Pandemie in Paris »Die Franzosen sind widerspenstige Gallier«

Frankreich steckt mitten im dritten Lockdown. Präsident Macron hat für Mai zumindest die Wiedereröffnung der Cafés und Bistros versprochen – unter Bedingungen. Kann das klappen?
Aus Paris berichtet Petra Truckendanner
Literatentreffpunkt Café de Flore

Literatentreffpunkt Café de Flore

Foto: Kiran Ridley / Getty Images

Emmanuel Macron hat vor Ostern einen neuen, landesweiten Lockdown verhängt. Aber der französische Präsident weiß, wie groß die Müdigkeit in der Bevölkerung nach einem Jahr Corona ist. Und er weiß, dass die Menschen Perspektiven brauchen.

Darum hat Macron gleichzeitig mit den Restriktionen die Öffnung des Kulturbetriebs und der Terrassen ab Mitte Mai angekündigt. Es sei wichtig, die französische Lebenskultur wiederzufinden und die »Cafés, die wir so sehr lieben«, sagte er.

»Ich fürchte, dass diesen Sommer nur die Alten reisen dürfen.«

Louise Guerder, Unternehmerin in Paris

»Ich würde viel dafür geben, endlich wieder ins Café zu dürfen«, sagt Louise Guerder, 37. Die Unternehmerin steht vor dem Restaurant Aux Petits Oignons im 20. Pariser Arrondissement. Das hübsche Bistro, das gelegentlich als Filmkulisse gedient hat, ist an diesem Tag geschlossen. Sie wagt keine großen Pläne: »Ich fürchte, dass diesen Sommer nur die Alten reisen dürfen.«

Louise Guerder vor dem Restaurant Aux Petits Oignons: Viele Bistros könnten die Krise nicht überleben

Louise Guerder vor dem Restaurant Aux Petits Oignons: Viele Bistros könnten die Krise nicht überleben

Foto: DER SPIEGEL

Digitales Coronazertifikat und Test-Konzerte

Reisen, Restaurants und Konzertbesuche ab Mai – all das scheint momentan nicht realistisch, zumal die Coronazahlen weiter steigen. Die Regierung arbeitet deshalb schon seit Wochen an einer Reihe von Maßnahmen, die das ermöglichen sollen.

Manches davon ist bereits Realität, zumindest in der Privatwirtschaft: Air France testet seit 11. März einen digitalen Coronanachweis. Der »AOK-Pass« gilt für Flüge von Paris nach Gouadeloupe und Martinique und mittlerweile auch nach Los Angeles und San Francisco. Wer diese App nutzt und sich von einem Partnerlabor der Fluggesellschaft testen lässt, gilt als prioritär beim Sicherheitscheck und beim Boarding.

Auch der Kultursektor trifft Vorbereitungen: Im April und im Mai sollen Test-Konzerte unter strengen Coronaregeln in Paris und in Marseille mit jeweils 5000 und 2000 Gästen stattfinden. Das Datum könnte je nach Lage noch nach hinten verschoben werden.

AOK-Pass von Air France: Wer die App nutzt, darf früher ins Flugzeug

AOK-Pass von Air France: Wer die App nutzt, darf früher ins Flugzeug

Foto: Air France

Viele Franzosen sind skeptisch, ob die Terrassen tatsächlich ab Mitte Mai öffnen können. Der Zugang wird unter bestimmten Auflagen möglich sein, die noch nicht definitiv feststehen. Wer künftig ins Restaurant will, muss voraussichtlich einen QR-Code am Eingang scannen, um sich auszuweisen. Das soll mit der bereits bestehenden Covid-Warn-App TousAntiCovid funktionieren, die bereits von rund 13 Millionen Franzosen benutzt wird. Sobald ein anderer Gast positiv getestet wird, erhält man eine Nachricht. Wer kein Handy hat, kann, wie schon zuvor, seinen Namen und seine Telefonnummer auf einer Liste eintragen.

Unklar ist, wie die Franzosen die Maßnahme aufnehmen werden: Louise Guerder hält nicht viel von der Idee. Sie findet, dass ein Bistrobesuch spontan bleiben müsse. So ein Code am Eingang wirke da störend.

»Mich kennt hier ohnehin jeder«, sagt Bernard Delpierre, 75. Er steht mit einem Rosé im Pappbecher vor seinem Stammbistro La Nouvelle Etoile. Wenige Tage später wird er sich mit einem Kaffee begnügen müssen. Seit Samstag, dem 3. April ist Alkoholkonsum auf offener Straße verboten. Er zeigt stolz seine Covid-Impfbestätigung, die er immer bei sich trägt. Er werde sich auf keinen Fall mit irgendwelchen QR-Codes herumschlagen und glaube, dass die meisten Franzosen schon aus Prinzip dagegen sein würden, weil sie sich gegen jede Art von Autorität auflehnten. Selbst der Gewerkschafter Hubert Jan ist skeptisch. Es werde zumindest am Anfang Probleme geben, sagt er. Und fügt hinzu: »Die Franzosen sind widerspenstige Gallier.«

Bernard Delpierre: »Mich kennt hier jeder«

Bernard Delpierre: »Mich kennt hier jeder«

Foto: Petra Truckendanner / DER SPIEGEL

»Wer soll das alles überprüfen?«, fragt sich auch Eduardo Cardoso Scarabel, Chef der Brasserie Le Charlot in der Rue de Bretagne in Paris. Keiner seiner Mitarbeiter habe Lust, den Gendarmen zu spielen. Viele Pariser hatten schon gezögert, als sie ihre Handynummer und ihre E-Mail-Adresse beim Essen hinterlegen mussten. Er wisse genau, dass einige Gäste geschummelt und falsche Angaben gemacht hätten. Es sei zudem schwer vorstellbar, einen Gast abzuweisen, der den Code nicht scannen wolle.

Die Wiedereröffnung der Restaurants wird auch aus wirtschaftlicher Sicht immer dringender. Selbst wenn die Bistros im Mai tatsächlich wieder öffnen, könnte es ein böses Erwachen geben. Laut einer Schätzung werden 40 Prozent der Restaurants und Bistros die Krise nicht überleben.

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