Anzeigen nach sexueller Gewalt in Frankreich Raus aus dem Schmerz

Sie suchten nach einer Vergewaltigung Hilfe und wurden von der Polizei ausgelacht oder weggeschickt: Seit Wochen kritisieren Tausende französische Frauen solche Strukturen. Jetzt reagiert die Politik.
Ein Interview von Jan Petter
Feministinnen der Gruppe #NousToutes demonstrieren im Juli 2020 gegen die Ernennung des umstrittenen Innenministers Gérald Darmanin

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Foto: François Goudier / Gamma-Rapho / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Das Erdbeben begann am 28. September 2021 um 12.09 Uhr mittags. Ein kurzer Tweet: »Auf der zentralen Polizeiwache von Montpellier fragt man Vergewaltigungsopfer, ob sie es genossen haben.« Noch in derselben Minute folgt eine weitere Nachricht: »Auf der zentralen Polizeiwache von Montpellier erklärt man Vergewaltigungsopfern, dass eine Person, die getrunken hat, zwangsläufig zugestimmt hat.«

In diesem Stil ging es weiter, in mehreren Nachrichten wurde beschrieben, was Frauen erleiden mussten, die sich an die Polizei der südfranzösischen Stadt gewandt hatten. Jede Nachricht erhielt Tausende Likes. Wenige Stunden später bekamen die Berichte einen eigenen Hashtag: #doublepeine – doppelter Schmerz. Er soll beschreiben, was Frauen widerfährt, die erst Opfer sexueller Gewalt wurden und dann noch einmal von der Polizei gedemütigt wurden.

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Die Initiatorin des Hashtags, Anna Toumazoff, ist in Frankreich keine Unbekannte. In der Vergangenheit initiierte sie immer wieder Onlinekampagnen gegen Belästigung und Sexismus. Doch dieses Mal, sagt Toumazoff selbst, habe sie wohl einen Nerv getroffen, etwas angesprochen, das viele Französinnen berühre.

Bereits im Frühjahr befragte das Bündnis »Nous Toutes« (»Wir alle«) Opfer sexueller Gewalt nach ihren Erfahrungen mit der Polizei. 97 Prozent der 3500 Rückmeldungen kamen von Frauen. Zwei Drittel von ihnen erklärten, sie hätten das Gefühl, von den Beamten nicht angemessen behandelt worden zu sein. »Sie berichteten von Relativierungen der Taten bis hin zur Weigerung, überhaupt eine Anzeige aufzunehmen«, sagt Maëlle Noir, Mitinitiatorin des Bündnisses. »Die französische Polizei ist immer noch eine zutiefst patriarchale Organisation.«

#doublepeine-Initiatorin Anna Toumazoff glaubt, dass sich dennoch etwas ändern könnte. Auch, wenn sie selbst mit juristischen Schritten bedroht wurde.

Zur Person
Foto: Aurelie Ladet / picture alliance/dpa/MAXPPP

Die französisische Feministin Anna Toumazoff, geboren 1995, engagiert sich seit ihrem Studium für die Rechte von Frauen. Nach der Gründung einer lokalen Gruppe wurde sie schließlich mit ihrer Instagram-Seite bekannt. Seitdem startete sie Kampagnen gegen Übergriffe beim Fahrdienst Uber und an französischen Hochschulen. Sie selbst bezeichnet sich als feministische Influencerin.

SPIEGEL: Sie haben vor einem Monat die ersten Tweets über die Situation auf dem zentralen Polizeirevier in Montpellier veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Anna Toumazoff: Ich wurde im September von einer Bekannten angeschrieben und gefragt, ob ich ihrer 19-jährigen Freundin helfen könnte. Sie wurde spätabends nach einer Party von einem Mann nach Haus gebracht, dort überwältigt und vergewaltigt. Als sie zur Polizei ging, stellte man ihr all diese Fragen: Ob sie es nicht gewollt habe, wenn sie betrunken gewesen sei. Ob sie nicht etwas erfinde. Und ob sie es nicht auch genossen habe. Drei Wochen später erfuhr sie dann, dass es noch nicht einmal Ermittlungen gab. Ich war unsicher, was ich für sie tun konnte. Also veröffentlichte ich ihre Geschichte auf Instagram, um ein Zeichen zu setzen. Seitdem werde ich mit Nachrichten überschüttet. Es waren bereits am ersten Tag so viele Berichte, dass ich beschloss, auch auf Twitter darüber zu schreiben und die Verantwortlichen direkt zu benennen. Ich wollte, dass ihre Geschichten nicht in meinem Postfach verschwinden. Zu viele Frauen haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

»Die französische Polizei ist immer noch eine zutiefst patriarchale Organisation.«

Maëlle Noir, Mitinitiatorin des Bündnisses »Nous Toutes«

SPIEGEL: Sie haben danach viel Zuspruch erfahren, aber auch harte Kritik von Polizeigewerkschaftern und konservativen Politikern. Hat Sie das überrascht?

