Prozessauftakt gegen IS-Mann in Frankfurt "Nicht nur Frauen, auch sechsjährige Mädchen wurden vom IS vergewaltigt"

Sechs Jahre nach dem Völkermord an den Jesiden steht erstmals ein Täter des "Islamischen Staats" vor Gericht. Die Filmemacherin Düzen Tekkal sieht darin einen Anfang - sie fordert ein internationales Straftribunal.
Ein Interview von Maria Stöhr
2014 fielen IS-Kämpfer in die Gebiete der Jesiden im Irak ein, sie vergewaltigten, mordeten und versklavten Tausende

2014 fielen IS-Kämpfer in die Gebiete der Jesiden im Irak ein, sie vergewaltigten, mordeten und versklavten Tausende

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RODI SAID/ REUTERS

Das Todesurteil des fünfjährigen Mädchens fällt im Jahr 2015 bei Nacht. Das Kind, eine Jesidin, vom IS gefangen genommen, als Sklavin gehalten, ist krank. Sie nässt sich in der Wohnung eines irakischen IS-Anhängers ein. Zur Strafe wird es von ihrem Peiniger im Hinterhof angekettet. Bei sengender Hitze, etwa 45 Grad Celsius, ohne Essen, ohne Trinken. Sie verdurstet dort vor den Augen der Mutter, die ebenfalls als Gefangene des IS gehalten wird. 

Der Peiniger von damals heißt Taha al-J. Gegen ihn beginnt am Freitag ein Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt, der Vorwurf: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Die Bundesanwaltschaft hatte ihn von Griechenland nach Deutschland ausliefern lassen. Al-J.s Frau, die Deutsche Jennifer W., war ihm 2015 ins Kalifat gefolgt. Sie wurde bereits 2018 von deutschen Behörden festgenommen und vor dem Oberlandesgericht München angeklagt. 

Der Frankfurter Prozess gegen Taha al-J. ist das weltweit erste Strafverfahren gegen einen Täter des "Islamischen Staates" in Zusammenhang mit dem Genozid an den Jesiden. Erstmals wird explizit der Straftatbestand des Genozids mit verhandelt.

Im Jahr 2014 hatte der IS begonnen, die Jesiden in der irakischen Region Sindschar zu verfolgen. Jesidinnen und Jesiden wurden gefoltert, hingerichtet, versklavt, verkauft, vergewaltigt. Mehr als 3000 Frauen und Männer befinden sich nach Schätzungen noch immer in IS-Gefangenschaft oder sind tot, ohne dass ihre Familien davon erfahren. 

Die Aktivistin Düzen Tekkal hat eine Dokumentation über die Taten des IS gedreht, "Jiyan - Die vergessenen Opfer des IS". Sie reiste 15 Mal in den Irak, um den Genozid an den Jesiden zu dokumentieren. Mit ihrem Verein Hawar.Help hilft sie Jesidinnen, zurück ins Leben zu finden. 

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Laurence Chaperon

Düzen Tekkal, Jahrgang 1978, wurde als Tochter jesidischer Eltern aus der Türkei in Hannover geboren. Sie studierte Politikwissenschaften und arbeitet als Filmemacherin und Autorin. 2015 gründete sie den Menschenrechtsverein HAWAR.help.

SPIEGEL: Frau Tekkal, so grausam die Verbrechen des IS an den Jesiden waren und sind – kann man juristisch von einem Völkermord sprechen? 

Tekkal: Es ist bedauerlicherweise so, dass darüber juristisch immer noch diskutiert wird. Was ist eigentlich ein Völkermord? Schwer, ihn nachzuweisen. Die Uno-Völkermordkonvention besagt, dass die Täter die Absicht gehabt haben müssen, eine Nation, Ethnie, Rasse oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise auszulöschen. Dafür gibt es selten schriftliche Beweise. Nicht jede Massentötung ist auch ein Völkermord.  

SPIEGEL: Taha al.-J. ist nun aber in Frankfurt wegen Völkermordes angeklagt. 

Tekkal: Die Staatsanwaltschaft muss in dem Fall belegen können, dass es Taha al.-J. bei der Versklavung der betroffenen Frau und ihrer fünf Jahre alten Tochter darauf ankam, die Religion und Kultur der Jesiden im Einklang mit den Zielen des IS zu vernichten. 

SPIEGEL: Wie kann man das belegen? 

Tekkal: IS-Anhänger haben ihre Tötungsabsicht an den Jesiden im Netz deutlich bekundet. So makaber das klingt: Das ist in dem Fall ein Vorteil für die Jesiden. Der Angeklagte hat die Absichten geteilt, sonst hätte er sich nicht dieser Miliz angeschlossen. Geht es nach unserem Verein, sollte aber auch die sexualisierte Gewalt als eine gezielte Kriegswaffe gelten. Die Vergewaltigung gehört eindeutig zur genozidalen Strategie des IS. Die Jesiden sind eine endogame Gemeinschaft. Das heißt: Sobald eine jesidische Frau von einem IS-Anhänger vergewaltigt wird, ist sie de facto keine Jesidin mehr. Auch Kinder, die aus so einer Vergewaltigung hervorgehen, sind per Definition Muslime und keine Jesiden. Durch Vergewaltigung wird also gezielt ein Volk zerrissen und zerstört. Taha al-J. hat nach bisherigem Kenntnisstand seine Sklavin nicht vergewaltigt. In der Vorbereitung künftiger Prozesse sollte aber weiterhin dringend in diese Richtung ermittelt werden.

