Verheerende Flut Wie den Menschen in Pakistan jetzt geholfen werden kann

In Pakistan ist jeder siebte Mensch direkt von der Flut betroffen. Hier spricht Isabel Bogorinsky von der Welthungerhilfe über das Ausmaß der Katastrophe – und darüber, wie es um den Wiederaufbau steht.
Von Maria Stöhr, Bangkok
Nach dem Monsun in Pakistan: Überlebende der Flut haben sich auf einem schmalen Streifen Land ein behelfsmäßiges Lager gebaut

Nach dem Monsun in Pakistan: Überlebende der Flut haben sich auf einem schmalen Streifen Land ein behelfsmäßiges Lager gebaut

Foto: Fida Hussain / AFP
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Frau Bogorinsky, die Welthungerhilfe arbeitet vor Ort in Pakistan mit lokalen Helferinnen und Helfern zusammen, um Menschen nach der Flut zu helfen. Beschreiben Sie die Lage.

Isabel Bogorinsky: Wir und andere Organisationen kommen zu dem Schluss, dass diese aktuelle Flut noch schlimmer ist als die Flutkatastrophe aus dem Jahr 2010. Die Zahl der Betroffenen liegt aktuell bei 33 Millionen, das bedeutet, dass jede siebte Person in Pakistan betroffen ist. Menschen haben ihre Häuser verloren, mehr als 900.000 Haushalte sind zerstört. Tausend sind tot. Die Menschen leben an den Straßen, in Zelten, haben sich Provisorien aus Plastikplanen gebaut. Es gibt einen großen Bedarf an Essen, Bargeld, Medizin. Es besteht wegen des unsauberen Wassers das Risiko von Krankheiten, Durchfall etwa. Mehrere Regionen liegen einen Meter unter Wasser, dort kann man nicht einmal Zelte für die Betroffenen aufbauen. Viele haben sich auf die Straßen geflüchtet, die etwas höher liegen. Viele Straßen sind auch weiterhin überflutet. Das alles führt wiederum dazu, dass man nur schwer Hilfsgüter und anderes transportieren kann.

SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen?

Bogorinsky: Wir beobachten seit Wochen heftigste Regenfälle in Pakistan, zuerst in Belutschistan und Sindh. Die Monsunzeit hat mindestens zwei Wochen zu früh eingesetzt. Vorige Woche hat der Regen noch einmal zugenommen. Und zwar auch im Norden, in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, wo es in der Folge zu einem sogenannten Gletscherseeausbruch kam. Dadurch wurde der Grad der Zerstörungen noch einmal erhöht. Vor dem Regen erlebten Pakistan und seine Nachbarländer einen unglaublich heißen Sommer, mit Hitzewellen und Dürre. Diese Veränderungen häufen sich durch den Klimawandel .

Große Teile Pakistans stehen unter Wasser, sind nur aus der Luft zu erreichen

Große Teile Pakistans stehen unter Wasser, sind nur aus der Luft zu erreichen

Foto: Bilawal Arbab / EPA

SPIEGEL: Was brauchen die Menschen jetzt?

Boroginsky: Wir verteilen eine Art Notfallset mit Küchenutensilien, Essen, Bargeld, Moskitonetzen, Wasserbehältern, Wasserfiltern, Plastikmatten, Planen, um Zelte zu bauen. Wir arbeiten vor Ort mit Partnerorganisationen in den einzelnen Provinzen zusammen. Diese rücken mit ihren Teams in Booten und auf den Straßen aus, so gut und schnell es geht. In den nächsten Monaten wird es dann um den Wiederaufbau gehen, dieser wird sicher Jahre dauern. So viel ist zerstört worden.

SPIEGEL: In welcher Situation haben die Fluten Pakistan erwischt?

