Flüchtlinge im Mittelmeer Sea-Watch kommt überfülltem Banksy-Rettungsschiff zur Hilfe

Das Seenotrettungsschiff "MV Louise Michel" hatte so viele Flüchtlinge aufgenommen, dass es nicht mehr manövrieren konnte - lange ignorierten die Behörden die Notlage, erst spät kam Hilfe.
Schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord der "Louise Michel" (Foto vom 28. August)

Schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord der "Louise Michel" (Foto vom 28. August)

Foto: Santi Palacios / AP

Sie waren nass, traumatisiert und hatten teilweise starke Treibstoff-Verbrennungen erlitten - trotzdem haben mehr als 200 Flüchtlinge am Samstag auf dem völlig überfüllten und manövrierunfähigen privaten Rettungsschiff "Louise Michel" und eigens ausgebrachten Rettungsinseln ausharren müssen.

Lange ignorierten italienische und maltesische Behörden die brenzlige Situation, erst am Samstagabend kam Hilfe. Erst dann griff die italienische Küstenwache ein und nahm 49 Schiffbrüchige an Bord, darunter vor allem Familien und Kinder. Die "Sea-Watch 4", die ebenfalls von Flüchtlingsaktivisten betrieben wird, änderte ebenfalls ihren Kurs und nahm die restlichen Flüchtlinge auf.

Die Crew der "Louise Michel" hatte Donnerstag und Freitag insgesamt 219 Flüchtlinge aus zwei Gummibooten aufgenommen. Eine Person sei zum Zeitpunkt der Rettung bereits tot gewesen, teilten die Seenotretter mit. Die Überlebenden hätten von drei weiteren Toten berichtet.

"Louise Michel" setzte Dringlichkeitsmeldung ab

Die zehn Aktivisten der "Louise Michel" kümmerten sich anschließend um die Überlebenden, das Deck war überfüllt, die Kapazitätsgrenze des Schiffes erreicht. 33 Migranten mussten deshalb in Rettungsinseln auf dem Wasser ausharren. "Mit den Rettungsinseln waren wir als Verband manövrierunfähig", sagt Lea Reisner, Einsatzleiterin an Bord, dem SPIEGEL.

Sie saßen in einem Gemisch aus Salzwasser und Treibstoff: Überlebender an Bord der "Louise Michel"

Sie saßen in einem Gemisch aus Salzwasser und Treibstoff: Überlebender an Bord der "Louise Michel"

Foto: Santi Palacios / AP

Deshalb habe man die Behörden um Hilfe gebeten. Selbst eine Dringlichkeitsmeldung, genannt "Pan-pan", sei aber am Samstagmorgen zunächst ohne Antwort geblieben. Das Signal wird verwendet, wenn Schiffe und ihre Besatzungen konkret, aber nicht akut gefährdet sind. Wegen des schlechten Wetters habe man entschieden, die Flüchtlinge an Bord der "Sea-Watch 4" gebracht.

Banksy sponsorte das Schiff

Die "Louise Michel" gehörte einst dem französischen Zoll, nun fährt das Schiff unter deutscher Flagge. Der Künstler Banksy hat den Kauf nach Angaben der Seenotretter finanziert und das Boot bemalt. Am 18. August legte es erstmals in Valencia ab; die Aktivisten, darunter viele Deutsche, hielten die Existenz des Schiffes lange geheim - nach eigenen Angaben aus Angst, von den Behörden festgesetzt zu werden. Kapitänin der "Louise Michel" ist Pia Klemp, die auch schon für Sea-Watch im Einsatz war.

Banksy-Zeichnung auf der "Louise Michel"

Banksy-Zeichnung auf der "Louise Michel"

Foto: - / dpa

Uno-Flüchtlingshilfswerk fordert einen sicheren Hafen

Der Chef des Uno-Flüchtlingshilfswerks, Filippo Grandi, rief dazu auf, die Seenotretter und die Geflüchteten schnell an Land zu lassen. "Leben zu retten, solle nicht bestraft oder stigmatisiert werden", sagte er. Vor allem dann nicht, wenn es keine staatliche Rettungsmission gebe.

Die Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer gilt als extrem gefährlich. Etwa 20.000 Menschen haben auf ihr seit 2014 ihr Leben verloren. Mehr als 500 Flüchtlinge sind in diesem Jahr Schätzungen zufolge bereits im Mittelmeer gestorben, die genaue Zahl ist unbekannt. Italien und Malta haben in der Coronakrise ihre Häfen für Seenotretter geschlossen und lassen die Schiffe oft tage- oder wochenlang nicht anlanden.

Die Europäische Union hat eine eigene staatliche Rettungsmission eingestellt. Europäische Marineschiffe der Mission "Irini" meiden gezielt die beliebtesten Fluchtrouten. Stattdessen unterstützt die EU die libysche Küstenwache, die Flüchtende vor der Küste abfängt und sie zurück ins Bürgerkriegsland schafft. Dort werden die Migranten und Flüchtlinge unmittelbar in offizielle und inoffizielle Haftlager gebracht, wo sie bisweilen gefoltert oder vergewaltigt und ihre Verwandten am Telefon erpresst werden.

Die "Sea-Watch 4" hat nun mehr als 300 Flüchtlinge an Bord. Die Crew wartet selbst schon seit Tagen darauf, in einen sicheren Hafen einlaufen zu dürfen. Gemeinsam mit der "Louise Michel" soll sie nun wieder Richtung Norden fahren.

27 weitere Flüchtlinge harren zudem seit mehr als drei Wochen an Bord des Containerschiffes "Etienne" aus. Maltesische Behörden lassen auch sie nicht einlaufen. Unter den Schiffbrüchigen sind ein Kind und eine schwangere Frau.

slü
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