Flüchtlingslager in Paris Die Elenden von Saint-Denis

Nach der Auflösung eines Flüchtlingscamps in Paris sind viele Migranten obdachlos. Hunderte irren durch die Stadt. Aktivisten warnen: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Menschen sterben.
Ein Interview von Jan Petter
Feuer lodert am Morgen des 17. November unter der Autobahnbrücke in Saint-Denis. Viele der Bewohner wärmen sich an den Flammen, während sie auf ihre Evakuierung aus dem Camp warten

Feuer lodert am Morgen des 17. November unter der Autobahnbrücke in Saint-Denis. Viele der Bewohner wärmen sich an den Flammen, während sie auf ihre Evakuierung aus dem Camp warten

Foto: YOAN VALAT/EPA-EFE/Shutterstock
Globale Gesellschaft

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Das Elend begann drei Kilometer hinter der Stadtgrenze von Paris. Zelte im Schlamm. Menschen, die über Wochen hinweg nicht duschen konnten. Zu wenig Essen, das es nur durch Freiwillige gab. Anfang November starb ein Sudanese im Camp, vermutlich an Unterkühlung. Es waren Zustände, wie man sie nur aus den griechischen Flüchtlingslagern auf Samos oder Lesbos kannte.

Doch das Lager von Saint-Denis stand im Herzen von Europa, am Rande der französischen Hauptstadt. Direkt unter einer Brücke der Autobahn A1 gelegen, wirkte es wie eine Sackgasse der europäischen Migrationspolitik.

2500 Menschen, zusammengepfercht unter einer Brücke

An einem frühen Dienstagmorgen, Mitte November, räumte die französische Polizei schließlich das illegale Camp. »Diese Lager sind nicht akzeptabel«, verkündete der Pariser Polizeipräsident Didier Lallement. »Der Einsatz zielt darauf ab, Menschen mit regulärem Status in Sicherheit zu bringen. Menschen ohne Papiere sollen nicht auf dem Gebiet bleiben.«

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70 Busse standen bereit, um die etwa 2500 Menschen auf Notunterkünfte in und um Paris zu verteilen. Dort, so die Ankündigung, würden die meist jungen und männlichen Bewohner auf Corona getestet und anschließend weiter betreut. Doch was wie eine Lösung klang, war für viele aus Saint-Denis nur der erste Schritt zurück in den Schlamm. Laut einer Umfrage der französischen Caritas lebt einen Monat nach den Räumungen fast jeder zweite Bewohner der Camps erneut auf der Straße.

Hilfsorganisationen beklagen, dass bis heute genügend Unterkünfte fehlten. Gleichzeitig steigt die Zahl der Migranten, die über andere Staaten nach Frankreich einreisen und deshalb eine Zurückweisung fürchten. Auch das harte Vorgehen der französischen Polizei sorgt seit Jahren für Kritik.

Jeder Zweite landet wieder in den Camps

In den vergangenen Jahren gab es Dutzende Lager wie das in Saint-Denis. Immer wenn eines verschwand, entstand kurz darauf, ein Stück weiter außerhalb von Paris, ein neues. Mit jedem neuen Camp rückt das Problem etwas weiter aus dem Blickfeld der Bevölkerung. Für Hilfsorganisationen oder lokale Gruppen wird es schwieriger, die Migranten angemessen zu versorgen.

Die Sprachlehrerin Silvana Gaeta gehört zu den Anwohnern, die sich ehrenamtlich um die Menschen in den Camps von Saint-Denis kümmern. Der einbrechende Winter und Covid-19, sagt Gaeta, machten die Lage derzeit besonders schwierig. Für die kommenden Monate fürchtet sie eine weitere Zuspitzung der Lage – und Todesopfer.

Foto: privat

Die 43-jährige Argentinierin Silvana Gaeta lebt seit 2016 in Paris. Als Sprachlehrerin hilft sie der örtlichen Organisation »Solidarité migrants Wilson« bei der Verteilung von Lebensmitteln in Saint-Denis, einer Stadt direkt im Norden des Pariser Stadtzentrums. Die Gruppe entstand im Herbst 2016 nach der Errichtung eines früheren Camps an der zentralen Avenue du Président Wilson.

