Französische Rabbinerin über Antisemitismus "Generalprobe für immense Gewalt"

Fast überall in Europa nehmen Übergriffe gegen Juden zu. Die Rabbinerin Delphine Horvilleur rät Mitgliedern ihrer Gemeinde in Paris: Tragt keine Kippa in der Öffentlichkeit.
Ein Interview von Petra Truckendanner
Emmanuel Macron beim Besuch eines jüdischen Friedhofs nahe Straßburg

Emmanuel Macron beim Besuch eines jüdischen Friedhofs nahe Straßburg

Foto: POOL New/ REUTERS

Delphine Horvilleur ist eine liberale Jüdin unter den mehrheitlich orthodoxen Rabbinern Frankreichs, die Frauen in dieser Funktion bis heute nicht anerkennen. Sie rüttelt mit ihrer modernen Auffassung der Religion an jüdischen Traditionen und verpackt ernste Fragen gern in Humor. Nach dem Gespräch wird sie in einem prall gefüllten Kinosaal Auszüge aus dem babylonischen Talmud interpretieren. Es wird um die Golem-Legende gehen, aber auch um Superman und Magneto bei den "X-Men". All diese Helden, sagt Horvilleur, seien Schöpfungen von Juden. "Denn wenn Gott den Juden in schweren Zeiten nicht beisteht, dann muss eben ein Superheld die Arbeit übernehmen."

Zur Person
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Bertrand Guay/ AFP

Delphine Horvilleur, 45, ist eine von vier weiblichen Rabbinern in Frankreich. Ihr neues Buch "Überlegungen zur Frage des Antisemitismus" ist gerade auf Deutsch erschienen. Darin versucht sie dem Hass auf die Juden in religiösen Texten auf die Spur zu kommen.

Die Sehnsucht nach Schutz und Sicherheit ist heute wieder allzu präsent. Weltweit nimmt der Antisemitismus zu, auch in Frankreich, wo die größte jüdische Gemeinschaft Europas lebt. Hier sind antisemitische Übergriffe 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 74 Prozent angestiegen - mehr als ein Drittel der französischen Juden fühlt sich im Alltag bedroht.

SPIEGEL: Madame la Rabbin, woher kommt der zunehmende Antisemitismus? 

Horvilleur: Die Zahlen sind furchtbar, aber sie überraschen mich nicht. Die Abnormalität ist zur Normalität geworden. Wir haben die Bedrohung längst im Alltag integriert. Ich spüre das gleich zweifach: Als Rabbinerin erinnere ich die Menschen in meiner Synagoge regelmäßig daran, ihre Kippa abzunehmen, sobald sie das Gebäude verlassen, und sage ihnen, keine Gruppen zu bilden. Wir haben einen eigenen Sicherheitsdienst. Als Mutter ertappe ich mich oft dabei, dass ich meine Töchter ermahne, leiser zu sprechen, wenn wir mit dem Taxi zur Synagoge fahren. Ich habe meinen Kindern eingetrichtert, nie vor Unbekannten ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft zu erwähnen. Man kann nie wissen, an wen man gerät und welche Reaktion das auslöst. 

SPIEGEL: Sie sagen in ihrem Buch, Antisemitismus gehe einher mit Frauenhass. Wie erklären sie sich dann den Antisemitismus der Frauen?

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