Frankreich in der Coronakrise Aufruhr in den Banlieues

Wurfgeschosse, Tränengas - nach fünf Wochen Ausgangssperre wegen Corona brechen in den Pariser Vorstädten Unruhen aus. Die Krawalle könnten sich auf das ganze Land ausbreiten.
Brennender Müllcontainer in Villeneuve-la-Garenne: Schon ein kleiner Zwischenfall reicht als Auslöser

Brennender Müllcontainer in Villeneuve-la-Garenne: Schon ein kleiner Zwischenfall reicht als Auslöser

Foto: GEOFFROY VAN DER HASSELT / AFP

Brennende Autos, Polizisten, die mit Wurfgeschossen attackiert werden, und Schwaden von Tränengas - Bilder, die an vorangegangene Vorstadtkrawalle erinnern. In den Pariser Randgebieten sind wieder Unruhen ausgebrochen, mitten in der Ausgangssperre wegen der Corona-Epidemie.

Wie schon so oft, reicht ein kleiner Zwischenfall aus: Im Vorort Villeneuve-la-Garenne war am Samstag ein Motorradfahrer gegen die geöffnete Tür eines Polizeiwagens geprallt und schwer am Bein verletzt worden. Laut Polizei soll der Mann zu schnell auf einem nicht zugelassenen Fahrzeug unterwegs gewesen sein, einen Helm habe er auch nicht getragen. Noch wird untersucht, wie es genau zu dem Unfall kam. Zeugen berichteten, die Beamten hätten die Tür absichtlich geöffnet, um den Mann zu Fall zu bringen.

Darauf wurden Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern beworfen, die Polizei setzte Tränengas ein. Es scheint, als ob sich ein Überdruck entlade, der sich in fünf Wochen Ausgangssperre aufgebaut hat. Die Unruhen griffen schnell in die benachbarten Gemeinden über, nach Clichy-la-Garenne und Nanterre. Auch in den sozialen Brennpunkten Aulnay-sous-Bois und Saint-Denis kam es zu Zwischenfällen, bisher gab es aber noch keine Schwerverletzten. In Gennevilliers ging sogar eine Schule in Flammen auf, konnte aber schnell gelöscht werden. 

Über den Motorradfahrer gab die Staatsanwaltschaft von Nanterre bekannt, er habe 14 Vorstrafen, unter anderem wegen Drogendelikten und Gewalttätigkeit. Dreimal wurde er auch schon verwarnt, weil er gegen die Ausgangssperre verstoßen hatte. In den sozialen Netzwerken allerdings wurde Kritik am Vorgehen der Polizei laut. Ein Ermittlungsverfahren ist eingeleitet. Der verletzte Motorradfahrer wendete sich vom Krankenhausbett an die Randalierer: "Ich habe von den Krawallen gehört. Ihr habt Autos zerstört und verbrannt. Ich rufe euch dazu auf, nach Hause zu gehen und euch zu beruhigen. Die Justiz wird die Angelegenheit regeln."

Bisher hatten sich die streikerprobten Franzosen während der Ausgangssperre ungewöhnlich diszipliniert an die Vorgaben der Regierung gehalten. Doch treffen diese die Bewohner der sozial schwachen Vorstädte von Paris besonders hart. Dort wohnen sie auf engstem Raum zusammen. Der konservative "Figaro" titelt: "Angst vor einer Feuersbrunst." Die linke Tageszeitung "Libération" warnt: "Eine Revolte bahnt sich an." 

Die Pariser Polizeipräfektur versucht nun zu beschwichtigen: "Die Einsatzkräfte haben die Situation unter Kontrolle." Doch an den sozialen Brennpunkten um Straßburg, Lyon und Toulouse gab es bereits neue Zusammenstöße. Polizeigewerkschafter erklärten, dass sie sich vor "schwierigen Nächten" fürchten.

Die Unruhen erinnern an das Jahr 2005, als es in den Banlieues landesweit zu Straßenschlachten kam. Am 27. Oktober 2005 waren nach dem tragischen Tod zweier Jugendlicher Krawalle ausgebrochen. Die beiden hatten sich auf der Flucht vor der Polizei in Clichy-sous-Bois in einem Transformatorenhäuschen versteckt und waren durch Stromschläge umgekommen. Damals dauerten die Unruhen drei Wochen und griffen auf mehr als 300 Gemeinden über.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.