Mutter im Flüchtlingslager auf Samos »Mein Sohn wurde zweimal Zeuge von Suizid«

Es brauchte sechs Anläufe, bis Sarah S. mit einem Schlauchboot europäischen Boden erreichte. Die afghanische Frauenrechtlerin berichtet hier von täglicher Gefahr – und warum ihr Sohn dringend Hilfe benötigt.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Ein Vater und seine Tochter unter ihrem provisorischen Zelt auf Samos (Archivbild von 2017)

Ein Vater und seine Tochter unter ihrem provisorischen Zelt auf Samos (Archivbild von 2017)

Foto:

COSTAS BALTAS / REUTERS

Globale Gesellschaft

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Es gibt ein Wort, das Sarah S. sehr oft nutzt, wenn sie über ihr Leben spricht, und dieses Wort ist Sicherheit.

Sicher zu sein, ist ein Gefühl, das Sarah, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, vor Jahren abhandenkam, und um es zu wiederzufinden, musste sie ihre Heimat, Afghanistan, verlassen. Ihr Ziel war Europa, wo sie ein sicheres Leben erahnte für ihren fünfjährigen Sohn und sich selbst.

Es folgten Monate unmittelbarer Gefahr, in Iran, der Türkei, auf einem Schlauchboot Richtung Griechenland, immer allein, und Sarah sagt, sie habe das alles ausgehalten, weil sie dachte, dass sie bald geschützt wären.

Dann erreichte sie das Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Samos. Dort, sagt sie, habe statt des Gefühls von Schutz die Unsicherheit von Neuem begonnen. Dreimal brannte das Camp, das dritte Feuer nahm der kleinen Familie fast alles. Ihr Sohn ist in dem Camp Zeuge von Grausamkeit geworden, die kein Kind aushalten kann.

Sarah und ihr Sohn leben in diesem Verschlag im sogenannten Dschungel rund um das Samos-Camp

Sarah und ihr Sohn leben in diesem Verschlag im sogenannten Dschungel rund um das Samos-Camp

Foto: privat

Hier erzählt Sarah ihre Geschichte aus ihrer Sicht. Ihre Erlebnisse ähneln den Erfahrungen, die viele Flüchtlinge und Migranten machen.

»Ich musste Afghanistan verlassen. Ich habe mich dort für Menschen-, besonders für Frauenrechte eingesetzt. Schrieb Aufsätze, Gedichte. Aber in meiner Heimat gibt es nicht viel Platz für eine Aktivistin. Dort heißt es, dass eine Frau nicht dazu da sei, ihre Stimme zu erheben. Es gibt wenig Unterstützung.

Die Leute machten mir das Leben schwer. Ich wurde bedrängt und bedroht, jeden Tag. Sie wollten, dass ich schweige. Früher dachte ich, das halte ich aus. Aber ich habe jetzt Verantwortung für ein Kind. Für meinen Sohn musste ich gehen.

Vor eineinhalb Jahren packte ich meinen Sohn und ein paar Sachen und ging. Ich habe mich allein durchgeschlagen, von Afghanistan nach Iran, dann in die Türkei. Mein Sohn war gerade einmal drei Jahre alt. Die Flucht ist für alle hart, aber als Frau allein mit einem Kind, das ist besonders schlimm. Meist war ich auf mich allein gestellt, auch, wenn der Ort, an dem wir rasteten oder schliefen, sehr unsicher war.

Feuerwehrleute versuchen, eines der Feuer zu löschen, die im Flüchtlingscamp auf Samos ausbrachen (Foto von 2019)

Feuerwehrleute versuchen, eines der Feuer zu löschen, die im Flüchtlingscamp auf Samos ausbrachen (Foto von 2019)

Foto: Michael Svarnias / AP

Sechsmal sind wir von der Türkei aus in ein Boot gestiegen, um nach Europa zu gelangen. Zweimal drängten uns türkische Sicherheitskräfte zurück an Land, dreimal drängten griechische Leute unser Boot wieder in türkische Gewässer ab. Beim sechsten Mal schafften wir es an die Küste von Samos.

