Streit um Politikerin mit Hijab Mit Schleier keine Französin?

Ist Wahlkampf mit Kopftuch gegen die Werte der Republik? In Frankreich machen Rechtsnationalisten erneut Stimmung gegen Muslime. Eine junge Politikerin in Macrons Partei trägt weiter Hijab.
DER SPIEGEL

Die 26-Jährige Sara Zemmahi macht Wahlkampf im südfranzösischen Montpellier – und das mit ihrem Hijab. Hier im Viertel La Mosson leben viele muslimische Immigranten mit niedrigem Einkommen. Das Kopftuch trug Zemmahi bereits auf einem Foto im Werbeflyer neben drei weiteren Kandidaten für Präsident Macrons Partei La République en Marche. Dadurch entbrannte in Frankreich eine neue Debatte über Identität.

Sara Zemmahi, Politikerin: »Für uns vier war das kein Thema. Wir haben uns nicht gefragt, ob ich einen Hijab tragen sollten oder nicht. Wir sind hier für die Kampagne »Anders aber gemeinsam für euch«. Ich bin nicht die Sprecherin einer religiösen Sache.«

Jordan Bardella, der Vize von Rechtsnationalistin Marine Le Pen, hatte vor einem Monat mit einem Tweet provoziert. Darin hatte er das Foto von Zemmahi aufgegriffen mit dem Vorwurf, Macrons Partei würde sich nicht genug gegen islamische Separatisten und für die säkularen Werte der Nation einsetzen. Macrons République en Marche reagierte kurz darauf mit einem Tweet von Parteigeneralsekretär Stanislas Guerini: Obwohl das Tragen eines Kopftuchs während einer Wahlkampagne nicht gegen französisches Recht verstoße, wurde Zemmahi und ihren Mitstreitern die Unterstützung der Partei entzogen.

Roland Lescure, Parteisprecher La République en Marche: »In dem Moment, wo man auf einem Kampagnenposter demonstrativ ein religiöses Symbol zeigt, egal ob Kippa, Kreuz oder Schleier, wird es zu einem politischen Akt. Der religiöse Glaube wird auf politischem Material ausgestellt. Ich bevorzuge, dass unsere Kandidaten und gewählten Vertreter alle Bürger ansprechen.«

Macrons Partei ist in der Frage gespalten. Sara Zemmahis Kampagnen-Kollege Mahfoud Benali, der auf Listenplatz 1 kandidiert, steht hinter ihr. Das Foto der Kampagne würde die lokale Demografie widerspiegeln.

Mahfoud Benali, Politiker: »Die Republik steht für die weibliche Emanzipation, und wir müssen aufhören, für Frauen zu entscheiden. Sara ist eine freie Frau, sie kann in ihrem Leben tun, was sie möchte.«

Sara Zemmahi will nicht aufgeben. Sie und ihre drei Mitstreiter auf dem Foto treten nun unabhängig von Macrons Partei in Montpellier an. Zemmahi setzt nun auf die Regionalwahlen am 20. Juni. Schließlich wurde sie in ihrer Nachbarschaft geboren und hofft auf die Unterstützung vor Ort.

Sara Zemmahi, Politikerin: »Ich möchte jungen Menschen bei ihrer Schullaufbahn helfen. Und ich kämpfe gegen jede Form von Diskriminierung, für gleiche Rechte für jeden. Alle sollen die Möglichkeit haben, zu tun was sie möchten.«

Muslime bilden nach den Katholiken die zweitgrößte religiöse Gruppe in Frankreich. Vertreter einer strengen Trennung von Kirche und Staat sehen das Kopftuch als ein Symbol der Politisierung des Islam und der Unterwerfung der französischen Identität – ein Thema, das im Wahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr zentral sein könnte. Denn: Die Rechtsnationalistin Le Pen wird wohl erneut Macrons stärkste Gegnerin sein.

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