Boroginsky: In Pakistan ist die Inflationsrate hoch, es gibt eine Nahrungsmittelunsicherheit durch den Krieg in der Ukraine. Offizielle Zahlen berichten von 25 Prozent, manche Schätzungen gehen von einer höheren Zahl aus. Dazu kommt die seit Jahren andauernde Gesundheitskrise der Coronapandemie.

SPIEGEL: Wie schaffen es die Menschen da, weiterzumachen, mit dem Wiederaufbau zu beginnen?

Boroginsky: Das ist eine schwierige Frage. Vor allem, weil die Regenzeit noch nicht vorbei ist, wir nicht wissen, wie viel Wasser in den nächsten Wochen noch vom Himmel kommen wird. Die, die jetzt auf den Straßen leben, haben unmittelbare Bedürfnisse: Essen, Wasser, Hygiene, ein Dach über dem Kopf und Schutz. Der Schutz und die Sicherheit von Frauen bleiben ein wichtiges Thema in Pakistan. Familien und ihre Kinder leben jetzt mit vielen Fremden auf engem Raum. Das stellt für Familien zusätzlich einen enormen psychischen Stress dar. Die Menschen stellen sich jetzt Fragen wie: Habe ich morgen genug zu essen? Genug sauberes Wasser? Wird es einen Malaria- oder Dengueausbruch geben? Und dem schließen sich dann mittelfristige Fragen an.

Dieser Mann in Peschawar rettet ein Tier vor dem Ertrinken

Dieser Mann in Peschawar rettet ein Tier vor dem Ertrinken

Foto: Hussain Ali / Anadolu Agency / Getty Images

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Boroginsky: Pakistan ist ein Agrarland. Die Menschen leben von dem, was auf den Ackerflächen wächst. Diese sind weggespült worden oder liegen immer noch unter Wasser. Erntespeicher wurden überspült, Getreide ist durch Wasser und Feuchtigkeit kaputt. Das wird die Familien in Armut stürzen. Ein Großteil derer, die von den Fluten betroffen sind, haben schon vorher unterhalb der Armutsgrenze gelebt. Sie haben meist ein kleines Stück Land bewirtschaftet. Die Menschen haben so gut es geht versucht, etwa ihr Vieh zu retten, Büffel, Ziegen. Die sind ihr Lebensunterhalt. Jede weggespülte Ziege hat immense Folgen für die Zukunft und das Überleben einer Familie. Außerdem wurde in Punjab und Sindh die Baumwollernte beschädigt, eine der Haupteinnahmequellen der Region.

Lokale Helfer suchen Überlebende in den überschwemmten Stadtteilen von Nowshera in der nördlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa

Lokale Helfer suchen Überlebende in den überschwemmten Stadtteilen von Nowshera in der nördlichen Provinz Khyber Pakhtunkhwa

Foto: Hussain Ali / Anadolu Agency / Getty Images

SPIEGEL: In Zukunft dürften Dürren und Fluten in Pakistan weiter zunehmen, das Land liegt laut der deutschen Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch auf Platz acht der Länder, die am stärksten von extremen Wetterereignissen bedroht sind. Wie bereitet sich die Gesellschaft vor?

Boroginsky: Pakistan trägt im Vergleich zu anderen, reicheren Ländern nicht besonders viel zur Klimakrise bei, ist aber sehr stark betroffen. Hier gibt es die Hoffnung, dass diese Ungerechtigkeit weltweit endlich gesehen wird. Auf der lokalen Ebene ist es am effektivsten, wenn die Menschen vor Ort wissen, wie sie sich auf extreme Wetterereignisse und auch Katastrophen vorbereiten können. Da können wir sie schulen und vorbereiten. Was ist zu tun, wenn die nächste Hitzewelle kommt? Was, wenn die Flut kommt? So eine Vorbereitung kann Leben retten. Zudem arbeiten wir mit Behörden und Partnern an gezielten Vorhersagen von diesen Wetterextremen und an der Katastrophenvorsorge, um die Bevölkerung in Gefahrenzonen entsprechend frühzeitig zu warnen und besser vorzubereiten.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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