Gesetz gegen islamistische Radikalisierung Frankreichs erste Imamin wendet sich gegen Macron

Kahina Bahloul schmiss ihren Versicherungsjob, um gegen die Radikalisierung im Islam zu kämpfen – ein geplantes Gesetz von Präsident Emmanuel Macron könnte ihre Bemühungen nun zunichtemachen.
Kahina Bahloul: Erst Job in einer Versicherungsgesellschaft, dann Imamin

Kahina Bahloul: Erst Job in einer Versicherungsgesellschaft, dann Imamin

Foto: JOEL SAGET / AFP via Getty Images

Kahina Bahloul hat es eilig. Die erste Imamin Frankreichs ist sehr gefragt im Moment. Sie gilt in den nationalen Medien längst als Vorzeigemodell für einen modernen Islam, der mit den Werten der Republik vereinbar ist. Damit liegt sie eigentlich im Trend der Zeit.

Jetzt fühlt sie sich in ihrem eigenen Land ausgerechnet in einem Moment ausgegrenzt, in dem es um eine wichtige Reform geht, die sie unmittelbar betrifft.

Präsident Emmanuel Macron will mit einem neuen Gesetz gegen islamistische Radikalisierung kämpfen. Es soll helfen, Terrorattacken vorzubeugen, die das Land seit Jahren immer wieder erfassen.

»Macron ist sich offenbar der Konsequenzen dieser Maßnahme für uns Muslime nicht bewusst«

Kahina Bahloul

Der Entwurf für das »Gesetz zur Stärkung der Republik« soll an diesem Mittwoch im Ministerrat vorgestellt werden. Es sieht eine Reform der Organisation muslimischer Einrichtungen vor und ist gleichzeitig ein umstrittener Eingriff des Staates in die Privatsphäre. Muslimische Verbände und Moscheen im Land sollen besser kontrolliert und der Heimunterricht eingeschränkt werden. Ein Islamrat unter der Ägide des Kultusrates der französischen Muslime, »Conseil français du culte musulman« (CFCM), soll künftig für die Ausbildung der Imame zuständig sein.

Gesetz lässt liberale Strömungen außen vor

Genau dieser Punkt macht die Imamin wütend. »Macron ist sich offenbar der Konsequenzen dieser Maßnahme für uns Muslime nicht bewusst«, sagt sie. Der CFCM sei keineswegs repräsentativ für die Muslime Frankreichs und sei von der malikitischen Schule aus dem Maghreb und konservativen Strömungen aus der Türkei dominiert. Das habe mit einem Islam Frankreichs wenig zu tun. Die Wahl des CFCM beruhe auf einer »reinen Quadratmeter-Rechnung«, wer die größten Moscheen hat. Dabei werde übersehen, dass der Großteil der französischen Muslime gar nicht regelmäßig die Moscheen besucht. Liberale Strömungen würden nicht berücksichtigt. »Das ist eine Diskriminierung«, so Bahloul.

Sie braucht sich nicht lange zu fragen, was das für sie selbst bedeutet: »Der Islamrat wird eine Frau als Imam nicht anerkennen.«

In einem Punkt stimmt sie den Plänen zumindest zu: Es sei sicher sinnvoll, die schulische Ausbildung der Kinder besser zu kontrollieren, sagt Bahloul. Doch für die Überwachung der Moscheen und der Verbände bedürfe es keines eigenen Gesetzes. Schon die aktuellen Mittel des Rechtsstaates würden dafür ausreichen.

Sie selbst hatte den Kampf gegen den radikalen Islam von Beginn an zu ihrem Anliegen gemacht. Die Attentate von 2015 in Frankreich  hatten großen Einfluss auf ihre Entscheidung, Imamin zu werden.

Morde im Namen der Religion

Islamistischer Terror verfolgt sie seit ihrer Kindheit: Bahloul wurde im März 1979 in Paris geboren, wuchs in Algerien auf und studierte dort Jura. Ihre Kindheitserinnerungen sind geprägt vom algerischen Bürgerkrieg. Sie wandte sich eine Zeit lang vom Islam ab, als sie erfuhr, dass Menschen im Namen der Religion ermordet wurden.  

