Neuer Streit am Ärmelkanal Französische Abgeordnete fordern Maßnahmen gegen britische Abwassereinleitungen

Immer wieder leitet Großbritannien Abwasser in die Nordsee ein, Dutzende Strände wurden deshalb gesperrt. Französische Politiker sorgen sich nun um die Wasserqualität in der Region – und pochen auf eine Reaktion der EU.
An dieser Mole nahe dem englischen Seaford soll Abwasser eingeleitet worden sein, Verfärbungen zeigen sich im Wasser (Foto vom 17. August)

An dieser Mole nahe dem englischen Seaford soll Abwasser eingeleitet worden sein, Verfärbungen zeigen sich im Wasser (Foto vom 17. August)

Foto: Dan Kitwood / Getty Images

Das britisch-französische Verhältnis ist historisch belastet – und hat sich seit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU kaum verbessert. Seit Jahren ringen beide Länder um Fischerei-Fangrechte im Ärmelkanal, zuletzt machten sich London und Paris gegenseitig für das sommerliche Reisechaos an den Fährterminals an der Meerenge verantwortlich.

Nun bahnt sich ein neuer Konflikt an, der direkt mit dem Wasser zu tun hat, das die beiden Staaten an der engsten Stelle des Ärmelkanals nur über eine Breite von 34 Kilometern trennt. Drei französische Europaabgeordnete aus der Partei des Präsidenten Emmanuel Macron werfen dem Nachbarland in einem Brief an EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius vor, durch die Einleitungen die Biodiversität und die Fischereiaktivitäten in dem gemeinsam genutzten Gewässer zu gefährden.

Das Problem der Abwassereinleitungen war in Großbritannien zuletzt wieder in den Fokus gerückt. Wie die BBC  berichtete, mussten in England und Wales in der vergangenen Woche Dutzende Strände gesperrt werden, nachdem ungeklärtes Abwasser abgelassen worden war. Anwohner hatten zudem berichtet , beim Schwimmen in dem teils stinkenden und dreckigen Wasser Exkremente entdeckt zu haben.

Kanalisationssystem bei Starkregen schnell überlastet

Heftige Regenfälle im Süden Großbritanniens hatten die Kanalisationen an ihre Grenzen gebracht. In weiten Teilen des Landes werden demnach Abwässer aus Haushalten, etwa von der Toilettenspülung, gemeinsam mit Regenwasser abgeleitet. Um das System zu entlasten, kann bei hohem Abwassereinkommen Wasser in Flüsse und ins Meer abgelassen werden.

Das Vereinigte Königreich »entziehe sich Umweltanforderungen«, die auch unabhängig vom Brexit gelten würden, schreiben die Abgeordneten der Fraktion Renew Europe, Pierre Karleskind, Nathalie Loiseau und Stéphanie Yon-Courtin in dem Brief. Sie beziehen sich etwa auf das nach dem Brexit ausgehandelte Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und Großbritannien sowie auf Seerechtskonventionen der Vereinten Nationen.

»Der Kanal und die Nordsee sind keine Müllhalde«

»Das Vereinigte Königreich hat sich dafür entschieden, seine Wasserqualitätsstandards zu senken«, monieren die Abgeordneten in dem Schreiben. »Das ist inakzeptabel und stellt die Anstrengungen der EU-Staaten in den vergangenen 20 Jahren infrage«. »Wir fordern die Kommission auf, alle politischen und rechtlichen Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, auszuschöpfen, um die Situation zu stoppen«, drängen die Politiker: »Der Kanal und die Nordsee sind keine Müllhalde«.

Versorgerverbände in Großbritannien sind sich der Lage bewusst und sprechen von einem »dringenden Problem«, das angegangen werden müsse. Dazu sollen bis 2025 drei Milliarden Pfund investiert werden. Ein Sprecher des britischen Umweltministeriums wies die Vorwürfe der französischen Abgeordneten indes zurück. Die eigenen Gesetze zum Gewässerschutz seien sogar noch strenger als in der EU. Die Frequenz und die Menge der Abflüsse müsse gemäß geltender Vorschriften in Echtzeit überwacht werden.

Doch an den Messungen hatte es zuletzt Zweifel gegeben. Eine Auswertung von Daten der Umweltbehörde Environment Agency durch die oppositionellen Liberaldemokraten hatte ergeben, dass die Überwachungsanlagen in vielen Fällen nicht oder nicht wie vorgesehen installiert sind.

fek
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