Frankreich vs. islamische Welt Macron und die Welle des Zorns

Nach dem Attentat auf einen Lehrer äußerte sich Frankreichs Präsident kritisch über den Islam und verteidigte Mohammed-Karikaturen. Viele Muslime fühlen sich provoziert und rufen zum Boykott - allen voran Erdoğan.
Von Christina Hebel, Raniah Salloum und Petra Truckendanner Moskau, Berlin und Paris
Protest gegen Macron und Frankreich in Bangladesch: Weltweite Boykottaufrufe

Protest gegen Macron und Frankreich in Bangladesch: Weltweite Boykottaufrufe

Foto: Sazzad Hossain / ZUMA PRESS / IMAGO

Es ist eine regelrechte Welle des Zorns, die sich in Teilen der islamischen Welt gerade gegen Frankreich aufbaut: Supermärkte in Katar und in Kuwait verdammen französischen Käse aus ihren Regalen, Demonstranten im Gazastreifen lassen Fotos von Präsident Macron in Flammen aufgehen, eine iranische Zeitung bildet ihn auf der Titelseite als Teufel ab und Iran bestellt den höchsten französischen Diplomaten im Land ein. Seit dem Wochenende kommt es in vielen mehrheitlich islamischen Ländern zu Aktionen und Boykottaufrufen gegen Frankreich, angefeuert von Nachrichten in sozialen Netzwerken.

In Frankreich blicken viele Bürger fassungslos auf die Reaktionen: Tief sitzt der Schock über die schreckliche Enthauptung des Lehrers Samuel Paty, der seinen Schülern Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte und damit zur Zielscheibe eines islamistischen Terroristen geworden ist.

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Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?

"Recht auf Blasphemie"

Der Auslöser waren die Aussagen des französischen Präsidenten nach dem Anschlag, der in seinen öffentlichen Auftritten und in einer Rede klarstellte: Frankreich werde die Meinungsfreiheit verteidigen. Frankreich werde nicht aufhören, Karikaturen zuzulassen, auch nicht solche des Propheten Mohammed. Doch er verteidigte nicht nur die Meinungsfreiheit, er postulierte auch ein "Recht auf Blasphemie", berief sich auf "universelle Werte". Seine Rhetorik klang teilweise aggressiv: "Die Angst muss die Seite wechseln", verkündete er wenige Tage nach dem Tod des Lehrers. Islamisten sollten in Frankreich künftig nicht mehr ruhig schlafen können.

Macron verurteilte allerdings nicht nur den islamistischen Terrorismus und Extremismus, sondern schien auch den Islam als Ganzes zu kritisieren: Er kündigte ein Gesetz gegen "islamischen Separatismus" an und eine "Reform" des Islam in Frankreich. Zudem bezeichnete er den Islam als Religion, die sich "weltweit in der Krise" befinde. Vor allem letzteres nehmen ihm nun Muslime übel.

Seit dem Anschlag hatten sich auch andere hochrangige Politiker aus dem französischen Regierungslager islamkritisch geäußert: So erklärte Innenminister Gérald Darmanin, er finde Halal-Abteilungen in französischen Supermärkten schockierend. So entstehe eine "kommunitaristische Küche", was so viel heißen sollte wie: Wer Halal-Produkte kauft, spaltet die französische Gesellschaft. Darmanin hebt gern hervor, dass er selbst muslimische Wurzeln hat. Sein Großvater stammt aus Algerien.

DER SPIEGEL

Die Aussagen Macrons und seines Innenministers sind auch aus dem französischen Staatsverständnis heraus zu erklären: Der französische Staat ist explizit laizistisch, er postuliert universelle Werte für alle – und die Unterordnung unter die französische Kultur. Religiöse oder kulturelle Werte, die diesem Verständnis widersprechen, werden als "kommunitaristisch" gesehen, als spaltend. Weil in Frankreich europaweit die meisten Muslime leben, die teilweise durchaus auf eigenen Werten beharren, entsteht daraus ein Spannungsverhältnis, das schwer aufzulösen ist.

Erdoğans Eskalation

Ein internationaler Konflikt wurde aus der Angelegenheit aber erst, als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wegen dieser Aussagen Macrons Geisteszustand infrage stellte - als Antwort zog Frankreich seinen Botschafter ab, Erdoğan forderte einen Boykott französischer Produkte.

Der Politologe Antoine Basbous vom "Observatoire des Pays Arabes" sagte dem SPIEGEL, die Aussage des französischen Innenministers sei gewiss ungeschickt gewesen. Die Schuld an der Eskalation liege für ihn allerdings eindeutig bei Erdoğan. Der türkische Präsident habe die Gelegenheit genutzt, sich als "Chef der Sunniten" aufzuspielen und gegen Macron Stimmung zu machen. Basbous sagt, die Boykottaufrufe im Rest der arabischen Welt hätten seiner Meinung nach vorwiegend mit Erdoğan zu tun, der sich dabei auf seine Alliierten stütze. Die Aufrufe seien ursprünglich vor allem über Accounts der Muslimbruderschaft verbreitet worden, der Erdoğan sich zurechnet. Viele hätten sich aus Naivität angeschlossen, so Basbous: "Sie sehen nur, dass der Prophet Mohammed angegriffen wird" und reagierten darauf, "ohne dabei zu hinterfragen, wer hinter den Aufrufen steckt".

