Nationalfeiertag in Frankreich  Der neue Macron ist einsichtig, demütig, kämpferisch

Präsident Macron spricht in einem Interview über den politischen Kurs für die verbleibenden 600 Tage seiner Amtszeit. Sie werden von Rettungsmaßnahmen für die französische Wirtschaft geprägt sein. 
Von Britta Sandberg, Paris
Präsident Macron bei der Militärparade am 14. Juli auf der Place de la Concorde

Präsident Macron bei der Militärparade am 14. Juli auf der Place de la Concorde

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Christophe Ena/ dpa

Es ist wenig normal in diesen Tagen und Wochen in Frankreich - und so war es auch die traditionelle Militärparade zum 14. Juli heute nicht. Zum ersten Mal seit 1979 fand die Parade nicht auf den Champs-Élysées, sondern an der Place de la Concorde statt. Erstmals nahmen an ihr medizinisches Pflegepersonal, Supermarktangestellte, Briefträger, Lehrer und Mitarbeiter der Müllentsorgung teil. All jene Helden also, die in den Wochen des Lockdowns nicht zu Hause geblieben, sondern weiterhin zur Arbeit gegangen waren. Sie sollten auf Wunsch des Präsidenten heute geehrt werden, als Teilnehmer und als Gäste der Parade.

Und so fotografierten sich auf der Tribüne Nantes am westlichen Ende der Place de la Concorde am Morgen Krankenschwestern in frisch gekauften Sommerkleidern gegenseitig vor Marinesoldaten. Angestellte des Zivilschutzes posierten stolz in ihrer Berufskleidung. Der bewegendste Moment der Zeremonie war diesmal keine Fliegerstaffel am Himmel über Paris, sondern der minutenlange Applaus für Frauen und Männer in weißen Kitteln, die zum Schluss selbst ganz gerührt neben einer überdimensionalen blau-weiß-roten Flagge vor dem Präsidenten standen.

Macron begrüßt Mitarbeiter des Gesundheitswesens auf der Place de la Concorde in Paris

Macron begrüßt Mitarbeiter des Gesundheitswesens auf der Place de la Concorde in Paris

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LUDOVIC MARIN/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Eineinhalb Stunden später saß Emmanuel Macron im Festsaal des Élyséepalasts, um ein ausführliches Live-Fernsehinterview zu geben - auch das war eine Premiere. Bisher hatte der Präsident das traditionelle 14.-Juli-TV-Interview, das Valéry Giscard d’Estaing einst eingeführt hatte, strikt abgelehnt. Es sei ihm zu oberflächlich, so hieß es aus dem Élysée.

Vielleicht war es ihm auch einfach zu lästig. Aber diesmal gab es viele Fragen an Macron, zu viele, um sie zu ignorieren. Die Wirtschaftszahlen für den Herbst sind niederschmetternd. Wie also sieht die Roadmap der Regierung ab September aus? Welche Wiederaufbaupläne hat sie für die am Boden liegende Wirtschaft? Warum musste der so beliebte Premier Édouard Philippe gehen? Und weshalb durfte Gérald Darmanin Innenminister bleiben, obwohl gegen ihn Vorwürfe wegen einer Vergewaltigung vorliegen? Über all das spekulierten die französischen Zeitungen seit Tagen.

100 zusätzliche Milliarden an Förderung

Seit heute Nachmittag haben sie Antworten, teilweise überraschend klare. Macron beschönigte nichts in dem über einstündigen Gespräch. "Wir haben harte Monate vor uns", sagte er. Ab Herbst sei mit 800.000 bis zu einer Million zusätzlichen Arbeitslosen in Frankreich zu rechnen, von diesen Zahlen gehe er aus. Deshalb sei die schon früh erklärte Koste-es-was-es-wolle-Strategie der Regierung zur Rettung der Wirtschaft nach wie vor legitim. Macron kündigte eine Vielzahl von Maßnahmen an, darunter einen Wiederaufbauplan von 100 Milliarden Euro neben den 460 Milliarden, die die Regierung schon vor Wochen zur Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie versprochen hatte.

"Ich bin mir sicher, dass wir dieses Land in den kommenden zehn Jahren verändern können", sagte er. Die Förderung von jungen Franzosen, die in diesem Jahr erstmals auf den Arbeitsmarkt drängen, werde absolute Priorität haben. Die Regierung will unter anderem 300.000 Arbeitsverträge für Berufseinsteiger subventionieren, ein System der langfristigen Kurzarbeit schaffen und Weiterbildungsmaßnahmen für 200.000 junge Franzosen möglich machen.