»Jetzt kommt der Winter, er kriecht durch die dünnen Zeltplanen genauso wie die Nässe.«

Sarah über die Bedingungen auf Samos

Wenn wir erst mal in Europa sind, dachte ich, dann sind wir sicher und frei. Aber in dem Moment, als wir dort ankamen, spürte ich: nein. Die Unsicherheit beginnt hier von Neuem.

Das Camp auf Samos, habe ich gehört, ist einmal für etwa 600 Menschen gebaut worden. Als ich ankam, lebten dort etwa 4000 Geflüchtete. Die Infrastruktur, die Toiletten, Duschen, die Wege – alles drohte zu kollabieren.

Große Teile des Camps brannten bei den drei Feuern nieder. Viele Geflüchtete bauten sich behelfsmäßige Hütten und Zelte in den Hügeln

Große Teile des Camps brannten bei den drei Feuern nieder. Viele Geflüchtete bauten sich behelfsmäßige Hütten und Zelte in den Hügeln

Foto: privat

Die Sicherheitsbeamten im Camp sind keine großzügigen Menschen, es gibt viele strenge Regeln. Behördengänge ziehen sich lange hin. Auf mein Interview zum Asylantrag habe ich zehn Monate gewartet.

Seit mein Sohn und ich hier sind, sind drei Feuer im Camp ausgebrochen. Das dritte Feuer brannte alles nieder, was uns gehörte. Nun leben wir in einem behelfsmäßigen Zelt im Dschungel; so nennen wir die Wälder rund um das Camp. Vielen Familien geht es ähnlich. Jetzt kommt der Winter, er kriecht durch die dünnen Zeltplanen genauso wie die Nässe.

Die Tatsache, dass ich alleinstehend lebe, hat sich herumgesprochen. Alle wissen davon. Wenn es dunkel wird, traue ich mich nicht mehr aus dem Zelt. Hier im Dschungel gibt es keine Gesetze und kein Licht. Ich habe Angst. Mein Sohn und ich sind leichte Opfer, für jede Art von Gewalt.

Mein Sohn hat sich verändert. Er ist jetzt fünf Jahre alt. Er ist hier zweimal Zeuge eines Suizids im Camp geworden. Ich konnte ihn nicht vor dem Anblick schützen. Ich habe – wie soll ich das ausdrücken – das Gefühl, dass die Erlebnisse sich auf sein Gehirn ausgewirkt haben. Er war immer ein ruhiges Kind, hat durch Bilderbücher geblättert und versucht zu lesen, hat gemalt. Doch wenn ich jetzt mit ihm diskutiere, wird er schnell wütend. Widerspreche ich ihm, sagt er Sachen wie: ›Dann bringe ich mich eben auch um.‹ Das tut mir so weh.

Er kann seine Gedanken nicht mehr kontrollieren. Sie kreisen immer um die beiden Erlebnisse. Er kann sich nicht konzentrieren. Ist reizbar. Nachts wacht er von seinen Albträumen auf.

Sarahs Kochstelle vor dem Zelt

Sarahs Kochstelle vor dem Zelt

Foto: privat

Ich habe die beiden medizinischen Zentren im Camp um Hilfe gebeten, doch sie haben mir gesagt, dass es ganz normal sei für einen Jungen, in so einer Situation gestresst zu reagieren. Ich solle mir keine Sorgen machen. Aber eine Mutter hat ein besseres Gefühl für ihren Sohn, nicht wahr? Mein Gefühl ist, dass er psychologische Hilfe braucht.

Als Asylsuchende in Europa kannst du nichts planen. Sie planen für dich. Deine Zukunft ist in den Händen anderer Leute, du gibst die Kontrolle über dein Leben ab. Keine Mutter und kein Vater entscheidet sich für den gefährlichen Weg einer Flucht, für den ich mich entschieden habe, ohne fest daran zu glauben, dass sie etwas Gutes für ihr Kind tun.

Ich suche einen Ort, an dem wir sicher leben können. Wo mein Sohn in einem geschützten Umfeld aufwachsen kann. Das ist alles.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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