SPIEGEL: Das Camp in Saint-Denis wurde vor wenigen Wochen vollständig geräumt. Wo sind die Bewohner jetzt und unter welchen Umständen leben sie?

Gaeta: Knapp zwei Drittel der Menschen wurde in Notunterkünfte gebracht. Manche kamen in Sporthallen unter, andere in einfachen Hotels oder Pensionen. Es gab Angebote für Corona-Tests und medizinische Hilfe. Die Umstände sind sehr unterschiedlich. Oft fehlt es auch in den neuen Unterkünften an Toiletten und Duschen.

Etwa tausend Menschen haben außerdem keinen Platz in den Bussen bekommen. Der Platz in den Notunterkünften reicht nicht für alle und viele fürchten die Polizei. Manche haben die Busse auch schlicht verpasst. Diejenigen, die keinen Platz in den Bussen bekamen, wurden mit Tränengas und Schlägen aus dem Camp vertrieben. Wir wissen, dass einen Tag nach der Räumung wieder die ersten neuen Zeltplätze errichtet wurden. Auch diejenigen, die in einer Notunterkunft sind, fragen sich, wie lange sie nach der Pandemie noch geduldet werden.

SPIEGEL: Können Sie sagen, wie viele Asylsuchende und Migranten in Paris derzeit auf der Straße leben? 

Gaeta: Für die ganze Stadt wissen wir das nicht sicher, doch allein im Norden von Paris leben trotz der aktuellen Umstände immer noch mindestens 500 bis 600 Migranten auf der Straße, weil es einfach zu wenige Unterkünfte gibt. Spätestens im Frühjahr werden es wohl wieder Tausende Menschen sein.

In den vergangenen Jahren entstanden immer wieder neue Camps in und um Paris. Hier räumen Arbeiter im Mai 2018 ein kurz zuvor evakuiertes Lager am Canal de Saint-Denis

In den vergangenen Jahren entstanden immer wieder neue Camps in und um Paris. Hier räumen Arbeiter im Mai 2018 ein kurz zuvor evakuiertes Lager am Canal de Saint-Denis

Foto: GERARD JULIEN/ AFP

SPIEGEL: Das Lager in Saint-Denis war nicht das erste dieser Art. Wie kann es sein, dass in einem reichen Land wie Frankreich so viele Migranten auf der Straße landen?

Gaeta: Viele in den Camps kommen aus Afghanistan. Oft sind sie zuerst nach Schweden oder Deutschland geflohen. Doch inzwischen stehen die Chancen auf einen erfolgreichen Asylantrag dort sehr schlecht. Viele wurden abgelehnt und schlagen sich deshalb weiter nach Frankreich durch, um nicht abgeschoben zu werden. Es gibt so viele Migranten aus Deutschland in den Camps, dass selbst ich mittlerweile oft etwas Deutsch spreche. Für die Menschen heißt die Flucht nach Paris jedoch, dass sie in Unsicherheit leben müssen.

Frankreich schiebt Afghanen bislang weniger ab, doch wegen des Dublin-Systems können die Menschen nicht einfach einen neuen Asylantrag stellen. Viele warten hier 18 Monate ab, bis die Abschiebefrist verstrichen ist. Es herrscht absolutes Chaos. Manche Menschen bekommen nach einem späteren Antrag hier Asyl. Einige zumindest eine Geldkarte. Andere werden dagegen direkt zurück nach Deutschland gebracht, um von dort abgeschoben zu werden. Wir erleben, das auch diejenigen mit Aussicht auf Asyl in Frankreich monatelang auf der Straße leben müssen, bevor sie eine Unterkunft bekommen. Die Camps vor Paris zeigen, wie das europäische Schutzsystem versagt. Es herrscht Willkür.