An der umstrittenen Rentenreform der Regierung will Macron festhalten, auch wenn es erst einmal um Beschäftigung gehen müsse in den kommenden Monaten. Aber die Reform sei sinnvoll, "weil ein universelles Punktesystem gerechter ist"; es komme gerade jenen zugute, die in der Coronakrise "in erster Reihe gekämpft haben". Das Rentendossier und seine Umsetzung habe er dem neuen Premierminister Jean Castex übertragen.

Dessen Fähigkeiten, mit Sozialpartnern, Gewerkschaften und Vertretern der Regionen umzugehen, lobte Macron ausdrücklich. Außerdem sei Castex bestens mit den Abläufen des politischen Systems vertraut. "Wir wollen unsere Methoden, den Weg, Dinge umzusetzen, ändern", erklärte er. Was wohl bedeutet, dass die Gespräche des neuen Premiers mit Verhandlungspartnern direkter, geräuschloser und effizienter ablaufen sollen als unter Édouard Philippe, mit dem Macron, wie die Zeitung "Le Parisien" heute berichtet, teilweise lange verhandeln musste, um zu einer gemeinsamen Linie zu kommen.

Castex gilt außerdem nicht als ein Politiker, der sich nur in Pariser Hauptstadtkreisen bewegt und auskennt. Er hört sich auch nicht an wie ein Hauptstadtpolitiker; erstmals sitzt im Amtssitz des Premiers ein Mann mit einem starken südfranzösischen Akzent. Das sorgt für Spott in Paris, aber für viel Sympathien im Rest des Landes.

"Ich verstehe die Wut"

Zu einer anderen neuen Personalie äußerte sich Macron nur kurz: Für Innenminister Gérald Darmanin gelte die Unschuldsvermutung trotz der gegen ihn vorliegenden Vergewaltigungsvorwürfe. "Ich verstehe die Wut", sagte Macron, "aber man kann keine noch so gerechte Sache verteidigen, in dem man Grundprinzipien unserer Demokratie ignoriert".

Viel Zeit ließ sich der Präsident, um seine neue Umweltpolitik zu erläutern: Er stellte ein Referendum für eine Verfassungsänderung zugunsten des Umweltschutzes in Aussicht, kündigte ein Programm zur umfangreichen Isolierung öffentlicher Gebäude an, den Ausbau von Bahnstrecken sowie die Förderung umweltfreundlicher Hybrid- und Elektroautos. Frankreich könne sich in ökologischer Hinsicht als Industrienation neu definieren, betonte Macron, und Materialien nicht mehr aus den entlegensten Ecken der Welt importieren, sondern im eigenen Land herstellen.

Jenseits aller Ankündigungen, zu denen auch jene gehörte, eine Maskenpflicht ab 1. August für alle öffentlichen Bereiche einzuführen und Polizisten mit Kameras auszurüsten, um Übergriffe besser nachvollziehen zu können, waren die leisen Töne des Gesprächs die interessantesten.

"Unser Land hat Angst vor sich selbst"

Ein einsichtiger, durchaus demütiger Präsident war da zu sehen und zu hören. Einer, der sich wohl ganz bewusst öffentlich Fragen stellte: Er habe zu Beginn seiner Amtszeit den Eindruck erweckt, er treibe Reformen voran, von denen die meisten Franzosen nicht profitieren würden, die nicht für sie gemacht seien, sondern nur für einige Privilegierte. Er habe Fehler begangen, zuweilen Dinge nicht genügend erklärt, weshalb es ihm auch nicht gelungen sei, die Franzosen zu einigen und miteinander zu versöhnen.

"Unser Land hat Angst, Angst vor sich selbst, wir erleben gerade eine große Vertrauenskrise, die Franzosen zweifeln ständig an sich selbst", sagte der Präsident. Er wolle das ändern. Jeder solle in dieser Republik seinen Weg machen können, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Religion, seiner Hautfarbe. Dafür stehe er ein. Emmanuel Macron bleiben nur noch 600 Tage, um dieses Versprechen einzulösen. Dann geht seine Amtszeit zu Ende. Die Perspektive, nicht mehr genügend Zeit zu haben, um zu handeln, ängstige Macron und treibe ihn gleichzeitig an, sagte heute einer seiner Vertrauten. Bisher allerdings war er immer eher gut, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand.

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