Äthiopische Flüchtlinge im Sudan »Die Welt muss wissen, was in Tigray passiert«

Die äthiopische Regierung attackiert die Provinz Tigray. Zehntausende Menschen flüchten vor Massakern, Plünderungen und Vergewaltigungen in den Sudan. Die humanitäre Lage in den Camps spitzt sich zu.
Hier sind sie in Sicherheit: Äthiopische Flüchtlinge aus der Region Tigray in einem Camp im benachbarten Sudan

Hier sind sie in Sicherheit: Äthiopische Flüchtlinge aus der Region Tigray in einem Camp im benachbarten Sudan

Foto: Nariman El-Mofty / AP

Wadihailu Kaflahum ist noch immer ein freundlicher Mann. Das Geschehene sei wohl Gottes Wille, sagt er. Kaflahum ist Tagesmärsche entfernt von seiner Heimat. Er weiß nicht, wie es denen geht, die zurückgeblieben sind – seiner Mutter, seinen zwei Töchtern. Kaflahum braucht Gott jetzt, sonst würde es alles keinen Sinn ergeben.

Kaflahum steht am Rande des sogenannten »Village 8«, eines provisorischen Transitcamps für äthiopische Flüchtlinge im Grenzgebiet zu Sudan. Vor über zwei Wochen floh er aus der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens, verließ seine Heimatstadt Mai Kadra.

Tausende überqueren mittlerweile täglich in kleinen, oft undichten Booten den Grenzfluss. Insgesamt sind bereits weit mehr als 40.000 Äthiopier in den Sudan geflohen. Mittlerweile gibt es Berichte, die äthiopische Armee würde versuchen, die Menschen an der Flucht zu hindern.

Das sogenannte »Village 8« wurde ursprünglich von der Regierung gebaut, um die durch den Bau eines Staudamms heimatlos gewordenen Menschen umzusiedeln und zu entschädigen.

Die Uno muss die Kapazitäten im Sudan schnell hochfahren

Es hatte, bevor in Tigray der Krieg ausbrach, weniger als tausend Einwohner. Es gab einen kleinen Marktplatz, mit weniger als zehn kleinen Geschäften. Nun wohnen bereits mehr als 15.000 Flüchtlinge hier, so der sudanesische Camp-Manager. Zusammen mit der Uno-Flüchtlingshilfe beeilen sie sich zurzeit, die Kapazitäten massiv aufzustocken. Die Wassertanks, die Unicef zur Verfügung gestellt hat und die 15.000 Liter fassen, sind bereits jetzt viel zu klein.

Kaflahum, ein Mann in seinen Fünfzigern, Vorarbeiter auf einer Plantage in Tigray, war auf dem Feld, als er die ersten Explosionen hörte. So erzählt er es. »Dann folgten die Schreie.« Er spricht leise. »Ich versuchte, nach Hause zurückzukehren, um meine Habseligkeiten, meine Familie zu holen.«

Zusammen mit zwei Kollegen wird er auf dem Weg von einer Amhara-Miliz festgehalten, berichtet Kaflahum. Amhara ist die Nachbarprovinz von Tigray. Seit Jahren stehen sich die Regionen feindlich gegenüber, wachsen die ethnischen Spannungen. Die Amhara beanspruchen Land für sich, von dem sie sagen, die Tigray hätten es vor Jahrzehnten besetzt. Nun rücken sie zusammen mit der äthiopischen Armee in Tigray vor. Das Land haben nun sie besetzt.

»Als sie herausfanden, dass ich Tigray bin, griffen sie mich an, wollten mich töten. Der Kommandeur sagte immer wieder, es gebe keinen guten Tigray, man müsse mich töten.« Ein höherrangiger Offizier habe dann gesagt, man solle ihn gehen lassen. »Jemand auf dem Weg werde mich schon umbringen, sagte er.«

Schüsse und Schreie in der Nacht

Kaflahum rannte los und versteckte sich bis in die Nacht mit seinen zwei Kollegen in einem Hirsefeld. »Einer der Männer verlor plötzlich den Verstand, er zitterte und weinte vor Angst und Wut und rannte auf den Ort zu. Ich stieg auf eine kleine Anhöhe, um zu sehen, was geschah – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie ihn vor der Kirche töteten.«

Er blieb in dem Feld. Die ganze Nacht über hörten sie Schüsse und Schreie. Dann machten sie sich auf den Weg in den Sudan.