Der Völkermord an den Jesiden 

Im Jahr 2014 belagerte der sogenannte "Islamische Staat" die Stadt Sindschar im Nordirak, wo bis dahin die größte Gemeinschaft der Jesiden lebte. Mehr als 5000 Jesidinnen und Jesiden sind vom IS ermordet worden, 7000 Frauen und Kinder verschleppt, verkauft, versklavt. Hunderttausende wurden vertrieben. Viele Jesiden leben bis heute in Flüchtlingslagern bei Dohuk, weil sie nicht zurück können in ihre Dörfer. Die meisten davon sind zerstört.  

Das Dorf Kocho ist zum Synonym dieses Mordens geworden. Auch Nadia Murad, Friedensnobelpreisträgerin, kommt aus diesem Dorf. 

Weltweit gibt es etwa eine Million Jesiden. Sie sind eine ethnisch-religiöse Minderheit mit einer monotheistischen Religion. In die Glaubensgemeinschaft kann man nur hineingeboren werden. Die größte Diaspora nach dem Irak lebt in Deutschland, mit etwa 200.000 Jesiden. 

SPIEGEL: Wie viel ist über die Vergewaltigungen an Jesidinnen bekannt? 

Tekkal: 230 der 296 der in Deutschland befragten jesidischen Frauen, die in IS-Gefangenschaft waren, haben angegeben, vergewaltigt worden zu sein. Jede zweite Frau mindestens 20 Mal. 40 von ihnen sind schwanger geworden. Nicht nur Frauen, sondern auch sechsjährige Mädchen wurden vom IS vergewaltigt.  

SPIEGEL: Im Fall von Taha al.-J. wird einem mutmaßlichen Völkerrechtsverbrecher aus dem Irak in Deutschland der Prozess gemacht. Er hat seine Taten Tausende Kilometer entfernt von hier begangen. Wie gehen Ermittler da vor, wie legitimiert sich dieser Prozess? 

Tekkal: Unter dem Aspekt der Weltgerichtsbarkeit hat man 2002 beschlossen, dass es keinen sicheren Hafen für Verbrecher geben soll - No save havens for perpetrators. Gerichte haben dadurch die Möglichkeit, der Verbrecher des IS auch außerhalb des Tat-Landes habhaft zu werden. Deutschland geht mit diesem Beispiel nun einmalig voran. 

Hunderttausende Jesiden flohen 2014 Richtung syrische Grenze

Hunderttausende Jesiden flohen 2014 Richtung syrische Grenze

Foto: STRINGER/IRAQ / REUTERS

SPIEGEL: Was kann dieser Prozess leisten – und was nicht? 

Tekkal: Es geht darum, dass Deutschland zeigt, dass Völkermörder nicht davonkommen. Dass unser Rechtsstaat alles daransetzt, sie zu kriegen. Dass ausgerechnet Deutschland, auch hinsichtlich der eigenen Geschichte, hier den ersten Schritt tut, finde ich bemerkenswert. Außerdem waren ja auch Männer und Frauen aus Deutschland, Österreich, Frankreich dabei, die für den IS in den Krieg gezogen sind.  

SPIEGEL Sie haben im Bundestag und vor den Vereinten Nationen in New York gesprochen, damit die Taten an den Jesiden als Genozid anerkannt werden. Was ist Ihr Ziel? 

Tekkal: Ich will auf lange Sicht, dass die Täter vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden, ähnlich den Straftribunalen infolge der Genozide in Ruanda und Jugoslawien. Mehr als 57.000 IS-Anhänger sitzen in den Gefängnissen der sogenannten Demokratischen Kräfte Syriens. Ihnen könnte der Prozess gemacht werden, wenn sich die internationale Gemeinschaft einig wird. Ich will, dass darüber berichtet wird. Die ganze Welt soll erfahren, was dort passiert ist. Keiner soll so tun können, als sei das alles nicht passiert.  

SPIEGEL: Was erwartet die jesidische Gemeinschaft von diesem Prozess? 

Tekkal: Was diesen Frauen und Männern widerfahren ist, wird man nie kompensieren können. Das ist allen klar. Aber die Jesiden wollen nicht, dass man von ihnen als Opfer spricht. Sie sehen sich als Überlebende. Die Protagonistin aus meinem Film etwa, Najlaa Mato, wurde vom IS verschleppt und vergewaltigt, heute sagt sie: Ich bin nicht krank. Ich brauche keine Tabletten. Ich will Gerechtigkeit. Ich will meine Stimme erheben. Wenn ich überlebt habe, muss es einen Grund dafür geben. Der Prozess ist dafür ganz entscheidend. 

SPIEGEL: Wie viele jesidische Frauen sind im Moment noch in IS-Gefangenschaft? 

Tekkal: Es sind noch immer fast 3000 Frauen in der Hand des IS. Auch wenn immer behauptet wird, der IS sei besiegt: Das stimmt vielleicht, was die Territorien angeht. Aber die IS-Familien sind ja nicht verschwunden. Ihre Sklavinnen haben sie immer noch. Wir vermuten sie in Mossul, in Falludscha, aber auch außerhalb von Syrien dem Irak. Es werden auch immer wieder Frauen und Mädchen aus IS-Gefangenschaft befreit. Sie können sich ja vorstellen, was in der Seele eines Mädchens los ist, das die Hälfte seines Lebens in IS-Gefangenschaft war. 

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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