei Kara Tepe: 7000 Menschen, mehr als 2000 Kinder

Geflüchtete im Camp bei Kara Tepe: 7000 Menschen, mehr als 2000 Kinder

Foto: ANTHI PAZIANOU / AFP

Die Berichte der Beteiligten und der Behörden sind keine endgültigen Beweise. Theoretisch ist es möglich, dass alle Zeugen und Noor selbst lügen, dass die griechischen Behörden die Frau verfolgen, obwohl es ein Unfall war. Allerdings spricht dafür nichts.

Die Bundespolizei teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, dass der Verbindungsbeauftragte beim Gespräch des Botschaftsmitarbeiters mit IOM nicht dabei gewesen sei. Offenbar hat der Bundespolizist den Fall nur am Rand mitbekommen und auch nur in den ersten Tagen direkt nach dem Brand verfolgt. »Mit Stand 25. Februar deuten die vorliegenden Informationen auf einen Kochunfall hin«, schreibt ein Sprecher. Erkenntnisse zu etwaigen Ermittlungen der griechischen Behörden lägen der Bundespolizei nicht vor. Auf die Frage, ob die Bundespolizei angesichts der Beweislage ihre Einschätzung revidiere, antwortet sie nicht.

Vielleicht hätte es genügt, wenn »Die Welt« oder die Bundespolizei nach den Presseberichten über einen Suizidversuch erneut bei IOM nachgefragt hätten, denn die Organisation hat den Brand offenbar nicht näher untersucht. IOM habe sich nur um die Abreise der Frau gekümmert, heißt es auf Anfrage. Darüber hinaus habe man keine weiteren Gespräche geführt.

Madhavi Noor hat inzwischen einen Sohn zur Welt gebracht, per Kaiserschnitt im Krankenhaus in Mytilini. Noch immer drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft. Die Anwälte der Familie haben einen Ausreiseantrag gestellt. Akzeptiert ihn das Gericht, könnte Noor doch noch nach Deutschland ausgeflogen werden und dort auf ihren Prozess warten.