Zum Inhalt springen

Flüchtlingskinder in Bosnien-Herzegowina Gefährliches Katz-und-Maus-Spiel an der Grenze

Familien versuchen, über die bosnisch-kroatische Grenze in die EU zu gelangen. Kinder müssen zusehen, wie ihre Eltern gedemütigt werden - und spielen das Erlebte in Flüchtlingslagern nach.
Von Sonja Peteranderl (Text) und Alessio Mamo (Fotos)
Ein afghanisches Mädchen läuft im Schneematsch durch das bosnisch-kroatische Grenzgebiet

Ein afghanisches Mädchen läuft im Schneematsch durch das bosnisch-kroatische Grenzgebiet

Foto: Alessio Mamo
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Sie spielen nicht »Räuber und Gendarm«, sondern Migranten, die von Grenzpolizisten gejagt werden: Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die in Bosnien-Herzegowina gestrandet sind, ahmen manchmal »The Game« nach – das Spiel, das für sie Alltag ist.

So bezeichnen die Asylsuchenden ihre Versuche, die Grenze nach Kroatien zu überqueren, um in die EU zu gelangen. Die meisten werden dabei immer wieder von Grenzschützern brutal gestoppt und zurückgezwungen – und manche Kinder müssen zusehen, wie ihre Eltern ausgeraubt, geschlagen und gedemütigt werden oder sind selbst Gewalt ausgesetzt.

Immer wieder machen sich Familien mit Kleinkindern auf den Weg, um es über die Balkanroute in die EU zu schaffen

Immer wieder machen sich Familien mit Kleinkindern auf den Weg, um es über die Balkanroute in die EU zu schaffen

Foto: Alessio Mamo

Kroatische Grenzpolizisten »schlugen und traten auf die Migranten ein und zwangen sie zu Spießrutenläufen zwischen den Polizeireihen«, heißt es etwa in einem Bericht  von »Human Rights Watch« zu den systematischen Menschenrechtsverletzungen. »Die Gewalt traf auch Frauen und Kinder.« Die aufgegriffenen Asylsuchenden würden zudem nicht zurück an den Ausgangsort ihrer Einreise gebracht, sondern in entlegene Gebiete – »teilweise wurden sie gezwungen, eiskalte Bäche zu durchqueren«.

Menschenrechtsorganisationen weltweit kritisieren die nach internationalem Recht illegalen Zurückweisungen, die sogenannten Pushbacks, seit Jahren , derzeit wird auch die Verwicklung von Frontex-Grenzschützern in Pushbacks an EU-Außengrenzen untersucht. Dennoch hält die umstrittene Praxis an, die den Geflüchteten die Möglichkeit verwehrt, einen Asylantrag in der EU zu stellen.

Das Danish Refugee Council (DRC) hat allein im vergangenen Jahr rund 16.000 illegale Pushbacks durch kroatische Grenzer dokumentiert, darunter 800 Fälle von Kindern. »Im Vergleich zu den Vormonaten ist die Rate der Frauen und Kinder, die Pushbacks melden, gestiegen«, heißt es in einem Bericht von November 2020 .

Überleben bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt: Jugendliche zünden sich ein Feuer an

Überleben bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt: Jugendliche zünden sich ein Feuer an

Foto: Alessio Mamo

Seit EU-Staaten die Balkanroute abgeriegelt haben, sammeln sich in Bosnien-Herzegowina immer mehr Geflüchtete, darunter auch viele Familien – das Land wurde zu einem Nadelöhr für den Weg nach Westeuropa. In den vergangenen Wintermonaten hat sich die Lage nochmals dramatisch verschärft. Mehrere offizielle Flüchtlingscamps wurden geschlossen . Im Dezember 2020 ließ die Internationale Organisation für Migration (IOM) das Aufnahmelager Lipa bei Bihac räumen, da es dort weder Wasser noch Strom gab. Doch Ersatzunterkünfte existierten nicht – so standen rund 1300 Menschen plötzlich auf der Straße.

Das Flüchtlingscamp Lipa musste geräumt werden – jetzt sind viele der ehemaligen Bewohner obdachlos

Das Flüchtlingscamp Lipa musste geräumt werden – jetzt sind viele der ehemaligen Bewohner obdachlos

Foto: Kemal Softic / AP

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass sich derzeit zwischen 9000 und 10.000 Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina aufhalten, etwa 3000 Menschen  kampieren bei Minusgraden ohne Wasser und Strom in verlassenen Häusern oder Fabrikgebäuden, in Zelten oder im Wald.

Es ist kein Ort, um zu bleiben – so versuchen die Menschen weiterhin verzweifelt, die Grenze zu überwinden. Der italienische Fotograf Alessio Mamo hat Familien aus Afghanistan mit Babys und Kleinkindern dabei begleitet.

Sehen Sie in der Fotostrecke, wie Flüchtlingskinder das Leben im Schwebezustand wahrnehmen:

Fotostrecke

Katz-und-Maus-Spiel: Wie Kinder die Flucht erleben

Foto: Alessio Mamo

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.