In vielen mehrheitlich islamischen Ländern steht nicht die Ermordung des Lehrers Samuel Paty im Vordergrund der Berichterstattung. Viele Muslime sehen darin die grausame Tat eines Einzelnen, die mit ihrem Glauben wenig zu tun hat. Stattdessen berichten die Medien ausführlich darüber, dass in Frankreich – aus Solidarität mit dem Opfer – erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht werden. Und über Macrons Aussagen.

Einige Staatsoberhäupter setzten nach: So warf Pakistans Premier Imran Khan Macron  vor, er attackiere den Islam. In einigen Staaten - von der Türkei über Iran, Jordanien, Saudi-Arabien, Kuwait bis nach Algerien - gab es in den sozialen Medien Aufrufe zum Boykott französischer Produkte. Sogar manche arabischen Handelsverbände haben sich dem Boykott inzwischen angeschlossen. 

In Iran warf der konservative Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf der französischen Regierung Heuchelei vor. Er bezeichnete die erneute Veröffentlichung der Karikaturen als Ausdruck von Arroganz gegenüber dem Islam. Im Libanon griff die Hisbollah das Thema auf, die gerade mit Macron über die Zukunft des Libanons streitet.

Empörung über Frankreich eint die islamische Welt

Es sind keineswegs nur Extremisten und Opportunisten, die sich über Frankreich echauffieren. Die Empörung über Frankreichs Haltung zu den Mohammed-Karikaturen scheint die muslimische Welt zu einen. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit, der derzeit 56 Länder angehören, hatte die Ermordung Patys bereits entschieden verurteilt und einen Zusammenhang mit dem Islam als Religion zurückgewiesen. Am Freitag kritisierte sie den "anhaltenden, systematischen Angriff auf die Gefühle von Muslimen" und die "überraschende Rhetorik mancher französischer Politiker", welche sie für schädlich halte. 

Der Islam und Muslime würden mit Terrorismus in einen Topf geworfen, beklagte die Organisation. Sie forderte dazu auf, Maßnahmen zu überdenken, die Muslime diskriminierten und "auf ungerechtfertigte Weise die Gefühle von eineinhalb Milliarden Menschen weltweit" verletzten.

Auch andere Organisationen meldeten sich zu Wort. Der Generalsekretär des Golfkooperationsrates, Nayef Al-Hajraf, nannte Macrons Äußerungen laut der saudischen Presseagentur "verantwortungslos" . "Sie sorgen dafür, eine Kultur des Hasses weiterzuverbreiten und dienen nicht den Beziehungen zwischen muslimischen Völkern und dem mit ihnen befreundeten französischen Volk." Dem Golfkooperationsrat gehören alle arabische Staaten am Persischen Golf an, mit Ausnahme des Irak.

Selbst das Königreich Jordanien, das international für ein friedliches Zusammenleben der Religionen eintritt, äußerte Kritik. Der als besonnen bekannte Außenminister Ayman Safadi schrieb auf Twitter , Jordanien verurteile die Veröffentlichung satirischer Karikaturen des Propheten Mohammed. "Wir müssen alle Handlungen ablehnen, die Hass, Gewalt und Terrorismus befeuern." Indirekt bedeutet dies: Man sieht die französische Linie als Teil des Problems. 

Proteste beunruhigen Paris

Die Kontroverse hat nun auch die russische Kaukasusrepublik Tschetschenien erreicht, aus der die Familie des 18-jährigen Attentäters Abdoullah A. stammt. Mufti Salach Meschijew bezeichnete Macron als "Terroristen Nummer eins in der Welt". Meschijew ist Berater des tschetschenischen Gewaltherrschers Ramsan Kadyrow. Der hatte den Mord an dem Lehrer Samuel Paty als terroristischen Akt verurteilt, aber auch betont, dass Muslime ein Recht auf ihre Religion haben.

In Meschijews Erklärung, die über den Instagram-Account des Geistlichen Rates der Muslime Tschetscheniens  verbreitet wurde, heißt es: "Macron, du bist das würdeloseste Wesen, der Feind Allahs, des Allmächtigen, der Feind der Menschheit, der Feind aller Muslime." Meschijew verurteilte Gedenkveranstaltungen für den ermordeten Lehrer Samuel Paty – und er behauptete fälschlicherweise, Macron habe angeordnet, dass an allen Regierungsgebäuden Frankreichs Mohammed-Karikaturen aufgehängt werden sollten.

Es sei schwer zu sagen, wie sich die Situation weiterentwickle und ob die Proteste sich bald legen werden, meint der französische Politologe Antoine Basbous. Man müsse sie jedenfalls sehr ernst nehmen. Das Ausmaß der Kritik scheint Frankreich zu beunruhigen: Das französische Außenministerium hat die betroffenen Länder am Sonntag dazu aufgefordert, die Boykottaufrufe sofort zu unterlassen. Seine eigenen Bürger rief es zur Vorsicht im Ausland auf und warnte vor Angriffen. Die Franzosen sollten sich von Protesten gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen fernhalten und öffentliche Versammlungen meiden. Konkret wurden Sicherheitshinweise für IndonesienBangladeschMauretanien, den Irak und die Türkei verfasst.

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