Als sie 2003 nach Paris zurückkehrte, arbeitete sie zunächst für eine französische Versicherungsgesellschaft. Aber dann kam das Attentat auf das Satireblatt »Charlie Hebdo« im Januar 2015: »Ich sagte mir, ich muss etwas tun«, so Bahloul.

Sie gründete gemeinsam mit Freunden einen Verband »Parle-moi d'Islam«. Schon damals war sie überzeugt, dass Terrorismus vor allem mit fehlendem Wissen zu tun habe: Der Kampf gegen Radikalismus müsse über die Bildung erfolgen. Statt Gesetze zu erlassen, schlägt sie vor, das Fach Religionsgeschichte in den Schulen einzuführen. Aber das stoße im laizistischen Frankreich auf ein Tabu.

Also nahm sie selbst ein Studium der Islamwissenschaften in Paris auf und wandte sich dem Sufismus zu. Die Arbeit für die Versicherung trat mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie den Job endgültig kündigte.

Dann machte die heute 41-Jährige eine Entdeckung, die ihr Leben veränderte: Sie las die Arbeiten von Sherin Khankan, der ersten Imamin Dänemarks, und von Amina Wadud in den USA. Sie hatte es bis dahin nicht für möglich gehalten, dass eine Frau Imam werden kann. Seit 2019 ist sie selbst Imamin, derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation über den Gelehrten Ibn Arabi aus dem 12. Jahrhundert.

»Du bist entweder für oder gegen Charlie«

Als der französische Lehrer Samuel Paty im Oktober 2020 von einem Islamisten enthauptete wurde, weil er im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, fühlte sich Bahloul brutal an den algerischen Bürgerkrieg erinnert.

Auch wenn sie selbst die Karikaturen nicht mag: Bahloul ist der Ansicht, dass solche Zeichnungen zur Tradition in Frankreich gehörten und man sie nicht verbieten dürfe. Gleichzeitig verstehe sie nicht, warum man auf diese Art von Abbildungen bestehe. Der Diskurs in Frankreich verlaufe ohne jegliche Nuancen, kritisiert sie: »Du bist entweder für oder gegen Charlie.« Der Vergleich mit Karikaturen von katholischen Würdenträgern stimme ihrer Meinung nach nicht ganz. Kritik müsse von innen kommen. Die Journalisten von »Charlie Hebdo« kamen aber aus einer christlich geprägten Kultur, selbst wenn sie selbst nicht religiös waren. Darum sei die Wahrnehmung eine andere.

DER SPIEGEL

Selbst Präsident Macron fehle es in seinen Diskursen zuweilen an Nuancen, meint Bahloul. Er habe nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty die Meinungsfreiheit in einer Rede verteidigt. Er betonte, dass Frankreich auch in Zukunft an den Karikaturen festhalte. Der Diskurs richtete sich an die französische Bevölkerung. Dabei habe er die Reaktionen im Ausland unterschätzt. »Ich war schockiert, als ich die Bilder von den gewalttätigen Demonstrationen in der arabischen Welt gegen den Präsidenten sah«, sagt Bahloul besorgt. Unter Präsident Jacques Chirac sei Frankreich in den arabischen Ländern als befreundete Nation wahrgenommen worden. Das habe sich geändert. Franzosen müssten heute in diesen Ländern um ihre Sicherheit fürchten.

Die moderate Imamin muss indes ihren eigenen Kampf um mehr Anerkennung allein weiterführen. Sie hat ein Projekt für eine Moschee mit dem Namen »Fatima«, in der Frauen gemeinsam mit Männern beten dürfen. Sie predigt jeden Freitag abwechseln mit einem männlichen Kollegen. Im Moment funktioniert das wegen Corona nur online. Ansonsten mietet sie Räume an, denn ihre Moschee verfügt über keine festen Räumlichkeiten. Dazu fehlen noch die Finanzen. Bahloul fühlt sich vom Staat im Stich gelassen – und sie hat wenig Hoffnung, dass sich daran bald etwas ändert.

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