Flüchtlingsdrama an EU-Außengrenze »Dieses menschliche Leid ist nicht mehr zu rechtfertigen«

Nach dem Brand eines Camps in Bosnien-Herzegowina sind Hunderte Geflüchtete obdachlos, bei Schneetreiben kämpfen sie ums Überleben. IOM-Missionschef Peter Van der Auweraert erklärt, wie die Lage so eskalieren konnte.
Ein Interview von Steffen Lüdke
Migrant in der Nähe des Flüchtlingslagers Lipa: »Die Lage ist schrecklich«

Migrant in der Nähe des Flüchtlingslagers Lipa: »Die Lage ist schrecklich«

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Kemal Softic / dpa

Meterhoch schlugen die Flammen, als vergangene Woche das Flüchtlingslager Lipa in Bosnien-Herzegowina brannte. Wenige Stunden zuvor hatten die Hilfsorganisationen begonnen, das Camp zu schließen, weil es ohnehin nicht winterfest war. Am Ende des Tages waren Hunderte Geflüchtete obdachlos.

Besonders junge alleinstehende Migranten, die auf ihrem Weg nach Westeuropa auf der Balkanroute festsitzen, finden nun keine Unterkunft mehr. Dabei schneit es dort seit Tagen, bei Minusgraden kämpfen viele vor allem nachts ums Überleben.

DER SPIEGEL

Ihre Lage ist aussichtslos: In den verbliebenen Camps gibt es nicht genug freie Plätze, die Grenze nach Kroatien wird scharf überwacht. Wer es doch über die Berge oder durch den Wald nach Kroatien schafft, wird meist mit Gewalt zurückgeschleppt.

Peter Van der Auweraert ist seit Monaten vor Ort. Im Interview erklärt der Missionschef der Internationalen Organisation für Migration (IOM), wie die Situation an der EU-Außengrenze so eskalieren konnte.

SPIEGEL: Herr Van der Auweraert, seit Tagen frieren Hunderte Geflüchtete in Bosnien-Herzegowina, weil sie keine Unterkunft mehr haben. Wie ist die Situation derzeit?

Peter Van der Auweraert: 1500 bis 2000 Migranten hausen in der Nähe der kroatischen Grenze und suchen dort Schutz, zum Beispiel in verlassenen Häusern. 800 weitere Migranten harrten bis heute Morgen immer noch im Camp Lipa aus, das fast vollständig abgebrannt ist. Aber dort konnten die Menschen nicht bleiben. Lipa liegt auf knapp 800 Meter Höhe, es friert auch tagsüber. Es gab nur Schlafsäcke und Decken, das reicht nicht.

Alle Seiten, auch die EU-Kommission, haben in den vergangenen Stunden Druck auf die Lokalregierung ausgeübt. Jetzt haben wir gerade die Erlaubnis bekommen, zumindest die 800 Menschen zu evakuieren, die heute Morgen noch in Lipa waren. Sie kommen nun in eine ehemalige Kaserne in Bradina im Landesinneren. Aber wir brauchen auch für die restlichen Migranten eine Lösung.

SPIEGEL: Ein Video zeigt , wie Geflüchtete versuchen, einen Mann zu wärmen, der offensichtlich unterkühlt ist.

Van der Auweraert: In den vergangenen Tagen sind mehrere Migranten mit Erfrierungen und Unterkühlungen zu uns gekommen. Besonders für die Menschen, die immer noch an der Grenze ausharren und heute Nacht nicht in einem Camp schlafen können, ist die Lage schrecklich und bedrohlich. Viele Migranten bauen schon jetzt extrem ab: Sie haben physische Probleme, viele klagen über schmerzende Gliedmaßen und können nachts nicht schlafen.

»Die Behörden haben das Camp nie an die Wasser- und Stromversorgung angeschlossen. Uns blieb keine andere Wahl.«

SPIEGEL: Wie konnte die Situation an der Grenze zu Kroatien so eskalieren?

