Schulen, Nahverkehr, Atomkraftwerke Raffineriestreiks in Frankreich weiten sich aus

Seit drei Wochen werden in Frankreich die Raffinerien bestreikt, nun haben sich weitere Beschäftigte dem Ausstand angeschlossen. Die AKW-Betreiber warnen schon vor streikbedingten Blackouts im Winter.
Protestveranstaltung in Paris

Protestveranstaltung in Paris

Foto: ALAIN JOCARD / AFP

Die seit etwa drei Wochen andauernden Streiks an französischen Raffinerien haben sich am Dienstag auf die Eisenbahn, den Pariser Nahverkehr und weitere Branchen ausgeweitet. Auch Gymnasien, Berufsschulen, Atomkraftwerke und ein Elektrizitätswerk waren betroffen. Zehntausende Menschen gingen im ganzen Land auf die Straße. Während das Innenministerium von 107.000 Teilnehmern an Demonstrationen im ganzen Land sprach, bezifferte die Gewerkschaft die Zahl auf fast 300.000.

Mehrere Gewerkschaften und linke Oppositionspolitiker hatten zu den Protesten gegen hohe Preise und die geplante Rentenreform aufgerufen. In zahlreichen Städten gingen Menschen auf die Straße.

Unter anderem bewegte sich am Nachmittag ein Protestzug in Paris, am Rande kam es zu Ausschreitungen. Schwarz gekleidete Demonstrierende schlugen Schaufenster ein und zielten mit Wurfgeschossen auf die Sicherheitskräfte. Laut Innenministerium wurden elf Beteiligte festgenommen, neun Polizisten seien verletzt worden. In Marseille beteiligten sich nach Angaben der Polizei etwa 2200 Menschen an einer Demonstration, in Straßburg waren es 1100. Insgesamt waren im Land etwa 150 Protestveranstaltungen geplant.

Bei der Bahn fielen in erster Linie Regionalzüge aus. In Paris waren vor allem Busse und einige der Vorortzüge betroffen. Viele Menschen, die von zu Hause arbeiten können, verzichteten am Dienstag auf die Fahrt an den Arbeitsplatz.

Die Gewerkschaften ließen zunächst offen, ob sie den Streik verlängern wollten. »Das entscheiden die Beschäftigten«, sagte CGT-Gewerkschaftsführer Philippe Martinez. Viele Franzosen sorgen sich angesichts der am Freitag beginnenden Schulferien um ihre geplanten Reisen.

AKW-Stromproduktion unter historischem Tiefstand

Auch aufgrund der Streiks an Atomkraftwerken könnte nach Ansicht des Netzbetreibers RTE die Stromversorgung im Winter gefährdet sein. Die derzeitigen Proteste von Beschäftigten an Atomkraftwerken führten dazu, dass das Hochfahren mehrerer Reaktoren sich um je zwei bis drei Wochen verzögere, warnte der Netzbetreiber RTE am Dienstag in Paris. Anfang November sei mit einer niedrigeren Produktion zu rechnen als bislang angenommen. Derzeit liege die Produktion der französischen Atomreaktoren bei etwa 30 Gigawatt, das seien acht Gigawatt weniger als der bisherige historische Tiefstand, teilte RTE mit. Insgesamt liegt die Kapazität des französischen Atomparks bei etwa 61 Gigawatt.

Wegen der anhaltenden Probleme mit Atomkraftwerken, die wegen Wartungsarbeiten oder Korrosionsschäden heruntergefahren werden mussten, liefert Deutschland diesen Winter zusätzlichen Strom nach Frankreich und erhält im Gegenzug Gas aus dem Nachbarland.

Der Netzbetreiber rechnet für den kommenden Winter mit mehreren kritischen Momenten. Diese könnten zu den Hauptverbrauchszeiten am Vormittag oder zwischen 18 und 20 Uhr entstehen. »Das Risiko eines Stromausfalls kann vermieden werden, wenn der Stromverbrauch um ein bis fünf Prozent und im Extremfall um bis zu 15 Prozent reduziert wird«, betonte RTE.

Raffinerien werden weiter bestreikt

Unterdessen hält auch der Streik an vier Raffinerien von TotalEnergies und mehreren Treibstofflagern weiter an. Regierungssprecher Olivier Véran sagte, dass die Regierung weiterhin Personal zum Dienst verpflichten wolle. Nach den Worten von Premierministerin Élisabeth Borne haben derzeit rund 30 Prozent der Tankstellen Versorgungsprobleme bei mindestens einer Treibstoffart. Dies sei »zu viel«.

sol/AFP
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