Was Kaflahum in jener Nacht im Hirsefeld hörte, war das Massaker von Mai Kadra. Mehrere hundert Menschen wurden dort abgeschlachtet. Die meisten anscheinend mit Äxten und Messern. Amnesty International konnte bisher die Täter nicht klar identifizieren. Geflüchtete erzählen von grausamen Kämpfen:

  • Im »Village 8« berichtet ein tigrinischer Mann aus Mai Kadra, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, dem SPIEGEL, dass alles in einem wenige Kilometer entfernten Dorf begann. Dort wurden wohl tigrinische Verbände von der äthiopischen Armee geschlagen. »Als wir davon hörten, nahmen wir Stöcke, Messer und Äxte und begannen, die Amhara in Mai Kadra zu töten.« Er erzählt es mit Stolz. Erst später, so der Mann, seien Amhara-Verbände in die Stadt gekommen und hätten sich gerächt.

  • Eine ebenfalls aus Mai Kadra geflohene Frau berichtet dem SPIEGEL, dass sich die Menschen der verschiedenen Ethnien gegenseitig mit Messern umbrachten.

  • Ein Plantagenbesitzer, der in einem Lkw in den Sudan fliehen konnte, erzählt von Amhara-Milizen, die die Menschen niedergemetzelt haben. Sein Nachbar sei der Gewalt zum Opfer gefallen. Auf dem Weg habe er Leichen am Straßenrand liegen sehen. Fast alle Menschen sein geflohen. Nur die Alten und Schwachen sein geblieben.

Da nach wie vor die Kommunikationskanäle nach Tigray gekappt sind, lassen sich die einzelnen Berichte nur schwer verifizieren.

Wadihailu Kaflahum, der Mann, der sich im Hirsefeld versteckt hatte, sagt, er könne nicht sagen, was in dieser Nacht passiert sei. Sie konnten in ihrem Versteck nichts sehen und flohen, ohne noch einmal zurück in die Stadt zu gehen. Dann lächelt er schüchtern und geht in Richtung der unverputzten Hütten, die nun sein Zuhause sind.

Das Camp wächst immer weiter. Viele Häuser, in denen die Äthiopier nun leben, haben kein Dach und keine Fenster und Türen. In einem vier mal vier Meter großen Raum leben oft mehr als 20 Personen. Mittags ist es bis zu 43 Grad heiß und in dem Teil des Dorfes, in dem die Geflüchteten leben, gibt es keine Bäume. Abwasser läuft durch das Camp, Müll liegt in großen Bergen herum. Der Geruch von Exkrementen hängt in der Luft. Kleine Windhosen tragen Sand über die Wege.

Viele Flüchtlinge wollen zum Mittelmeer – und von dort nach Europa

Viele der Flüchtlinge suchen deswegen schon jetzt nach einer Möglichkeit, weiter nach Khartum zu reisen, um von dort nach Libyen und damit an das Mittelmeer zu kommen. Geflüchtete erzählen, der Menschenschmuggel floriere bereits und die sudanesische Armee sei daran beteiligt. Andere richten sich ein und helfen.

»Die Welt muss wissen, was in Tigray passiert. Viele Menschen sterben. Es ist ein Völkermord. Es gibt kein Essen mehr. Die Leute haben kein Geld mehr, die Banken sind zu, wir brauchen Wasser, Medikamente. Wir brauchen Hilfe, damit es nicht wird wie Syrien, wie der Jemen. Wie Darfur.« Das sagt Arradom Mangesha.

Er steht in einer unverputzten grauen Betonhütte, die sie zur Klinik umfunktioniert haben. Er stammt aus der tigrinischen Stadt Humera, war dort Arzt im örtlichen Krankenhaus. Bis die Stadt bombardiert wurde. Nun versorgt er mit ein paar Kollegen, die mit ihm geflohen sind, die Menschen im Camp.

Bis zu 500 Menschen helfen sie am Tag, helfen bei Malaria und Parasiten. Vor allem aber bräuchten die Menschen psychologische Hilfe, sagt der Arzt. Viele Menschen hätten zusehen müssen, wie Milizen Menschen mit Messern niedermetzelten, wie sie Frauen vergewaltigten. Und wie sie plünderten.

Zurück könnten sie nicht mehr. »Unser Land ist nun von den Amhara besetzt.« Die Welt müsse ihnen helfen, sagt er noch einmal. Denn Äthiopien zerbreche.

Mitarbeit: Ahmed Sherif

fsc