Französische Polizisten bei der Räumung eines Camps in Aubervilliers im Juli 2020

Französische Polizisten bei der Räumung eines Camps in Aubervilliers im Juli 2020

Foto: CHRISTOPHE ARCHAMBAULT/ AFP

SPIEGEL: Das Camp in Saint-Denis hatte keine Duschen, die Toiletten wurden erst sehr spät aufgestellt. Dass inzwischen selbst mitten in Europa Tausende Menschen so leben, wirkt erschreckend. Wieso können die Bewohner nicht zumindest in Obdachlosenunterkünften versorgt werden?

Gaeta: Dafür reichen die Plätze einfach nicht. Viele Migranten wählen nachts die 115, die Nummer des Obdachlosennotrufs, wenn es zu kalt wird. Doch die Nachfrage ist viel zu groß. Viele Anrufer kommen derzeit noch nicht einmal durch. Es gibt schon so Tausende Obdachlose in Frankreich. Die Zustände in den Camps sind leider durchgehend katastrophal. Im Sommer saßen hier bei 38 Grad etwa 2000 Menschen. Für alle zusammen gab es genau zwei Wasserhähne. Das ist schlicht menschenunwürdig.

SPIEGEL: Ihre Gruppe ist seit vielen Jahren in Paris aktiv. Wie sieht ihre Arbeit konkret aus? 

Gaeta: Wir sind eine Gruppe von Freiwilligen, ohne große Strukturen. Wir verteilen jeden Dienstag und Donnerstag warmes Essen auf den Straßen. Ratatouille mit Reis, Nudeln oder Khorma, ein Schmorgericht. Samstags versuchen wir, so etwas wie ein Frühstück zu organisieren. Außer uns sind auch noch Organisationen wie »Ärzte ohne Grenzen« in den Camps aktiv. Das erfordert einen sehr großen logistischen Aufwand, wir sind manchmal bis 2 Uhr nachts unterwegs. Aber wir kommen dadurch auch ins Gespräch, können Decken verteilen und von den Menschen erfahren, unter welchen Umständen sie leben.

SPIEGEL: Wie suchen Sie die Menschen auf, jetzt, wo das Camp geräumt ist?

Gaeta: Die Lage der Migranten wird leider mit jeder Räumung schlechter. Die Camps wandern immer weiter aus der Stadt hinaus. Auch für uns wird es damit schwieriger, die Menschen zu erreichen. Viele verstecken sich aus Angst vor der Polizei jeden Morgen noch vor 8 Uhr hinter Büschen oder unter Brücken. Wir müssen die Migranten oft wie Detektive suchen. Es gibt ein Netz aus Telefonen, um lose in Kontakt zu bleiben. Doch wir erreichen nicht alle. Inzwischen nutzen wir Fahrräder und Motorräder, um an den Kanälen und unter den Brücken zu den Menschen zu kommen.

SPIEGEL: Präsident Macron versprach nach seinem Amtsantritt, die Obdachlosigkeit der Geflüchteten rasch zu beenden. Warum ist das bis heute nicht passiert?

Gaeta: Die Zustände hier empören nach wie vor viele. Doch die Politik hat erkannt, dass die Camps abschreckend wirken. Die Menschen richtig unterzubringen, erfordert viel Zeit und Aufwand. Wenn man die Menschen sich selbst überlässt, hat man diese Anstrengungen und Kosten nicht.

SPIEGEL: In den vergangenen Wochen und Monaten gab es viel Kritik am Vorgehen der Sicherheitsbehörden. Welche Rolle spielt die französische Polizei in der Migrationskrise?

Gaeta: Die Stimmung ist klar feindseliger geworden. Die Beamten reagieren immer brutaler. Zelte werden zerstört, Menschen mit Pfefferspray vertrieben. Auch Organisation wie Human Rights Watch kritisieren das Vorgehen als völlig unverhältnismäßig. Polizeigewalt ist aktuell ein sehr großes Problem. Für Migranten heißt das, dass sie aktuell noch schutzloser sind. Viele verstecken sich deshalb an den dunkelsten Plätzen. Ich fürchte, dass die Situation mit dem einbrechenden Winter noch schlimmer wird. Wenn es so weitergeht, ist es vermutlich nur eine Frage von Tagen, bis der nächste Mensch hier erfriert oder an Corona stirbt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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