Attentat in Paris Die Rückkehr des Terrors

Die Pariser leiden unter Corona - nun kommt die Angst vor neuem Terror hinzu. Augenzeugen schildern die Gewalt in der Rue Nicolas Appert. Ein 18-Jähriger hat die Tat gestanden.
Von Britta Sandberg, Frankreich
Mit Maske und Waffe: Ein französischer Soldat am Tatort in Paris

Mit Maske und Waffe: Ein französischer Soldat am Tatort in Paris

Foto: Lewis Joly / AP

Es waren wieder dieselben Bilder wie im Januar 2015 - verwackelte Handyvideos, gefilmt aus Fenstern in den oberen Etagen der anliegenden Gebäude, die Verletzte zeigten, Polizisten und Feuerwehrleute. Sie zeigten auch Anwohner, aus dieser Perspektive klein wie Playmobilmännchen, die wegliefen oder ihre Läden und Restaurants verrammelten. Es war fast dieselbe Uhrzeit wie am 7. Januar 2015, als die Brüder Saïd und Chérif Kouachi  gegen 11.30 Uhr in die Redaktionsräume der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" eindrangen und innerhalb von fünf Minuten zehn Menschen erschossen.

Und bevor die Pariser an diesem Freitag wussten, wie viele Verletzte oder auch Tote es diesmal gab, bevor der Innenminister und der ermittelnde Staatsanwalt sich zu ersten Hintergründen der Tat äußerten, war das alte Trauma wieder da, die Angst vor dem Terror in der Stadt wieder präsent.

Nach bisherigem Erkenntnisstand wurde es ausgelöst von einem 18-jährigen Mann mit einer Axt, über den man bislang nur weiß, dass er wegen illegalen Waffenbesitzes in der Vergangenheit auffällig geworden ist. In den sogenannten Fichier S der französischen Geheimdienstbehörden, Listen, in denen radikalisierte Gefährder und mit dem Dschihad sympathisierende Franzosen geführt werden, scheint sein Name nicht aufzutauchen.

Warum also ging er, wie Augenzeugen berichten, irgendwann zwischen 11.30 Uhr und 11.45 Uhr am Freitagvormittag auf zwei Angestellte der Pariser Filmproduktionsfirma Premières Lignes los? Warum hatte er sich für diesen Anschlag ausgerechnet die Adresse 10, Rue Nicolas Appert im 11. Arrondissement ausgesucht, den ehemaligen Redaktionssitz von "Charlie Hebdo", den heute eine Freske mit den Gesichtern der toten Zeichner und Journalisten ziert?

Weil er es nicht aushielt, dass zurzeit in einem schwer gesicherten Justizgebäude am Rande der Stadt gegen die Täter und Mittäter des Anschlags auf "Charlie Hebdo" ein Prozess geführt wird? Bereits Anfang der Woche musste die Personalchefin der Zeitschrift ihre Wohnung verlassen und unter Polizeischutz gestellt werden, weil es massive Drohungen gegen sie gab.

An diesem Freitag traf es zwei Unbekannte, einen jungen Mann und eine junge Frau, die beide in der Produktionsabteilung der Agentur Premiéres Lignes arbeiten und für eine Zigarettenpause vor die Tür gegangen waren. Der Täter griff sie mit einer Stichwaffe an, Augenzeugen berichteten von einem brutalen Gemetzel, manche wollten ein Messer, andere eine Machete in den Händen des jungen Mannes gesehen haben. Letztendlich war es wohl eine Art Axt, so berichtete es zumindest Paul Moreira, Journalist bei Premières Lignes, dem Fernsehsender BFMTV.

DER SPIEGEL

Die Reflexe der Pariser Behörden im Umgang mit Terroranschlägen - atemberaubend routiniert

Umgehend wurden sieben Gymnasien, zwei Collèges und fünf Grundschulen in den anliegenden Vierteln geschlossen und von außen gesichert. Kein Schüler durfte mehr raus, Eltern wurden von den Bezirksbürgermeistern aufgefordert, ihre Kinder bis auf Weiteres nicht abzuholen. Im Rathaus des 11. Arrondissements, in dem der Anschlag stattfand, wurde eine psychologische Beratungsstelle für Anwohner eingerichtet. Die Reflexe der Pariser Behörden im Umgang mit Terroranschlägen sind inzwischen atemberaubend professionell und routiniert.

Premierminister Jean Castex begab sich wenig später in den Krisenstab im Innenministerium, anschließend besuchte er den Tatort und versicherte den Franzosen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Terror im eigenen Land zu bekämpfen. Präsident Emmanuel Macron verfolgte die Situation, umgeben von seinen engsten Mitarbeitern, im Elysée-Palast.

Der Prozess gegen die Urheber und Mittäter des "Charlie Hebdo"-Attentats wurde kurzfristig unterbrochen; Mitglieder der Redaktion setzten einen Tweet ab, in dem sie ihren ehemaligen Nachbarn und Kollegen ihre solidarische Unterstützung nach der niederträchtigen Tat versicherten. Nach wochenlangen Diskussionen über Maskenpflicht, Corona-Tests und die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie war auf einmal wieder eine überwunden geglaubte Gefahr sehr präsent, bedrohte der Terror erneut die Stadt.

Und die Tatsache, dass nach dem Angriff ein ganzes Viertel und ein halbes Dutzend Metro-Stationen vorsichtshalber abgesperrt beziehungsweise geschlossen wurden, dass Tausende Schüler in ihren Schulen festsaßen und Anwohner sich nicht mehr aus Geschäften und Wohnungen heraustrauten, hat in diesem Fall nichts Beruhigendes. Sie belegt nur, dass die Pariser jederzeit mit einem weiteren Schlag rechnen. 

Erst die Rückkehr der Pandemie, nun die Rückkehr des Terrors?

Paris hatte es nicht einfach in den vergangenen Wochen. Seit Anfang des Monats gilt eine Maskenpflicht im gesamten Stadtgebiet, trotzdem stiegen die Infiziertenzahlen unaufhörlich, am Donnerstag erreichten sie die neue Rekordzahl von über 16.000 Fällen innerhalb von 24 Stunden. Erste Pariser Krankenhäuser beginnen erneut, wieder Operationen und Routineeingriffe zu verschieben, so wie im Frühjahr, während des acht Wochen langen, strengen Shutdowns.

Am Donnerstag verkündete Gesundheitsminister Olivier Véran, Bars müssten in der Hauptstadt nach 22 Uhr schließen, auch die Sportklubs müssen erneut den Betrieb einstellen. Irgendwie hatte man schon da das Gefühl, es gehe alles wieder von vorne los. Am Donnerstag bezogen die Bewohner der Hauptstadt, die sich bisher erstaunlich gelassen, ja geradezu britisch-stoisch gezeigt hatten, das nur auf die Pandemie. An diesem Freitag gab es ein anderes, noch unheimlicheres Déjà-vu mit der Vergangenheit.

Die einzige gute Nachricht: Die beiden Opfer sind mittlerweile außer Lebensgefahr.