Toumazoff: Nein, das ist leider die übliche Reaktion. Die französische Polizei kämpft nicht für die vergewaltigten Frauen, sondern um ihren guten Ruf. Gleichzeitig wäre unser Protest vermutlich niemals so sichtbar geworden, hätten lokale Politiker nicht uns beschimpft, sondern die Täter. Der Präfekt der Region veröffentlichte noch am Tag meines ersten Tweets ein Statement. Darin wies er alle Vorwürfe zurück und sprach von Verleumdung und Lügen. Er nannte meinen Namen, drohte mir auf offiziellem Papier sogar mit juristischen Schritten. Das spricht Bände. Diese Menschen verstehen nicht, worum es geht. Ich bin nicht gegen die Polizei. Ich fordere aber, dass sie sich verändert. Mit ihrer Reaktion beschämen Politiker und Polizisten sich nur selbst.

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin kündigte vor wenigen Tagen an, mutmaßlichen Vergewaltigungsopfern eine Aussage zu Hause anbieten zu wollen – die Initiatorinnen von #doublepeine halten davon wenig

Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin kündigte vor wenigen Tagen an, mutmaßlichen Vergewaltigungsopfern eine Aussage zu Hause anbieten zu wollen – die Initiatorinnen von #doublepeine halten davon wenig

Foto: Vincent Isore / imago images/IP3press

SPIEGEL: Auf der Internetseite doublepeine.fr  können mutmaßliche Betroffene seit einigen Wochen von ihren Erlebnissen berichten.

Toumazoff: Das Feedback hat uns völlig überwältigt. Vor zwei Wochen waren es wohl bereits um die 5000 Berichte, nur auf der Webseite. Wie viele seitdem dazukamen, kann ich nicht sagen. Ich habe gerade keine Zeit dafür. Es dürften aber Tausende gewesen sein.

SPIEGEL: Gibt es etwas, das die Frauen verbindet?

Toumazoff: Fast alle berichten davon, dass sie nicht nur nicht ernst genommen, sondern auch gedemütigt wurden. So unterschiedlich die Geschichten sind, das verbindet fast alle. Selbst 40-jährige oder 50-jährige Frauen wurden gefragt, ob sie nicht in Wahrheit Spaß hatten bei ihrer Vergewaltigung. Oft wird ihnen auch noch unterstellt, zu lügen. Was soll man da noch sagen? Das zeigt, dass wir ein grundlegendes Problem haben.

SPIEGEL: Innenminister Gérald Darmanin scheint inzwischen die Dringlichkeit des Themas verstanden zu haben. Er hat kürzlich angekündigt, dass Betroffene in Zukunft auch zu Hause Anzeige erstatten können und die Beamten sie dort besuchen. Ist das der richtige Schritt?

Toumazoff: Auf gar keinen Fall. Wenn die Polizei jetzt schon so ein fehlendes Bewusstsein hat, wie soll es dann besser werden, wenn sie die Frauen zu Hause aufsuchen? Das ist für viele nicht nur der Tatort, sondern auch der letzte Rückzugsraum. Unsensible Polizisten sind hier keine Hilfe.

Wütende Frauen: Protest beim Internationalen Frauentag 2021 in Toulouse

Wütende Frauen: Protest beim Internationalen Frauentag 2021 in Toulouse

Foto: Alain Pitton / NurPhoto / Getty Images

SPIEGEL: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?

Toumazoff: Wir brauchen mehr Unterstützung für die Betroffenen. Schätzungen zufolge wird nur jede zehnte Vergewaltigung zur Anzeige gebracht. Wir fordern, dass Anwältinnen und Anwälte die Betroffene direkt zur Polizei begleiten und dort auch beraten dürfen. Bei der Sicherung von Beweisen, beim Beschreiben der Tat. Sie sollen nicht allein sein.

Außerdem müssen wir sicherstellen, dass die Polizei die Taten überhaupt ernst nimmt. Wir haben viele Berichte, bei denen die Frauen wieder weggeschickt wurden. Dabei muss eine Vergewaltigung möglichst schnell medizinisch dokumentiert werden, um sie verfolgen zu können. Das ist laut Artikel 15.3 unseres Strafgesetzbuchs auch ein Grundrecht. Um das durchzusetzen, fordern wir unangekündigte Kontrollen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer in Frankreich muss damit rechnen, dass seine Arbeit regelmäßig überprüft wird. Warum gilt das nicht auch für die Polizei?

SPIEGEL: Sie haben bereits in der Vergangenheit Kampagnen gegen Sexismus an Hochschulen und in Sammeltaxis veröffentlicht, Ihrer Instagram-Seite »memespourcoolkidsfeministes« folgen mittlerweile 153.000 Menschen. Vor zwei Jahren gab es die »Nous Toutes«-Proteste. Warum glauben Sie, dass sich dieses Mal etwas ändern könnte?

Toumazoff: Die Verantwortlichen haben erkannt, dass sie die Proteste nicht mehr aussitzen können. Élisabeth Moreno, die Gleichstellungsministerin von Präsident Emmanuel Macron, hat sich am Wochenende mit unseren Anwältinnen getroffen. Zuvor hatten bereits mehr als 100 Juristinnen und Juristen öffentlich Veränderungen gefordert. Unsere Vorschläge sind bekannt. Jetzt ist es an der Regierung, dass sich etwas verändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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