Van der Auweraert: IOM, der Danish Refugee Council und das Rote Kreuz hatten schon lange entschieden, das notdürftige Camp in Lipa zu schließen. Die Zelte sind nur leicht isolierte Sommerzelte. Die Behörden haben das Camp nie an die Wasser- und Stromversorgung angeschlossen. Uns blieb keine andere Wahl.

SPIEGEL: Kurz vor Weihnachten aber sah es doch so aus, als wäre eine Lösung gefunden worden.

Van der Auweraert: In der Tat schien alles geklärt: Die bosnische Regierung hatte nach langen Verhandlungen entschieden, das Camp in Lipa winterfest zu machen. Dafür sollte es drei bis vier Monate lang schließen, die Migranten in der Halle in Bira bei Bihac untergebracht werden. Die Halle ist voll ausgerüstet, dort können 1500 oder auch 2000 Menschen unterkommen. Aber die lokalen Behörden weigern sich, die Migranten dort unterzubringen. Angeblich, weil sie sie die Migranten nicht im Stadtzentrum haben wollen. Wir hatten keine andere Wahl, als Lipa trotzdem zu schließen. Die ersten Stunden der Räumung verliefen ruhig, dann brach ein Feuer aus. Offenbar hatten ehemalige Bewohner des Camps Zelte in Brand gesetzt.

Migranten in Lipa: »Es droht eine humanitäre Katastrophe«

Migranten in Lipa: »Es droht eine humanitäre Katastrophe«

Foto: Kemal Softic / AP

SPIEGEL: Sie haben die Entscheidung, das Camp zu schließen, immer wieder hinausgezögert. Nun haben sie es doch geschlossen, einen Tag vor Weihnachten, bei Minusgraden. Bereuen Sie die Entscheidung?

Van der Auweraert: Nein. Das war die schwerste Entscheidung in meiner Karriere, aber es ging nicht anders. Wir konnten den Menschen nicht länger durch unsere Anwesenheit signalisieren, dass ihnen im Winter in diesem Camp nichts passieren wird. Das hätte alles noch schlimmer gemacht. Es ist traurig, aber selbst die Migranten, die nun in verlassenen Häusern Unterschlupf gefunden haben, haben es besser als im ungeheizten Camp.

SPIEGEL: Die EU hat Bosnien-Herzegowina bereits mehr als 60 Millionen Euro gezahlt und weitere 25 Millionen Euro versprochen, um den Geflüchteten zu helfen. IOM managt die Flüchtlingslager. Wo ist das Geld geblieben?

Van der Auweraert: Zu Beginn der Flüchtlingskrise gab es in Bosnien-Herzegowina gar keine Flüchtlingscamps. Nun gibt es sechs. Das Problem ist, dass wir eines der größten Camps, die Bira-Halle bei Bihac, nicht nutzen dürfen. Sonst würde die Kapazität für fast alle der rund 8000 Migranten in Bosnien reichen.

SPIEGEL: Das Grundproblem in Bosnien-Herzegowina ist seit Jahren bekannt: Die Kantonsregierung in Una-Sana, wo Bihac und Lipa liegen, fühlt sich alleingelassen. Unter anderem, weil Kroatien Geflüchtete, die es über die Grenze schaffen, illegalerweise nach Bosnien-Herzegowina zurückprügelt. Und auch, weil die meisten Regionen Bosnien-Herzegowinas kaum Schutzsuchende aufnehmen. War die Eskalation nicht absehbar?

Van der Auweraert: Wir haben seit Monaten gewarnt. Das politische System in Bosnien-Herzegowina ist dysfunktional, die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure funktioniert nicht. Ich verstehe die Frustration der Lokalpolitiker und der Bevölkerung hier in der Gegend. Aber das menschliche Leid, das diese Politik hervorruft, kann man nicht mehr rechtfertigen.

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